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StartseiteDie neue PlatteMusikalische Geisterbahn28.02.2010

Musikalische Geisterbahn

Die Symphonie fantastigue von Hector Berlioz

Nichts als ein Gerippe ist auf der CD-Box zu erkennen, die das Label Zig-Zag jüngst veröffentlicht hat. Die knöcherne Erscheinung ist das Skelett eines Affens und die Musik auf der CD die Symphonie fantastique von Hector Berlioz. Diese kann ohne weiteres als eine Art musikalische Geisterbahn begriffen werden.

Moderation: Ludwig Rink

Berlioz gelingt es, Walzertakt, Flötenspiel und Donnergrollen im orchestralen Gewand zu vereinen.  (Deutschlandradio - Bettina Straub)
Berlioz gelingt es, Walzertakt, Flötenspiel und Donnergrollen im orchestralen Gewand zu vereinen. (Deutschlandradio - Bettina Straub)

1 Hector Berlioz:
Le carneval romain
Anima Eterna Brugge, Leitung: Jos van Immerseel
Zig-Zag Territoires


Karneval und Fasching sind vorbei, Kater, Kopfschmerz, Erkältung und andere gesundheitliche Spätfolgen des Feierns sowie der Aschermittwoch haben viele von uns an die Vergänglichkeit menschlicher Existenz erinnert. Da veröffentlicht das Label Zig-Zag Territoires eine CD-Box in Schwarzweiß, auf deren Vorderseite nichts anderes als ein Skelett zu erkennen ist. Kein menschlicher Knochenmann, wie man auf den ersten erschrockenen Blick meinen mag, sondern das Skelett eines Affen. Die Verbindung zur eingespielten Musik erschließt sich möglicherweise, wenn man die Symphonie fantastique von Hector Berlioz als eine Art musikalische Geisterbahn begreift.

Hector Berlioz: 1. Satz aus: Symphonie fantastique, op. 14
Anima Eterna Brugge, Leitung: Jos van Immerseel
Zig-Zag Territoires (LC 10894 ) (Vertrieb: harmonia mundi)


Hector Berlioz stammte aus der Dauphiné und machte in Grenoble sein Abitur. Von seinem Vater berichtet ein Musiklexikon, dass er aus Liebhaberei als Arzt praktizierte, die Lektüre liebte und "mit Gelassenheit die Anwesenheit einer zänkischen Frau" ertrug. Und über den jungen Hector erfährt man an selber Stelle, dass er als Knabe auf Flöte und Gitarre improvisierte, viel las und auf Spaziergängen durch die Landschaft stundenlang träumen konnte. Hier sei auch, "unter dem zwiefachen Einfluss von Religion und Poesie", "seine romantische Seele" erwacht. Nun gut. Nach dem Abitur jedenfalls ging Berlioz nach Paris, quartierte sich im Quartier Latin ein und sollte nach dem Willen des Vaters Medizin studieren.

Viel lieber jedoch besuchte er die Oper, bestaunte und kopierte Partituren in der Bibliothek des Konservatoriums und wurde schließlich Kompositionsschüler von Lesueur. Auseinandersetzungen mit der Familie waren vorprogrammiert, zumal Berlioz bald in arge Geldnöte geriet, weil er mit Krediten die offenbar musikalisch durchaus erfolgreiche Uraufführung einer eigenen Messe finanziert hatte. Ebenso unsterblich wie lange Zeit vergeblich verliebte er sich in eine Schauspielerin, die er in Shakespeare-Aufführungen im Odéon als Ophelia und Julia erlebt hatte. Die, wie gesagt, längst erwachte romantische Seele glühte, brodelte und kochte. In dieser Stimmung, entschlossen, dieses poetische Leben zu leben oder ins Nichts zu versinken, hört er zum ersten Mal Beethovens Sinfonien – völlig zerschmettert soll er danach jeweils gewesen sein.

All dieses und noch viel mehr spiegelt sich in der Symphonie fantastique wider, die Berlioz in diesen jungen Jahren verfasst hat: musikalischer Ausdruck romantischer Träume und Alpträume, tönendes Tagebuch eines ungestümen Lebens, klingendes Kaleidoskop einer aufgewühlten Gedankenwelt.

Hector Berlioz: 2. Satz "Un Bal" (Ausschnitt) aus: Symphonie fantastique, op. 14
Anima Eterna Brugge, Leitung: Jos van Immerseel
Zig-Zag Territoires (LC 10894 ) (Vertrieb: harmonia mundi)


Der Untertitel dieser Berlioz-Sinfonie lautet "Episode aus dem Leben eines Künstlers". Dies und die Überschriften der einzelnen Sätze und eine Reihe von Werkerläuterungen des Komponisten erleichtern das Verfolgen des außermusikalischen Programms. Mit einer gehörigen Portion romantischer Selbstironie erläutert Berlioz: "Ein junger Komponist von krankhafter Empfindsamkeit und glühender Fantasie hat sich in einem Anfall verzweifelten Liebeskummers mit Opium vergiftet. Die Dosis versenkt ihn in einen langen Schlaf, den die seltsamsten Visionen begleiten. Die Geliebte wird für ihn zu einer Melodie, zu einer 'idée fixe', die er überall wieder findet und überall hört." Soweit Berlioz.

Das Werk beginnt mit den Träumen und Leidenschaften des jungen Komponisten, seltsam schwebend, schwankend zwischen Euphorie und Melancholie. Im zweisten Satz, aus dem Sie vorhin einen Ausschnitt hörten, begegnet er der Geliebten bei einem Ball in festlichem Rahmen und im Walzertakt. Das darauf folgende Adagio, eine "Szene auf dem Land", könnte eine von Flötenspiel und Donnergrollen durchzogene Erinnerung an die heimatliche Alpenlandschaft von Berlioz’ Jugend sein. Danach lassen sich Realität und fiebriger Traum nicht mehr auseinanderhalten: Hat der Künstler seine Geliebte nun ermordet oder nicht? Drogenumnebelt jedenfalls sieht er sich beim makabren Marsch auf den Richtplatz, wo eine trompetenschmetternde selbstsicher-unerschütterliche Staatsmacht erbarmungslos und mit affirmativem Pomp das grausige Urteil vollstreckt.

Hector Berlioz,
4. Satz "Marche au Supplice
aus: Symphonie fantastique, op. 14
Anima Eterna Brugge, Leitung: Jos van Immerseel
Zig-Zag Territoires (LC 10894 ) (Vertrieb: harmonia mundi)


Fantastisch ist Berlioz’ Sinfonie auch in einem anderen Sinne: es ist fast unglaublich, mit welcher Genialität und handwerklicher Sicherheit der gerade einmal 27-Jährige neue formale Lösungen findet und dabei auch noch ein außermusikalisches Programm realisiert; mit welcher Meisterschaft er dem sinfonischen Orchesterapparat durch eine Vielzahl neuer Techniken und Spielweisen bis dahin völlig unbekannte Klangwirkungen entlockt. Diese hohe, damals neuartige Kunst der Instrumentation wird in der vorliegenden Aufnahme des Ensembles Anima Eterna Brügge unter Leitung von Jos van Immerseel ganz besonders gut deutlich: Die relativ klein gehaltene Besetzung, die Verwendung zeitgenössischer Instrumente, die vom Dirigenten gestaltete Balance und der geschickte Einsatz moderner Tontechnik – all das lässt auch jene leiseren Instrumente einzeln und in Kombination gut hervortreten, die in anderen Aufnahmen oft verdeckt werden. Das Argument, dass Berlioz immer möglichst große Besetzungen verlangt habe, relativiert Dirigent Immerseel dabei mit dem Hinweis auf die Qualität der jeweiligen Musiker: Bei hoher Qualität der Ensembles, die Berlioz damals zum Beispiel in Frankfurt und Stuttgart vorgefunden habe, habe er sich mit 40 bis 50 Musikern zufrieden gegeben, nur in Paris, wo damals das Niveau wohl deutlich niedriger lag, habe er vor allem bei den Streichern eine viel größere Zahl verlangt, um falsche Töne, verwackelte Einsätze und dünnen Klang kaschieren zu können. Vielleicht sollte man noch erwähnen, dass Immerseels aus ganz Europa kommende Spezialisten für historische Aufführungspraxis natürlich zu jener Kategorie gehören, die keine große Masse brauchen, um Qualität zu liefern.

Werden Sie zum Schluss nun Zeuge eines ebenso grotesken wie beängstigend-unheimlichen Hexensabbats: Im Schluss-Satz der Sinfonie sieht sich der Künstler umringt von Ungeheuern und Gespenstern, die sich zu seinem Begräbnis versammelt haben - mit Totenglocken und dem berühmten "Dies irae", das von den Schrecken des Jüngsten Gerichts kündet.

Hector Berlioz:
Schluss
aus: Symphonie fantastique, op. 14
Anima Eterna Brugge, Leitung: Jos van Immerseel
Zig-Zag Territoires (LC 10894 ) (Vertrieb: harmonia mundi)


Die Neue Platte – heute mit einer fantastischen Neuproduktion der Symphonie fantastique von Hector Berlioz. Jos van Immerseel dirigierte sein 1987 gegründetes Orchester Anima Eterna, das seit einiger Zeit seine dauerhafte Bleibe in der belgischen Stadt Brügge gefunden hat. Neben der Sinfonie bietet diese Produktion des Labels Zig-Zag Territoires übrigens noch Berlioz’ Tondichtung "Le carnaval romain". Im Studio verabschiedet sich Ludwig Rink.

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