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StartseiteForschung aktuellMilch in selbstauflösender Kapsel09.03.2021

MüllvermeidungMilch in selbstauflösender Kapsel

Alukapseln für Kaffeemaschinen sind in Verruf geraten, weil sie viel Müll produzieren, wenn sie nicht recycelt werden. Aber was ist mit den Kunststoffdöschen für Kondensmilch? Ein Forschungsteam an der Universität Halle-Wittenberg hat auch dafür eine Alternative gefunden.

Von Simon Schomäcker

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Das Foto zeigt links ein klassisches Milchdöschen in Plastikverpackung, recht daneben die auflösbare Milchkapsel (Uni Halle / Michael Deutsch)
Kondensmilch mit - und ohne Plastikverpackung. (Uni Halle / Michael Deutsch)
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In Kantinen oder auf Konferenzen liegt es bis heute oft auf der Kaffee-Untertasse - das Kondensmilch-Döschen aus Plastik. Die Verpackungen erzeugen nicht nur viel Müll, sondern zeigen sich beim Öffnen mitunter auch widerspenstig. Was nicht selten dazu führt, dass Kondensmilchspritzer auf dem frisch gewaschenen Oberhemd landen. Ein Ärgernis, das sogar die Wissenschaft bewegt. Martha Wellner und Joachim Ullrich haben ein marktreifes Verfahren entwickelt. 

"Alle Forscher oder Wissenschaftler haben sich immer nur damit beschäftigt, wie man dieses Döschen denn gestalten könnte – ob es an der Form liegt, an dem Druck oder an dieser Aufreißlasche. Aber bis jetzt ist halt eben noch keiner darauf gekommen, das Döschen wegzulassen und etwas ganz anderes zu erfinden", sagt Martha Wellner. Im Rahmen ihrer Promotion an der Universität Halle-Wittenberg hat sie deshalb eine selbstauflösende Milchkapsel entwickelt. 2017 gingen sie und ihr betreuender Professor Joachim Ulrich damit an die Öffentlichkeit. Die Kapseln sehen aus wie kleine weiße Halbkugeln und bestehen aus zwei Stoffen: Zucker oder einem Zuckerersatzstoff - und der Milch.

So funktioniert das Verfahren

Martha Wellner erklärt das Produktionsverfahren, das mittels thermodynamischer Prozesse funktioniert: "Aus beiden Stoffen wird eine Lösung hergestellt, die wird dann in Formen gegeben. Und im Verlauf einer bestimmten Zeit wird dann die Kapsel außen um die Flüssigkeit herum kristallisiert".

Und zwar, indem der überschüssige Zucker an den Rand der Flüssigkeit wandert. Auch Süßigkeiten mit flüssigem Kern, etwa Schoko-Erfrischungsstäbchen, werden so hergestellt. 1,5 Millimeter dick ist die Hülle der Milchkapseln. In einer Flüssigkeit löst sie sich rasch komplett auf - und die Milch im Inneren ist ungekühlt mindestens drei Wochen haltbar. Da die Kruste des ersten Prototyps aus Zucker besteht, konnte sie gleich auch noch den Zuckerstreuer oder die kleinen Papiertüten ersetzen.

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Die Hallenser Forscher entwickelten später noch eine ungesüßte Variante, berichtet Joachim Ulrich: "Da boten sich die Zuckeralkohole an, die sich in ähnlicher Weise verkrusten lassen, um diese feste Außenkruste zu erzielen. Ehrlicherweise muss man sagen, dass sie eine gewisse Restsüße haben. Diese Restsüße ist aber so gering, dass man sie nicht schmeckt." Zuckeralkohole sind zudem auch für Diabetiker unbedenklich, weil sie den Blutzuckerspiegel kaum beeinflussen.

Darum ist das Produkt noch nicht auf dem Markt

Martha Wellner und Joachim Ulrich meldeten ihre selbstauflösende Milchkapsel als Patent an – und bekamen ein großes Medienecho. Eine Lebensmittelfirma erwarb daraufhin das Patent - und wollte die Kapseln produzieren. Ein erfreulicher, aber auch mutiger Schritt. Denn etwa eine Million Euro sind für passende Maschinen und deren Betrieb nötig.

Doch dazu kam es bis jetzt nicht, sagt Ulrich: "Ich weiß, dass sie mit Marktstudien angefangen haben. Ich weiß aber auch, dass es firmenintern größere Veränderungen gegeben hat. Und dann ist immer die Frage der Prioritäten eines neuen Produktes. Offensichtlich sind wir von der Prioritätenliste von sehr hoch auf etwas niedriger gerutscht. Das kann heißen, dass das jetzt sehr lange brachliegt. Es kann aber auch sein, dass das jetzt irgendwann wieder zügig in den Markt reingeht."

Ungefähr so teuer wie Plastik-Milchdöschen

Die Produkt-Entwickler von der Uni Halle wissen: Das Interesse an ihren selbstauflösenden Milchkapseln ist vorhanden – und zwar weltweit. Sie würden sich daher freuen, wenn die Lebensmittelfirma das Patent gegebenenfalls verkauft oder Lizenzen vergibt, sollten sie die Kapseln vorerst doch nicht herstellen wollen. Denn das Produkt wäre laut seiner Erfinder ungefähr genauso teuer wie Plastik-Milchdöschen - und es könnte helfen, massenhaft Müll zu vermeiden, betont Martha Wellner: "Wenn man davon ausgeht beispielsweise, dass ein Milchdöschen ein Gramm Plastikmüll erzeugt – und man dann überlegt, es gibt 52 Millionen Kaffeetrinker in Deutschland. Und wenn jeder von diesen 52 Millionen Kaffeetrinkern jeden Monat ein Döschen wegwerfen würde, wären wir bei einem Plastikmüll von 624 Tonnen im Jahr." Und auch die Milchspritzer auf der Kleidung wären passé. 

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