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StartseiteKalenderblattVom Kaffeestübchen zum Debattierklub04.03.2014

"Mutter Ey"Vom Kaffeestübchen zum Debattierklub

Johanna Ey lernte zunächst die Künstler der Düsseldorfer Akademie als Persönlichkeiten, dann ihre Werke schätzen. War der Kunsthandel zunächst nur wichtig, um den Lebensunterhalt zu sichern, bestimmte die Kunst bald ihr Leben. Am 4. März 1864 wurde sie in Wickrath geboren.

Von Ulrike Rückert

Das Gemälde von Arthur Kaufmann zeigt Johanna Ey, auch genannt "Mutter Ey", im Kreise der Künstergruppe "Das Junge Rheinland". (dpa/Achim Scheidemann)
Arthur Kaufmann malte Johanna Ey im Kreise der Gruppe "Das Junge Rheinland". (dpa/Achim Scheidemann)

Otto Dix porträtierte sie in Herrscherpose, das Kleid in leuchtendem Lila vor dramatisch rotem Hintergrund. Peter Janssen malte sie in Graubraun, auf dem Sofa schlafend, Hermann Hundt zeigte ihr Konterfei als Spanierin mit langer Mantilla. Johanna Ey gibt es in Öl, Kohle, Tusche und Pastell, in lebensgroßen Gemälden und hingeworfenen Skizzen, in Bronze gegossen und in Gips modelliert.

"Die gute Mutter Ey, die meistgemalte Frau Deutschlands, die Hebamme und Amme der jungen Kunst in Düsseldorf" So nannte ein Kunstkritiker in den Zwanzigerjahren die korpulente kleine Frau um die Sechzig; mit mächtigem Doppelkinn und zerzaustem Dutt eine außergewöhnliche Muse. Und obendrein war Johanna Ey, die kaum Schulbildung besaß, eine legendäre Kunsthändlerin:

"Am 4. März 1864 in Wickrath bin ich geboren als Kind armer Eltern. Mein Vater Trinker, meine Mutter eine geduldige Frau. Wir Kinder lebten jeden Tag in Angst."

Mutter von vier Kindern und "Mutter" der jungen Künstler

Mit vierzehn verdingte sie sich als Dienstmädchen, später heiratete sie einen Alkoholiker, der sie mit vier Kindern sitzen ließ. Johanna Ey brachte es zu einer Kaffeestube nahe der Kunstakademie in Düsseldorf, und von den Studenten nahm sie für Wurstbrötchen und Apfelkuchen auch Bilder an, die sie manchmal verkaufen konnte. Aber dann zogen die Studenten in den Krieg, sie schloss ihr Geschäft und arbeitete für die Armee: "Doch ich wusste nicht, was weiter machen so kam ich auf den Gedanken, Kunsthändlerin zu werden."

In einem kleinen Laden verkaufte sie die konventionellen Gemälde der Akademieprofessoren. Die Revolutionen, die nach dem Krieg auch in der Kunst ausbrachen, nahm sie kaum zur Kenntnis - bis sie im Frühjahr 1920 zwei junge Maler, Otto Pankok und Gert Wollheim, besuchten.

"... und da kamen die Stürmer und Dränger mit der modernen Kunst. Und da war es aus bei mir. Da wurde debattiert bis des Nachts um ein Uhr, und das waren besonders Wollheim, Pankok, Hundt, die auch den bitteren Krieg sehr mitgemacht hatten, und waren glücklich, dass sie bis ein, zwei Uhr nachts da sitzen konnten."

Johanna Eys Düsseldorfer Ladenwohnung wurde zum berüchtigten Künstlertreff. Die Gruppe "Das Junge Rheinland" schlug hier ihr Quartier auf. Otto Dix gehörte zum Kreis und Max Ernst, der in Köln lebte. Pankok erinnerte sich später: "Wir empfanden uns als Dynamit und wollten ganz Düsseldorf in die Luft sprengen."

"Und dadurch habe ich, durch dieses Disputieren und Diskutieren hab ich so viel gelernt, dass ich stundenlang zuhören konnte, ohne mich zu mucksen. Ich habe Kaffee gekocht, und es war mir noch immer zu früh, wenn sie um ein Uhr nachts weggingen. Dadurch habe ich gelernt, nur gelernt, gute, moderne Kunst zu schätzen." berichtete Johanna Ey.

Die Professorengemälde verkaufte sie weiter, um den Jungen ihre Bilder bezahlen zu können. Johanna Ey flickte den Künstlern auch die Hosen, strickte ihnen warme Schals und schnitt ihnen die Haare. Max Ernst nach ihrem Tod: "Die war eine rührende Person. Ich habe wirklich einen – das beste Andenken an sie behalten."

Entscheidende Jahre der Moderne

Aber die "Malermutter" opferte sich nicht selbstlos auf. Johanna Ey genoss das brodelnde Leben in ihrer Galerie und war für jede Provokation zu haben: "Auch wenn man ihr die Schaufenster einschlug oder sich vor dem Erdgeschoss endlose Menschenketten bildeten, die lebhaft für und kontra disputierten. Denn so wie vor Mutter Eys Laden über Kunst gesprochen worden ist, ist noch nie in Düsseldorf über Kunst disputiert worden." schrieb eine Lokalzeitung.

Johanna Ey: "Es kamen immer neue Bilder und neue Maler. Es wurde für mich eine herrliche, schöne Zeit, da ich diese geistig wertvollen Künstler um mich hatte. Ich war so stolz, dass ich unermüdlich mitarbeiten konnte am Aufbau einer modernen Kunstepoche."

Um 1925 wurde es ruhiger. Heinrich Nauen war Professor geworden, Max Ernst lebte in Paris, auch Dix, Wollheim und Pankok hatten Düsseldorf verlassen. "Die besten Pferde waren aus dem Rennstalle Ey. Ich war unterdessen auch arriviert und gehörte zu den Prominenten."

Man hatte den Marketingwert von "Mutter Ey" als Original entdeckt, und weil sie verschuldet war, überließ ihr die Stadt sogar mietfreie Räume für eine Galerie. Als sie die 1934 wieder verlassen musste, waren die meisten ihrer Künstler schon geflohen, verhaftet oder mit Berufsverbot belegt. Nach dem Krieg erinnerte sich Düsseldorf wieder an Johanna Ey, machte sie zur Ehrenbürgerin, gab ihr eine Ehrenrente und, als sie im August 1947 starb, ein Ehrengrab. Auf dem Stein steht nur: "Hier ruht Mutter Ey".

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