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StartseiteRock et ceteraAch neige, Du Schmerzensreiche!12.01.2020

Musikerin Heather NovaAch neige, Du Schmerzensreiche!

Ihre besten Texte und Lieder entstehen, wenn es ihr nicht gut geht, hat Heather Nova einmal gesagt. Aber Trauer beinhaltet für sie eben auch Hoffnung. Diese Haltung verbindet frühe Erfolgsalben wie "Oyster" von 1994 nahtlos mit dem 2019 erschienenen "Pearl".

Von Fabian Elsäßer

Heather Nova steht mit Gitarre an eine Wand gelehnt. (Vincent Lions)
"Alle meine Alben sind äußerst persönlich": Heather Nova (Vincent Lions)
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Heather Nova: "When we’re feeling lonely or sad, we don’t want to listen to cheerful music".

Nein, das wollen wir nicht. Gut, die Frohnaturen vielleicht. Aber die Sensiblen brauchen etwas anderes, wenn sie traurig sind und einsam.  

Nova: "We want empathy, right?  We want someone who understands. We want music that expresses what we are feeling deep inside."

Dann braucht man Musik des Mitgefühls, von jemandem, der uns versteht. Diese Musik fanden kummervolle Heranwachsende, und nicht nur die, Mitte der 90er Jahre sehr oft bei ihr. Und heute schreibt sie immer noch Songs über und gegen den Kummer.

Nova: "The act of writing is an act of hope in itself!"

Musik: "Some things just come undone"

Songtext: "Ich ging mit meinem wunderbaren Kind hinunter zum Meer und sagte: manche Dinge lösen sich einfach auf. Ich sagte ihm: zwei zuhause sind besser als eines. Ich werde alle sin Ordnung bringen. Sollte ich weinen oder meine Gefühle verbergen? Ach, meine bemutternde Art."

Zutiefst autobiographisch

"Some things just come undone": Manche Dinge lösen sich einfach auf. In diesem Song ihres 2019 erschienenen Albums "Pearl" schildert Heather Nova einen Moment, den wohl alle Paare mit Kindern fürchten: Ihnen zu sagen, dass die Eltern nicht mehr zusammen sein werden. Es ist ein zutiefst autobiografisches Lied, denn Heather Nova und ihr Mann haben sich nach fast 20 Jahren Ehe getrennt. Eine Zeitlang war das eine gerne benutzte Werbestrategie von Künstlern, über das jeweils neue Album zu sagen: das sei nun wirklich ihr bisher persönlichstes. Im Fall von Nova scheint das ausnahmsweise zu stimmen. Und da widerspricht die Sängerin prompt.

Nova: "Der Meinung bin ich nicht. Alle meine Alben sind äußerst persönlich. Mein Schreiben kommt aus den tiefsten Schichten meiner Psyche und meines Herzens. Und oft erkunde ich Teile meiner Persönlichkeit mithilfe eines Songs, was mir anders nicht gelingt. Es ist ein sehr ehrlicher Prozess, deshalb ist das immer persönlich".

Diese Intensität war von Anfang an da, und sie sorgte dafür, dass Heather Nova in den frühen 90er-Jahren schnell ihren Platz im Musikgeschäft fand. Auf dem Debüt "Glowstars" aus dem Jahr 1992 stach schon ihr himmelhoher Gesang heraus, doch die Songs wirkten noch etwas zögerlich. Das änderte sich schlagartig zwei Jahre später mit dem Album "Oyster". Zum Gefühl kamen nun Melodien, die es sich im Gehörgang auf wohlige Art wohnlich machten.

Musik: "Walk this world"

"Walk this world" ist das wohl bekannteste Stück vom Album "Oyster", das Heather Nova 1994 zu internationaler Anerkennung verhalf.

Nova: "I remember when Oyster came out in the US, it sold a million records".

Neues Rollenmodell für Rockmusikerinnen

Eine Million Platten habe sie davon allein in den USA verkauft, erinnert sich die Sängerin. Natürlich hatte es schon weibliche Pop- und Rockmusikerinnen gegeben. Im Pop die quietschfröhliche Cindy Lauper, im Rock eher den Jeans- und Lederjacken-Vamp-Typus einer Pat Benatar oder Allanah Myles. Und im Indie-Rock gab es gleichberechtige Front-Frauen wie Kim Deal bei den Pixies und Breeders oder Kim Gordon bei Sonic Youth. Heather Nova schuf aber ein neues Rollenmodell: das der verletzlichen jungen Frau, die dennoch trotzig und selbstbewusst ihre Art des Erzählens und Musikmachens vertritt. Singer-Songwriter-Tradition verband sie mit krachenden Gitarren. Das Beispiel der 1967 geborenen Künstlerin von den Bermuda- Inseln machte Schule. Am erfolgreichsten in Gestalt der jüngeren Alanis Morrissette, die sich allerdings gleich mit ihrem Debütalbum in die Stratosphäre der Multimillionen-Verkäufer katapultierte, die Heather Nova nie erreicht hat. "You oughta know", dieser Wutanfall einer verlassenen jungen Frau, verstörte uns damals regelrecht.

Musik: Alanis Morissette "You oughta know"

Aber... Nova: "I came first!"

Außerdem war Heather Novas Musik doch anders als der Sound von Alanis Morrissette. Weniger bombastisch, nicht so gnadenlos direkt und überzeichnet roh produziert, sondern auf eine gefällige Art dramatisch, insgesamt getragener, zarter. "Light Years", noch so ein Leuchtturm-Song vom Album "Oyster" zeigt diese Unterschiede besonders deutlich.

Musik: "Light Years"

Nova: "Ich liebe Dynamik in der Musik! Einerseits hat man da diese totale Zerbrechlichkeit mit Cello und akustischer Gitarre, und dann brechen auf einmal diese großen Rockgitarren los! Auf diese Weise arrangiere ich meine Songs am liebsten."

Sagt Heather Nova selbst über Ihren Stil. Sie ist weitestgehend dabeigeblieben, hat aber auf ihren zehn Studio-Alben von 1992 bis 2019 graduelle Veränderungen vorgenommen. Songs von fast alle Alben finden bis heute einen Platz bei ihren etwa zweistündigen Auftritten, die beiden bekanntesten - "Oyster" und der Nachfolger "Siren" - natürlich besonders prominent. "Siren" aus dem Jahr 1998 war in Deutschland noch erfolgreicher als "Oyster", und beinhaltete den Single-Hit "London Rain".

Musik: "London Rain"

Andere Alben behandelt Heather Nova heute eher stiefmütterlich.

Nova: "Es gibt ein paar Alben, nein, eigentlich nur eines: "South", das sich für mich nicht wirklich wie von mir selbst anfühlt. Da waren zu viele Produzenten beteiligt und die Plattenfirma hatte zuviel Einfluss. Mit "South" wollten sie verzweifelt einen Hit und haben mich dazu bewegt, mit zu vielen unterschiedlichen Leuten zu arbeiten. Major Labels sind ein zweischneidiges Schwert: Man bekommt viel Geld zur Unterstützung, hohe Aufnahmekosten, Videos. Das ist toll, aber man verliert einen gewissen an Selbstbestimmtheit und Kontrolle. Deswegen bin ich froh, nicht mehr in diesem Kreislauf, sondern wirklich unabhängig  zu sein." 

Fans ihrer frühen Werke dürften sich damals, 2001, gefragt haben, was das denn jetzt solle. "South" wirkte wie der Versuch, den eigenen Nachfolgerinnen und deren Erfolg nachzueifern. Immerhin ging das Kalkül in Deutschland mit einem hohen Top-Ten-Platz auf, anderswo nicht so sehr und vor allem in den USA, die der Plattenfirma so wichtig gewesen wäre, überhaupt nicht. Der einzige Song von "South", der es bis heute verlässlich in Heather Novas-Setlisten schafft, ist interessanterweise eine ihrer seltenen Cover-Versionen. Es ist ausgerechnet "Gloomy Sunday", ein Stück aus den 30er-Jahren, das wegen seiner Traurigkeit als "Hungarian Suicide Song" berüchtigt wurde, obwohl der Zusammenhang mit Selbsttötungen in Ungarn wohl eher eine sogenannte urbane Legende ist. In der englischsprachigen Welt wurde der Song durch die Jazzsängerin Billie Holiday bekannt.

Musik: "Gloomy Sunday"

Heather Novas Version des Jazz-Klassikers "Gloomy Sunday", die sie 2001 aufgenommen hat, ist befremdlich. Das liegt am diffusen Arrangement: Triphop trifft auf Lounge-Jazz und süßlich-sämige Streicher. Andererseits zeigt sie darin die ganze Bandbreite ihrer einzigartigen Stimme, vom tiefen Raunen bis in höchste Lagen.

Einfach mal die Stimme loslassen

Nova: "Ich weiß nicht, ob sie wirklich einzigartig ist. Aber ich habe gemerkt, dass es sich gut anfühlt, zu singen, mit acht oder neun. Da habe ich Joni Mitchel-Platten mitgesungen. Das fand ich so entspannend. Auftreten war am Anfang hart für mich, weil ich wie gesagt schüchtern war. Aber als ich erstmal in London lebte und dort eine Band zusammengestellt habe, konnte ich wirklich loslassen. Weil ich all diese Unterstützung hinter mir hatte und nicht mehr alle nur auf mein akustisches Gitarrenspiel achteten, das damals nicht so besonders war. Das Mikrofon gab mir einfach diese Freiheit. Ich hatte auch immer diese wirre Vertrauen in meine Stimme. Ich weiß nicht, wo sie hinwill, aber ich lasse sie einfach los. Nach einem Auftritt fühle ich mich lustigerweise so, als hätte ich einen Berg bestiegen. Ich weiß nicht, ob das mit der tiefen Atmung zusammenhängt, aber man fühlt sich wie gereinigt und trainiert."

Nach dem Multi-Produzenten-Album "South" wechselte Nova wieder aus der Major-Label-Liga zu den Unabhängigen. Und sie verzichtete auf eine weitere Karriere in den USA, einerseits wegen "Plattenfirmenkram", wie sie es heute nennt, andererseits aus privaten Gründen.

Nova: "Ich bekam damals meinen Sohn. Da wollte ich nicht mehr überall gleichzeitig sein, deshalb habe ich aufgehört, in den USA zu veröffentlichen und dort aufzutreten. Ich wohnte damals in London, und ich toure viel lieber durch Europa. Darauf wollte ich mich konzentrieren."

Ihre nächsten Alben wirkten wie ein Gegenentwurf zu "South" und sogar noch zu den Alben der Frühphase. Am deutlichsten machte das "The Jasmine Flower" aus dem Jahr 2008.

Auf leise Weise radikal

Nova: "Ich wollte eine Platte machen, die rein akustisch war, sehr pur. Ich und meine Gitarre und ein schönes Neumann-Mikrofon. Ich habe sie zuhause aufgenommen, und nur auf ein paar Songs ein Streichquartett hinzugefügt."

Nicht nur die musikalische Reduktion war bemerkenswert und auf eine leise Weise radikal. Mit "Every soldier is a mother‘s son" schrieb sie für dieses Album auch einen ihrer seltenen politischen Songs, ja regelrecht einen Protestsong, der wohl auch ins Repertoire der großen Joan Baez passen würde.

Musik: "Every soldier is a mother`s son"

Nach dem intimen Akustik-Werk "The Jasmine Flower" aus dem Jahr 2008 vergrößerte Heather Nova die Abstände, in dem ihre Alben erschienen, zog aber zugleich musikalisch das Tempo wieder an. Das Album "300 days at sea" aus dem Jahr 2011 war in dieser Hinsicht ein Wendepunkt. Es zeigte zugleich sie verstärkt in der einer gesellschaftlich engagierten Singer-Songwriterin, die sich ihrer Verantwortung als Mutter und Künstlerin bewusst ist. Das Album beschäftige sich mit dem Meer, vor allem mit der einsamen Kindheitsphase, die Nova mit ihren Hippie-Eltern auf einem Segelboot verbrachte. Und es wurde auf einer kleinen Insel ausschließlich mithilfe von Sonnenenergie aufgenommen. Wenn sie den Song "Save a little piece of tomorrow" heute live spielt, widmet sie ihn gelegentlich wie beim Kölner Konzert im November 2019 der jungen Klima-Aktivistin Greta Thunberg, die sie sehr bewundert.

Musik: "Save a little piece of tomorrow"

"Save a little piece of tomorrow" aus dem Jahr 2011. Mit dem acht Jahre später erschienenen, zehnten Studioalbum "Pearl" sahen viele Kritiker Heather Nova wieder in der Tradition ihrer Anfangsphase.

Aus Austern wachsen Perlen

Nova: "Absolut. Jeder Künstler macht eine Reise von einem Album zum nächsten, mit unterschiedlichen Arrangements und Produktionsweisen. Und mit diesem Album habe ich mich wirklich berufen gefühlt, zu meinen ursprünglichen Wurzeln zurückzukehren. Rockgitarren in Verbindung mit dem Cello und Akustikgitarren. Das ist mein ganz eigener Indierock-Cocktail. Ich wollte außerdem wieder mit der Band zusammen sein und die Kraft hinter den Songs spüren. Denn die letzten Alben waren folklastiger, mehr "Americana". Es fühlt sich großartig an."

Musik: "Just Kids"

Es scheint eine direkte Verbindung zwischen den Alben "Oyster" und "Pearl" zu bestehen, obwohl genau ein Vierteljahrhundert zwischen beiden liegt. Das beginnt beim Namen – aus einer Auster wächst eine Perle, setzt sich fort in der Musik und gipfelt in der textlichen Schonungslosigkeit, mit der Heather Nova damals wie heute ihre Seele der Welt darreicht.

Nova: "Es ist nie schwierig, sondern es ist sogar etwas, das ich tun muss, wenn ich etwas erlebe. In diesem Album sind einige intensive Lebenserfahrungen ausgedrückt. Wie die Scheidung und meinem Sohn sagen zu müssen, dass sein Vater und ich uns trennen. Das war wahrscheinlich der härteste Moment in meinem ganzen Leben. Und wenn ich solche Krisen habe, ist es ein natürliches Bedürfnis für mich, es aufzuschreiben. Das ist wie eine Befreiung für mich, es schafft auch Klarheit. Und dann beende ich den Song, und üblicherweise sind das dann meine besten. Ich muss also für mich entscheiden: das hier ist total persönlich, möchte ich das mit der Welt teilen?"

Singen, worüber man nicht reden kann

Musik: "Island"

Nova: "Sehr früh in meiner Karriere habe ich das Lied "Island" geschrieben. Da habe ich über etwas geschrieben, worüber ich buchstäblich mit niemandem geredet hatte. Dadurch haben meine Freunde und meine Familie zum ersten Mal von dieser entsetzlichen Zeit erfahren, die ich hatte: nämlich vier Jahre in einer Missbrauchs-Beziehung zu leben. Das hatte ich keinem erzählt, was übrigens recht alltäglich ist, wie ich herausgefunden habe, als ich mich über das Thema informiert habe. Betroffene schämen sich dafür und wollen sich anderen nicht anvertrauen. Jedenfalls habe ich diesen Song geschrieben und beschlossen, ihn zu veröffentlichen, weil er so gut war."

Musik: "Island"

Der Song Island stammt von Heather Novas Durchbruchsalbum "Oyster" aus dem Jahr 1994, und wenn man weiß, dass sie all dies wirklich erlebt hat, wirkt er umso eindringlicher. "Diesmal ist er zu ängstlich, mich zu schlagen, stattdessen bringt er mir Blumen" - das sind Zeilen, die einen genauso unvermittelt in die Magengrube treffen wie Suzanne Vegas "They only hit until you cry and after that you don’t ask why. You just don’t argue anymore." 

Nova: "Das hat mir schon früh etwas sehr wichtiges gezeigt: wenn man das Risiko eingeht, wirklich offen und ehrlich zu sein, dann werden diese Songs in die Welt hinausgehen, die Leute erreichen und ihnen etwas bedeuten. Ich empfinde es als eine Art von Kommunikation. Und ich bin vielleicht auf der Welt, um genau diese Kommunikation zu betreiben: was es wirklich bedeutet, ein Mensch zu sein."

Eigentlich ist sie ganz anders

Mediale Zuschreibungen wie "zerbrechlich, melancholisch, traurig" möchte Heather Nova aber nicht auf ihre Persönlichkeit gemünzt wissen.

Nova: "Das finde ich so bizarr. Wenn man meine Freunde fragt, wie ich so bin, würden sie sagen: eine sehr positive Person, die gerne Spaß hat. Aber ich schreibe halt, wenn ich mich einsam fühle. Ich würde sagen, dass meine Musik melancholisch sein kann, aber sie ist immer von Hoffnung erfüllt. Und ich weiß das, weil das Schreiben eines Songs an sich schon ein Akt der Hoffnung ist."

Musik: "All the rivers"

Nova: "Wenn wir uns alleine oder traurig fühlen, wollen wir keine fröhliche Musik hören. Wir wollen Mitgefühl, richtig? Wir wollen jemanden, der uns versteht. Wir wollen Musik, die ausdrückt, was wir tief im Inneren fühlen. Als Teenager hörte ich Neil Young, der so traurig und einsam zu sein schien, und ich dachte mir: Ja, der trifft es auf den Kopf!"

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