Montag, 10.12.2018
 
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Mussolinis Marsch auf RomMacht durch gezielte Gewalt

Benito Mussolini kam nicht durch Revolution an die Macht, sondern durch den taktischen Einsatz gezielter Gewalt und durch die Passivität derjenigen, die sie geduldet haben - zu dem Schluss kommt die italienische Historikerin Giulia Albanese in ihrem Buch "Mussolinis Marsch auf Rom. Die Kapitulation des liberalen Staates vor dem Faschismus".

Von Sarah Zerback

Historische schwarz-weiß-Aufnahme von 1922: Ein Auto fährt durch eine ihm zujubelnde Menschenmenge. (dpa/picture alliance)
Benito Mussolini verlässt den Quirinale-Palast, nachdem der König ihn mit der Regierungsbildung beauftragt hat - mit dem Marsch auf Rom erzwang er seine Ernennung zum Ministerpräsidenten. (dpa/picture alliance)
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Es gibt Kapitel in der Geschichte, die scheinbar bereits von allen Seiten durchleuchtet wurden, so dunkel sie auch gewesen sein mögen. Mussolinis Marsch auf Rom gehört nicht dazu. Das zumindest ist das Axiom, auf das Giulia Albaneses Buch aufbaut. Auch fast einhundert Jahre danach ranken sich um die Ereignisse im Oktober 1922 noch viele Mythen und Missverständnisse, mit denen die Autorin aufräumen will.

"Die Aktionen der squadristi, der faschistischen Schwarzhemden, und das Ausmaß der in jenen Tagen verübten Gewaltakte sind in den meisten Fällen unterschätzt und vernachlässigt worden – und nicht nur von der Geschichtsschreibung des Regimes selbst."

Anders als viele Historiker vor ihr, interpretiert Giulia Albanese den Marsch, der am Ende keiner war, nicht als reinen Bluff, sondern als politische Inszenierung mit enormer Tragweite. Auch wenn die laut angekündigte Besetzung der Stadt nur aus ein paar tausend schlecht ausgerüsteten Faschisten bestand, die sich in strömendem Regen vor den Toren der Ewigen Stadt versammelten – die Aktion war alles andere als improvisiert. Und die anschließende Machtübernahme Mussolinis laut Albanese nichts weniger als ein Putsch, auch wenn er die Macht de facto aus den Händen Königs Viktorio Emmanueles III. erhielt.

Den Regierungen in Rom mangelte es an Entschlossenheit

"Im Gegensatz zu den meisten Behauptungen stellte die politische Entwicklung, die am 30. Oktober im Gange war, keine normale Regierungskrise dar. Die faschistische Mobilmachung bildet einen bedeutsamen und wichtigen politischen Tatbestand – Aufstandsbewegung und Staatsstreich in einem –, der dieses Ereignis zur epochalen Wende in der Geschichte des liberalen Staates machte."

Hier zeigte sich der Erfolg der jahrelangen politischen Propaganda. Den Faschisten war es gelungen, eine derartige Identität zwischen ihrer Ideologie und der Nation herzustellen, dass sie kaum auf Widerstand trafen und all diejenigen Kräfte ausschalten konnten, die sich mit dem Faschismus nicht identifizierten. Wie brutal der Widerstand bekämpft wurde, davon zeugen über hundert Morde, die allein im Jahr der Belagerung Roms geschahen. Gewalt, die der Premierminister versuchte, unter dem Deckmantel der Normalität zu verstecken. Wider besseren Wissens, wie Albanese anhand zahlreicher Beispiele belegt und zudem deutlich macht, dass bereits drei Jahre zuvor über einen Aufstandsplan von rechts gegen die Republik gesprochen wurde.

"Die Stimmen zur Vorbereitung des Staatsstreiches, die von den Faschisten in Umlauf gesetzt wurden, widersprechen einem der fundamentalsten Elemente, das die politische Theorie stets glaubte, als Wesenszug des Staatsstreiches ausmachen zu können: dem der Geheimhaltung."

Den Regierungen in Rom, die auch damals schon in schnellem Rhythmus aufeinander folgten, mangelte es an Entschlossenheit. Sie sahen der faschistischen Bürgerkriegsarmee in einer Mischung aus Hilflosigkeit und heimlicher Zustimmung zu, wie sie mit einer aufständischen, genau orchestrierten Mobilmachung, das ganze Land unterwarf.

„Zuerst wurden die Präfekturen, Postämter, Telefon- und Telegrafenämter und Bahnhöfe besetzt. Das Ziel war, die Kommunikation zwischen Zentrum und Peripherie zu blockieren und die Regierung somit zu veranlassen, sich aus der Peripherie zurückzuziehen. Einmal mehr wollte man auch der Öffentlichkeit demonstrieren, dass sich der liberale Staat als absolut unfähig erwies, auf den faschistischen Druck zu reagieren."

Eine kenntnisreiche und gut recherchierte Veranschaulichung der Kernthese

Ausführlich schildert die Autorin, wie sich die Städte und Gemeinden Italiens nahezu widerstandslos und toleriert von Militär wie staatlichen Autoritäten einnehmen ließen. Von Pisa bis Ancona, von Genova bis Venezia. Damit offenbart sich nicht nur die Schwäche des liberalen Staates, dem es angesichts der Bedrohung an der Bereitschaft fehlte, seine Grundprinzipien zu bewahren. Folgt man Albanese, begann bereits mit dieser ersten Regierung Mussolini die Diktatur in Italien und nicht erst 1925, wie es die offizielle Geschichtsschreibung nahelegt.

"In den Tagen und Monaten, die dem Marsch unmittelbar folgten, war es in der Tat möglich gewesen, eine der wichtigsten Institutionen des Staates, das Parlament, zu erschüttern, ohne dass die liberale Führungsschicht opponiert hätte."

Die Gründe dafür, werden an dieser Stelle allerdings eher vage gestreift, als erschöpfend erklärt. Stattdessen bedient sich Albanese zahlreicher archivarischer Quellen, weniger bekannter oder bislang unveröffentlichter Texte, Memoiren, Reden, Zeitungstexte, um ihre zentrale These zu belegen. Anschaulich, aber auch wenig analytisch. Geeignet für alle, denen Mussolinis Italien bislang fremd war, weniger allerdings für Kenner der italienischen Geschichte, die tiefer einsteigen wollen in die Analyse der faschistischen Machtergreifung.

Die große Stärke des Buches bleibt die kenntnisreiche und gut recherchierte Veranschaulichung der Kernthese. Die schwarze Diktatur begann in diesen düsteren Tagen Ende Oktober 1922 als die faschistischen Schlägertrupps im prasselnden Regen vor den Toren der Ewigen Stadt warteten – das Vorzeichen einer Sintflut, die weitere 20 Jahre andauern würde.

Giulia Albanese: Mussolinis Marsch auf Rom. Die Kapitulation des liberalen Staates vor dem Faschismus. Übersetzung: Ariane Graf, Schöningh Verlag, 304 Seiten 39,90 Euro.

 

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