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StartseiteUmwelt und VerbraucherMikroplastik auf dem Acker 18.04.2019

Müll von Morgen?Mikroplastik auf dem Acker

Kleinste Plastikteile gelangen auf vielen Wegen in landwirtschaftlich genutzte Böden. Welche Rolle spielen dabei Mulchfolien, die Spargel oder Erdbeeren schneller reifen lassen sollen? Sind sie wirklich, wie von den Anbietern versprochen, biologisch abbaubar, wenn sie sich zersetzen?

von Anke Petermann

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Ein Arbeiter sticht auf einem Feld nahe Klaistow (Brandenburg) Spargel. (Ralf Hirschberger, dpa picture-alliance)
Spargelfeld unter Folien (Ralf Hirschberger, dpa picture-alliance)
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Liegt ein Acker unter Folie, wird mehr Humus aufgebaut, haben Nachwuchsforscher der Uni Landau herausgefunden. Doch auch unerwünschte Effekte erforscht der Umweltwissenschaftler Zacharias Steinmetz. Also:

"Sind Plastikfolien eine Quelle für Mikroplastik im Boden und wenn ja, in welchem Ausmaß? Wie weit finde ich vielleicht im Umkreis von einem Feld, das unter Folie ist, noch Plastikpartikel? Wie kann ich die vielleicht unterscheiden von Reifenabrieb, von Biokompost, der entweder auf dem gleichen Feld oder anderen Feldern ausgebracht wird?"

Bodenschonung gewünscht

Steinmetz kooperiert mit Erdbeer- und Gemüsebauern, die genauer wissen wollen, wie sich die Ackerfolie auswirkt. Vors Mikrofon wagt sich keiner. Doch der Nachwuchsforscher weiß, dass sich die Landwirte eine Mulchfolie wünschen, "die ihnen früher höhere Erträge bringt, aber trotzdem ihren Boden schont."

Zacharias Steinmetz, Umweltwissenschaftler an der Uni Landau, untersucht im Projekt SOILPLAST, ob Ackerfolien Makro- und Mikroplastik in die Felder eintragen. (Deutschlandradio / Anke Petermann)Zacharias Steinmetz, Umweltwissenschaftler an der Uni Landau (Deutschlandradio / Anke Petermann)

Bioabbaubare Mulchfolien ließen sich nach Gebrauch zeitsparend unterpflügen, wirbt der Chemie-Konzern BASF. Er stellt das Granulat namens "Ecovio" her, das zur thermoplastischen Folie weiterverarbeitet wird. Das Granulat besteht aus synthetischem Copolyester und zum kleineren Anteil aus Polymilchsäure, die aus nachwachsenden Rohstoffen wie Mais oder Maniok gewonnen wird. Die Anforderungen an die "bioabbaubare" Mulchfolie sind schärfer als an sogenannte "kompostierbare" Kunststoffe. Letztere müssen laut Europäischer Norm 13432 bei hohen Temperaturen in industriellen Kompost-Anlagen verrotten. Doch Norm-Anforderung und Realität klaffen zuweilen auseinander, in dieser Auffassung bestärkten Gerichte die Deutsche Umwelthilfe DUH am Beispiel angeblich "kompostierbarer" Einkaufstüten. In der Praxis verrotteten die Tüten in ihren Kompost-Anlagen dann doch nicht, hatten befragte Betreiber zurückgemeldet, die Tüten müssten aussortiert werden.

Die Ecovio-Mulchfolie muss dagegen im Ackerboden abbaubar sein, betont Katharina Schlegel von der Marktentwicklung Biopolymere bei BASF:

"Zertifiziert bodenabbaubar, das heißt, man nimmt das Material und misst auch die Umsetzung zu CO2 und Biomasse, aber man misst das bei niedrigeren Temperaturen, und man misst das in dem Boden selber. Und das Wichtige ist: Organismen, die natürlicherweise im Boden vorkommen, müssen in der Lage sein, das Polymer zu fressen, als wäre es ein natürliches Futter für die Organismen."

Zweifel von Umweltexperten

Die Europäische Norm 17033 für biologisch abbaubare Mulchfolien stammt vom März 2018. Auch sie, moniert Philipp Sommer, bei der Deutschen Umwelthilfe mit zuständig für Kreislaufwirtschaft, habe erhebliche Defizite.

"Da steht, dass der Test bei Temperaturen zwischen 20 und 28 Grad Celsius durchgeführt werden sollte, am besten allerdings bei 25 Grad Celsius. Und selbst, wenn man jetzt vielleicht die 20 Grad annimmt, die der Standard hier möglich macht, wäre das immer noch viel zu hoch, im Verhältnis zu den realen Gegebenheiten in Deutschland."

Dass sich die Folie - wie in der Europäischen Norm vorgesehen - innerhalb von 24 Monaten komplett in Kohlenstoff und Biomasse umwandelt, bezweifelt die Umwelthilfe deshalb. Außerdem problematisiert der DUH-Experte für Kreislaufwirtschaft:

"Dass durch den Vorgang des Unterpflügens die Folie am Ende zerrissen wird und einzelne Schnipsel hier auch über der Erde landen und dann eben durch Wind und Wetter verweht werden – etwa auch in Gewässer, in das Meer. Und das wissen wir aus Erfahrung, dass solche Biokunststoffe in anderen Umweltszenarien sich gar nicht weiter abbauen, zumindest nicht besser als normale Kunststoffe, weil der Standard ja auch nur für den Boden gilt und gerade nicht zum Beispiel fürs Meer."

Gutes Ergebnis bei Langzeit-Beobachtung

Für BASF dagegen hat sich in der Langzeit-Beobachtung bestätigt, dass sich die "bioabbaubaren" Ackerfolien komplett zersetzen, so Katharina Schlegel.

"Wir sehen, dass wenn das Ganze untergepflügt wird und der Kontakt zum Boden hergestellt wird, auch wenn etwas dann oben draufliegt – solange die Organismen sich draufgesetzt haben, ist der Abbau gestartet. Wir sehen nicht, dass es zu einer Akkumulation kommt, selbst in Gegenden, wo das seit Jahren benutzt wird. Und da gibt es einige: Gerade in Spanien und Italien und sehen wir das Problem im tatsächlichen Leben nicht."

Ohnehin aber findet Philipp Sommer von der Deutschen Umwelthilfe: Wollen Bauern unbedingt Folien verwenden, dann sollten sie diese nicht als Einmalprodukt nach Gebrauch unterpflügen.

"Viel besser wäre es, wenn die Folie eingesammelt und danach recycelt wird, sodass die gesamten Ressourcen, die gesamte Energie, die in dem Material stecken, auch erhalten bleiben."

Sammelstellen gibt es längst. Die behördliche Aufsicht habe zu kontrollieren, ob mit den neuartigen Folien zusätzliches Plastik auf die Felder gelangt, fordert die Umwelthilfe. Falls ja, müssten die Behörden das den Bundesministerien für Landwirtschaft und Umwelt zurückmelden.

"Dann wäre eine denkbare Vorgabe des Gesetzgebers, dass Landwirte solche Mulchfolien auch zwingend wieder einsammeln müssen."

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