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MultimedikationBedrohliche Wechselwirkungen

Wer ein Medikament einnimmt, findet zahlreiche Angaben über unerwünschte Nebenwirkungen. Noch komplizierter wird es, wenn verschiedene Präparate verschrieben worden sind, um mehrere Krankheiten zu behandeln. Dann kommen nämlich noch Wechselwirkungen ins Spiel, die lebensgefährlich sein können.

Von Michael Engel | 26.08.2014

Ein Haufen gemischert, bunter Tabletten
Wer unterschiedliche Medikamente für verschiedene Beschwerden nimmt, kann unter Wechselwirkungen leiden. (dpa / picture alliance / Klaus Rose)
Pillen zur Blutverdünnung nach einem Herzinfarkt, Antibiotika gegen den akuten Infekt, Schmerzmittel, Antidepressiva, ein Mittelchen gegen Fußpilz als Folge von Diabetes und und und. Pharmakologen wie Professor Dirk Stichtenoth von der Medizinischen Hochschule Hannover sprechen von Multi- beziehungsweise Polymedikation, wenn mehr als fünf Präparate gleichzeitig eingenommen werden. Betroffen sind vor allem ältere Menschen:
"Die Probleme, die sich daraus ergeben, liegen eigentlich auf verschiedenen Ebenen. Zum einen haben wir im Alter Veränderungen der Wirksamkeit von Medikamenten. Dann haben wir Veränderungen der Verstoffwechselung in der Leber, aber auch ganz besonders der Ausscheidung über die Nieren. Das ist ein Organ, an das man sehr oft viel zu wenig denkt. Und natürlich das große Thema Wechselwirkungen."
Häufig werden die Betroffenen von mehreren Fachärzten gleichzeitig behandelt, die sich zwar an wissenschaftlichen Leitlinien orientieren - für sich genommen also alles richtig machen. Doch in der Kombination all dieser Präparate kann es zu Wechselwirkungen kommen, weil es häufig keinen Arzt gibt, der das Ganze überblickt und koordiniert.
"Wir wissen über viele Wechselwirkungen bislang nur unzureichend Bescheid. Und das Hauptproblem, das sich dann daraus ergibt, ist eben, dass ein Arzt oder eine Ärztin dann die Entscheidung treffen muss, ist die Wechselwirkung klinisch so relevant und so gefährlich, dass man eben Medikamente austauschen und ersetzen muss."
"Es gibt keine absolute Sicherheit"
Bei 50.000 Präparaten, die in unterschiedlichsten Kombinationen eingenommen werden können, ist die Zahl der möglichen Wechselwirkungen in der Tat immens. Es gibt zwar Datenbanken über pharmakologische Wechselwirkungen, doch die können nur vor Interaktionen warnen, die tatsächlich auch erforscht sind. Und genau das, sagt Magdalene Linz, Präsidentin der Apothekerkammer in Niedersachsen, ist das Problem:
"Man muss ganz offen sagen, dass es eben eine absolute Sicherheit nicht geben kann. Es gibt neue Medikamente: Man kennt die Wechselwirkungen bei diesen neuen Medikamenten nicht komplett, weil eben zu Anfang während der Studienphase ja oft Menschen behandelt werden, die gesund sind. Es wird an Gesunden ausprobiert. Hinterher wird es auch bei Kranken eingesetzt, aber dann ist natürlich die Frage, welche anderen Medikamente nehmen die Kranken noch."
Aufpassen bei Kontraindikation
Schon bei zwei Präparaten macht die Pharmadatenbank mehrere Angaben über potenzielle Wechselwirkungen. Bei fünf Präparaten ist es schon eine stattliche Liste. Bei 15 und mehr Medikamenten stapeln sich die Hinweise über viele Seiten. Das alles zu bewerten, ist keine leichte Aufgabe. Besonders kritisch ist der Warnhinweis "Kontraindikation". In diesem Fall muss sofort nach Alternativen gesucht werden, sagt die Apothekerin.
"Normalerweise würden wir sicherlich so vorgehen, dass wir schauen, wer hat jetzt das letzte Medikament verordnet, was da möglicherweise ein zusätzliches Problem macht. Das heißt, wir würden dann im Zweifelsfall vermutlich erst mal den Arzt ansprechen, der jetzt als letzter das Medikament verordnet hat."
Koordinator in Fragen der Multimedikation sollte der Hausarzt sein, sagen die Experten übereinstimmend. Mit der Abda-Datenbank bieten aber auch die Apotheken einen Medikamentencheck an - kostenlos. Dann aber bitte alle, auch die frei erhältlichen Präparate auf den Tisch legen. Denn auch diese Wirkstoffe lösen mitunter schwere Wechselwirkungen in Kombination mit anderen Präparaten aus.