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StartseiteTag für TagDen Salafisten Konkurrenz machen 21.02.2019

Muslimische JugendlicheDen Salafisten Konkurrenz machen

Junge Muslime bekommen auf ihre Fragen in Deutschlands Moscheen nur selten befriedigende Antworten, kritisiert der islamische Theologe Samet Er. Oft würden nur Salafisten die Sprache der Jugendlichen sprechen. Samet Er will das ändern.

Von Christian Röther

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Der islamische Theologe Samet Er (Deutschlandradio/ Christian Röther)
Der islamische Theologe Samet Er (Deutschlandradio/ Christian Röther)
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"Mein Name ist Samet Er. Ich bin islamischer Theologe, habe islamische Theologie in Tübingen, in Kairo und in Osnabrück studiert. Und momentan bin ich dabei, meine Promotionsarbeit über die muslimische Sozialarbeit zu schreiben."

Samet Er wurde 1989 in der Nähe von Stuttgart geboren. Als Schüler unterstütze ihn die islamische Gülen-Bewegung, so schaffte er es von der Hauptschule an die Hochschule. Eine Zeit lang engagierte sich Samet Er auch selbst in der Gülen-Bewegung. Heute versteht er sich als unabhängiger islamischer Theologe. Ein wichtiges Anliegen ist ihm, Antworten zu geben auf die theologischen Fragen muslimischer Jugendlicher.

"Als Theologe denke ich, das ist eine Pflicht für mich."

"Was bringt ein Imam, der keine Antworten auf den deutschen Kontext hat?"

Hauptberuflich ist Samet Er Berater in niedersächsischen Gefängnissen. Er schult das Personal in Fragen zum Islam und spricht mit Gefangenen über Dinge, die sie beschäftigen. Oft gehören dazu auch theologische Fragen. Fragen, auf die junge Muslime in Deutschland ansonsten nur selten Antworten bekommen würden.

"Die Fragen, die sie mir gestellt haben, habe ich dann auch im Nachhinein im Internet recherchiert und kaum Antworten dazu gefunden – außer eben, dass die Salafisten darauf die Antwort gegeben haben."

Dass Salafisten und andere Islamisten gezielt um Jugendliche werben, ist seit Jahren bekannt. Trotzdem seien viele Moscheen in Deutschland noch immer nicht in der Lage, die Fragen dieser Jugendlichen zu beantworten, meint Samet Er, weil die Imame den Alltag deutscher Jugendlicher oft nicht verstehen würden.

"Was bringt mir ein Imam, der 20 Jahre an der größten islamischen Universität studiert hat, aber keine Antworten auf den deutschen Kontext hat? Mit dem kann ich hier in Deutschland nichts anfangen."

"Günstige" Imame aus dem Ausland

Die meisten Moschee-Gemeinden in Deutschland stellen trotzdem nach wie vor keine islamischen Theologen aus Deutschland ein. Diesen Eindruck hat Samet Er, und eine Studie der Konrad-Adenauer-Stiftung kam gerade ebenfalls zu diesem Ergebnis. In der Studie heißt es, viele Moscheegemeinden bildeten lieber eigene Imame aus, weil sie fürchteten, dass der Glaube durch die "institutionelle Verwissenschaftlichung" deformiert werden könnte. Samet Er sieht außerdem finanzielle Gründe.

"Wenn Imame aus der Türkei kommen, dann hat die Moschee hier in Deutschland kaum Ausgaben. Bei einem sozusagen deutschen Imam hätten die dann diese Ausgaben. Dann müssten sie eben dann auch ihn dort einstellen."

Und Absolventen deutscher Universitäten sind vergleichsweise teuer. Die "günstigen" Imame aus der Türkei oder dem arabischen Raum hingegen werden zumeist von ausländischen Organisationen bezahlt. Sie bewegen sich geistig dann aber eben auch oft in völlig anderen kulturellen Kontexten.

"Das sind dann eben Sachen, die mit der Lebensrealität der Jugendlichen nichts zu tun haben."

"Immunisierung in Bezug auf radikale Angebote"

Samet Er erinnert sich an ein besonders kurioses Beispiel, in dem es um Gold geht, drei Gramm Gold.

"Das habe ich tatsächlich in einer Freitagspredigt gehört, dass da gesagt wurde: Ihr müsst drei Gramm Gold spenden! Dann denkt sich der Jugendliche: Ich hab kein Gold, das heißt, ich brauche nicht zu spenden. Und lässt das dann. Wenn ich aber den Jugendlichen dann auch sage: Leute, drei Gramm Gold sind so und so viele Euro, dann können die auch damit viel mehr anfangen und dann machen sie das auch."

Wenn Jugendliche nichts spenden, weder Gold noch Euro, dann ist das gesellschaftlich wohl zu verschmerzen. Wenn sie aber Verständnis für ihre Situation nur von Salafisten bekommen, dann ist das ein Problem. Deshalb hat Samet Er sich vorgenommen, Jugendliche gegen salafistische Propaganda immun zu machen:

"Immunisierung in Bezug auf radikale Angebote."

"Ihr seid gegen Muslime oder sonst irgendwelchen Schwachsinn"

Wenn muslimische Jugendliche Probleme bekommen, etwa in der Schule oder mit Behörden, dann würden Salafisten das oft ausnutzen und behaupten, der deutsche Staat sei gegen den Islam und mache den Muslimen deswegen das Leben schwer. Das sieht Samet Er, der ja selbst für den Staat arbeitet, ganz anders.

"Dann irgendwie zu sagen, ihr seid gegen Muslime oder sonst irgendwelchen Schwachsinn, das ist nicht die Lösung."

Statt Probleme zu befeuern, will Samet Er echte Lösungen anbieten. Zum Beispiel wenn es darum geht, dass muslimische Jugendliche ihre Religion erklären sollen. Dazu müsse oft zunächst ihr theologischer Wortschatz verbessert werden.

"Weil ich auch gesehen habe, dass viele muslimische Jugendliche beispielsweise in türkischen Moscheen in türkischer Sprache über den Islam erfahren. Und dann, wenn jetzt irgendwie jemand aus der Klasse eine Frage stellt – ja wie ist es denn eben in Bezug auf den Islam – meistens eben der Wortschatz fehlt und dementsprechend das nicht raus kann."

"Der spricht Deutsch, da höre ich gerne zu"

Samet Er ist also so eine Art theologischer Übersetzer – kulturell und sprachlich.

"Weil ich eben auch gesehen habe, wie wichtig das sein kann. Weil, wenn ich einen Gesprächskreis anbiete in deutscher Sprache, 30 Teilnehmer kommen. Weil die sagen: Der spricht Deutsch, und ich bin da gerne und höre gerne zu. Währenddessen bei einem, der nicht Deutsch spricht, oder eben Türkisch spricht und den Gesprächskreis anbietet, nur drei Leute kommen."

Samet Er übersetzt gewissermaßen auch zeitlich: nämlich aus der Entstehungszeit des Korans ins Heute. Viele Jugendliche wüssten das zu schätzen.

"Weil er weiß, er lebt hier in Deutschland in einem ganz anderen Kontext. Das ist nicht ähnlich wie im siebten, achten Jahrhundert. Und dementsprechend passen dann auch genau diese Antworten zu den Fragen der Jugendlichen."

"Brückenfunktion übernehmen"

Die theologischen Fragen muslimischer Jugendlicher beantwortet Samet Er in persönlichen Gesprächen, und er hat sie auch gesammelt und aus den Antworten ein Buch gemacht, mit dem Titel "Praxislam":

"Ein Erfolg wäre für mich, wenn der Jugendliche sagt: Du, die Antwort, die ich schon immer gesucht habe, habe ich in deinem Buch gefunden, statt zu googeln und bei einem Prediger, der radikale Aussagen von sich lässt oder islamistische Aussagen von sich lässt."

Außerdem hat Samet Er sich mit Gleichgesinnten zusammengeschlossen: islamische Theologinnen und Theologen, die sich in die Gesellschaft einbringen wollen – aber im Gegensatz zu Samet Er oft nicht die entsprechenden Jobs bekommen würden, zum Beispiel in der Jugendarbeit oder in der Elternberatung. Mit ihrem vor Kurzem gegründeten Verein "Corratio" wollen sie das ändern. Sie wollen Politik und Öffentlichkeit davon überzeugen, dass sie als junge deutsche islamische Theologen wichtig werden können.

"Weil eben gerade wir tatsächlich das Potential haben, viele muslimische Jugendliche zu erreichen, aber auch eben die nicht-muslimische Mehrheitsgesellschaft zu erreichen. Und da wollen wir eben diese Brückenfunktion übernehmen."

Samet Er: Praxislam – Handbuch zum islamischen Gottesdienst. Define Verlag. Erscheint 2019.

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