"Sarajevo Safari"
Mutmaßliche Jagd auf Menschen im Bosnien-Krieg: Hauptzeuge bekräftigt Anschuldigungen gegen westliche "Sniper-Touristen"

Einer der Hauptzeugen für die mutmaßliche Jagd auf Menschen durch wohlhabende Ausländer im Bosnien-Krieg der 90er Jahre hat seine Aussagen bekräftigt. Der ehemalige bosnische Geheimdienstoffizier Edin Subasic äußerte sich in einem ausführlichen Interview mit der serbischen Zeitung "Danas" aus Belgrad.

    Eine Frau blickt am 17. November 1995 auf die Skyline von Sarajevo.
    Eine Frau blickt am 17. November 1995 auf die Skyline von Sarajevo. (AFP / Odd Andersen)
    Dabei bestätigte er die Geschehnisse im Zusammenhang mit den sogenannten Sarajevo-Safaris; also dem erschreckenden Vorwurf, dass westliche Touristen während der Belagerung der Stadt Sarajevo für Kurztrips Zehntausende Dollar bezahlten, um aus Stellungen von bosnischen Serben, Einheiten der damaligen jugoslawischen Armee und Paramilitärs heraus auf unbeteiligte Männer, Frauen und Kinder in den Straßen der Stadt zu schießen. Bei der Belagerung Sarajevos starben mehr als 10.000 Menschen, darunter zahlreiche Zivilisten. Viele wurden von Heckenschützen getötet, die von hohen Gebäuden oder umliegenden Bergen aus wahllos auf Menschen feuerten.
    Subasic äußerte sich zuversichtlich, dass die angestoßenen juristischen Ermittlungen zu Ergebnissen führen werden. Die bislang maßgebliche italienische Staatsanwaltschaft in Mailand hat ihn nach seinen Aussagen bereits kontaktiert. Zudem deutete der Ex-Geheimdienstler, der damals für Feindesanalysen zuständig war, an, dass es außer in Italien auch in den USA, Kanada, Frankreich und Deutschland erste Ansätze gebe, eine etwaige Beteiligung von Staatsbürgern an den "Safaris" zu untersuchen. Auch hier soll es bereits Kontakte zu ihm gegeben haben.

    Serbiens Präsident Vucic weist Vorwürfe gegen sich wegen "Sarajevo Safaris" zurück

    Die aktuelle internationale Aufmerksamkeit drängt die Behörden zusätzlich, die Verbrechen zu verfolgen. Zudem gibt es Vorwürfe der Beteiligung gegen einen prominenten Politiker: Serbiens Staatspräsidenten Vucic. Der kroatische Journalist Domagoj Margetic erstattete Medienberichten zufolge in Mailand Anzeige gegen Vucic. 
    Vucic weist die Anschuldigungen als "ungeheuerliche Lüge" zurück. Er habe noch nie von solchen Safaris gehört, sagte er in einer Talk-Show des Portals "informer.rs". Der Ex-Geheimdienstler Subasic untermauerte gegenüber Danas Vucics Aussagen. Demnach war Vucic nicht beteiligt, da er weder ins Profil der "Jäger" passen würde noch für Schüsse, sollte er sie abgefeuert haben, bezahlt hätte.

    Berichte über "Abschuss-Tourismus" nach Sarajevo kursieren seit Jahren

    Trotz vieler Veröffentlichungen zu den Menschenjagden gibt es weiterhin Zweifel an den Berichten. Für Subasic ist das nachvollziehbar, da normale Menschen mit moralischen Grundsätzen und gesunder Geisteshaltung eben einfach nicht glauben könnten, dass so viel Böses überhaupt möglich sei. Zudem verwies er auf nationalistische Interessen, das serbische Volk vor schlechtem Image zu bewahren.
    Berichte über einen "Abschuss-Tourismus" kursieren in Sarajevo seit Jahren, handfeste Belege wurden bislang nicht veröffentlicht. Im Jahr 2022 drehte der slowenische Regisseur Miran Zupanic einen Dokumentarfilm zu dem Thema, unter dem Titel "Sarajevo Safari". Konkrete juristische Schritte wurden aber erst vor einigen Tagen eingeleitet, nachdem der italienische Journalist Ezio Gavazzeni in Mailand Anzeige wegen des Verdachts des mehrfachen Mordes aus niedrigen Beweggründen gegen unbekannte Täter erstattet hatte. Dutzende "Sniper-Touristen" aus dem Westen sollen mitgemacht haben, vor allem aus Italien. Gavazzeni gab an, die Namen einiger zu kennen.

    30. Jahrestag des Endes des Bosnien-Kriegs

    Mitte November war der 30. Jahrestag des Endes des Bosnien-Kriegs, bei dem sich das Land aus dem damaligen Jugoslawien löste. Am 21. November 1995 wurden die Friedensverhandlungen in der US-Luftwaffenbasis Dayton abgeschlossen, die mit einem am 14. Dezember 1995 in Paris unterzeichneten Abkommen besiegelt wurden.
    Diese Nachricht wurde am 30.11.2025 im Programm Deutschlandfunk gesendet.