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StartseiteUmwelt und Verbraucher Munitionsrückstände des Krieges05.02.2013

Munitionsrückstände des Krieges

Altlasten gefährden Nord- und Ostsee

Rund 1,8 Millionen Tonnen Munitionsaltlast aus dem Zweiten Weltkrieg befindet sich noch auf dem Meeresboden der Nord- und Ostsee. Durch zunehmende Korrosion der Munitionskörper könnte eines Tages deren giftiger Inhalt freigesetzt werden. Experten suchen nach Beseitigungsmöglichkeiten, ohne Schäden für Mensch, Tier und Umwelt zu riskieren.

Von Dieter Nürnberger

Ein Hinweisschild am Strand von Rerik warnt vor Munitionsresten am Strand. (picture alliance / dpa /Bernd Wüstneck)
Ein Hinweisschild am Strand von Rerik warnt vor Munitionsresten am Strand. (picture alliance / dpa /Bernd Wüstneck)

Jens Sternheim ist Mitglied im Bund-Länder-Ausschuss Nord- und Ostsee. Der Experte aus dem schleswig-holsteinischen Umweltministerium sieht es inzwischen als bewiesen an, dass sich mindestens rund 1,8 Millionen Tonnen Munitionsaltlasten auf dem Meeresgrund befinden.

"Auch heute wissen wir, dass wir mit Sicherheit nicht alles wissen. Wir wissen allerdings, dass die Inhaltsstoffe von Munition - sowohl konventioneller als auch chemischer Munition - hoch toxisch sind. Das heißt, wenn sie in die Meeresumwelt gelangen, dann kann sie sich auch in der Wassersäule oder im Sediment anreichern."

Die Uhr tickt, denn durch Korrosion der Munitionskörper könnte eines Tages deren giftiger Inhalt freigesetzt werden. Von einer latenten Gefahr spricht deshalb Sven Koschinski, der Biologe berät den Naturschutzbund Deutschland, der schon seit geraumer Zeit auf das Problem am Meeresboden aufmerksam macht.

"Munitionsreste können am Strand ankommen, sie können auch in die Nahrungskette und somit in unsere Lebensmittel gelangen. Miesmuscheln beispielsweise filtrieren Partikel aus dem Wasser, und wenn Munitionsbestände durch Sprengung oder auch natürlichen Zerfall im Wasser sind, dann werden die durch diese Muscheln aufgenommen und im Körper angereichert."

Dass Munitionsreste immer wieder auch im Watt oder an Stränden gefunden werden, zeigt eine Auflistung im aktuellen Bericht des Bund-Länder-Ausschusses Nord- und Ostsee. So gab es auch Fälle, dass Touristen durch Sturmfluten angespülte bernsteinfarbene Phosphorklumpen berührten und es zu Verbrennungsunglücken kam.

Die Munitionsaltlasten spielen übrigens auch bei der Planung von Windenergieanlagen auf hoher See eine wichtige Rolle. Die Nutzer des Meeresbodens müssen sich bewusst sein, dass hier latente Risiken lauern. Doch bislang musste noch kein Projekt verschoben oder verlagert werden, so das zuständige Bundesamt für Seeschifffahrt und Hydrografie. Jens Sternheim aus dem Kieler Umweltministerium hofft, dass man künftig - auch durch technisch verbesserte Ortungsmaßnahmen - ein genaueres, ein lückenloseres Bild bekommt.

"Der Beginn einer Lösung ist zum einen eine Bestandsaufnahme und eine Kartierung der bekannten Flächen. Die Wünsche, die ich an die Politik habe, sind natürlich, dass man uns weitermachen lässt und, dass man uns die finanziellen Mittel, die dann zur Verfügung stehen müssen, auch gibt."

In Gefahrensituationen bleibt nur die Bergung oder die direkte Sprengung der Munition. Doch auch Detonationen bergen ökologische Risiken - Meeresbiologe Sven Koschinski.

"Man muss ich vorstellen, dass hier enorme Drücke ungebremst vom Wasser in das Gewebe übertreten. Und gerade an Grenzflächen von Wasser und Luft - in der Lunge oder bei Fischen auch an der Schwimmblase zu Geweberissen führt. Es kann zu Beschädigungen der kleinen Gehörknochen kommen. Bei einer Mine - die so standardmäßig in der Ostsee findet, mit rund 300 Kilogramm Sprengstoffinhalt - muss man davon ausgehen, dass bei Meeressäugetieren wie etwa dem Schweinswal, noch etwa in vier Kilometern Entfernung schwerste Verletzungen auftreten."

Die Entwicklung neuer und umweltfreundlicherer Beseitigungsmethoden steht deshalb ganz oben auf der Wunschliste des Meeresbiologen. Eine Methode ist der Blasenschleier - Druckluft steigt hier in Form eines Vorhangs aus Luftblasen auf und bildet damit eine physikalisch-akustisch dämmende Barriere für Schallwellen. Eingesetzt wird die Technik inzwischen auch beim Bau von Offshore-Windanlagen, beispielsweise, wenn deren Fundamente mit großem Lärm im Boden verankert werden.

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