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StartseiteEuropa heuteLetzter Kampf der deutschen Veteranen02.07.2018

Mythos Fremdenlegion (1/5)Letzter Kampf der deutschen Veteranen

In Indochina oder Afrika haben sie für Frankreich gekämpft, später sind sie nach Deutschland zurückgekehrt. Hier treffen sich viele ehemalige Legionäre in Vereinen. Sie wollen, dass sich das Bild der Fremdenlegion in Deutschland ändert, auch wenn ihnen nicht mehr viel Zeit bleibt.

Von Gerwald Herter

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Drei Veteranen der Fremdenlegion stehen vor einer französischen Gedenkstätte für gefallene Soldaten des Zweiten Weltkrieges (Deutschlandradio /Gerwald Herter)
Bleibendes Zeichen: Die Veteranen restaurierten eine Gedenkstätte für französische Soldaten (Deutschlandradio /Gerwald Herter)
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"Fangen wir an… bitte Euch zu erheben. Eine Minute Silence für unser verstorbenes Mitglied Walter Rihm, der wurde am 23. beerdigt, also vorgestern."

Walter Rihm, auch er war einer von ihnen - ein deutscher Legionär. Manfred Weidenmann hat bei den Versammlungen der "Amicale Mannheim" mit seinen Kameraden schon vieler Verstorbener gedenken müssen. Freundlich, aber bestimmt, leitet der Präsident der örtlichen "Vereinigung ehemaliger Legionäre" auch dieses Treffen. Weidenmann war 34 Jahre lang dabei: Fallschirmjäger, Spieß im Hauptquartier in Aubagne, Leiter von Rekrutierungszentren in Nordfrankreich.

Er ist immer noch von drahtiger Gestalt; markante Gesichtszüge, ein Gesprächspartner, der übergangslos vom Deutschen ins Französische wechselt. Weidenmann ist 68 Jahre alt und gehört damit nicht zu den Ältesten, die an diesem Samstag ins Restaurant "Krautwickel" gekommen sind. Zwei der Veteranen hier hatten noch in den 1950er Jahren in Indochina gekämpft, einige andere, bis zur Unabhängigkeit 1962, in Algerien: Heinrich Seibel etwa, er ist 82, ging 1954 zur Legion, um fünf Jahre später nach Deutschland zurückzukehren:

"Also, egal wie. Krieg ist nicht schön."

Schlimme Erinnerungen an den Algerienkrieg

Oder der 77-jährige Hermann Mayer. Er war bis Mitte der 60er Jahre Legionär. Im algerischen Unabhängigkeitskrieg hat er viel Schlimmes erlebt, auch wenn er mit seinen Kameraden jetzt, Jahrzehnte später lieber über andere Erinnerungen spricht:

"Nur über gute Zeiten, gute Zeiten. Wir haben so oft schon gesagt: Hast Du keine schlechten Zeiten gehabt? Doch, aber da redet man nicht mehr darüber. Ich weiß nicht, das verdrängt man irgendwie."

Fallschirmspringer der Fremdenlegion während des Algerien-Krieges im April 1956 auf dem Flughafen von Algier vor ihrem Abflug in das Gebiet von Nedromah.  (dpa / UPI)Fallschirmspringer der Fremdenlegion während des Algerienkrieges im April 1956 auf dem Flughafen von Algier (dpa / UPI)

Nicht aber die Traditionen. Und so singen die Veteranen auch bei diesem Treffen das bekannteste Lied der Fremdenlegion: "Le Boudin".

"Le Boudin", das heißt eigentlich Blutwurst, gemeint ist die blaue Decke, die Legionäre früher zusammengerollt auf den Tornister schnallten. Ein blaues Tuch ist auch heute noch Teil der Paradeuniform, die Legionäre tragen, zum Beispiel wenn sie dabei sein dürfen am 14. Juli auf den Pariser Champs-Elysées. Der deutsche Manfred Weidenmann marschierte mehrmals mit - schon in den 70er Jahren, also lange bevor Präsident Mitterrand ausländische Einheiten zur Parade am französischen Nationalfeiertag einlud. Und noch bei einer anderen Gelegenheit war der Fallschirmjäger nach Paris geholt worden: 1978 nach dem Kampfabsprung der Legionäre in Kolwezi. Der Einsatz wurde berühmt, weil die Legion damals Hunderte Europäer in Zaire vor marodierenden Einheiten rettete. Die waren von angolanischen, kubanischen und DDR-Militärs unterstützt worden. Aber allzu ausführlich spricht Weidenmann darüber nicht. Er hat andere Sorgen. 

Kaum mehr deutsche Bewerber

Der Präsident der "Amicale Mannheim" ist an diesem Samstag mit dem Auto aus dem Saarland gekommen. Das Einzugsgebiet der Vereinigung ist groß. Andere Vereinigungen, wie die in Dresden haben sich bereits auflösen müssen. Nicht jeder Ehemalige will den Kontakt, schließlich sei der Ruf von Legionären in Deutschland immer noch schlecht, sagt Weidenmann. Und immer weniger Deutsche wollen in die Legion. Nach dem Zweiten Weltkrieg sollen es mehr als 70 Prozent gewesen sein, die oft aus Gefangenenlagern heraus verpflichtet wurden, darunter auch Angehörige der Waffen-SS. Heutzutage sind unter den Bewerbern vor allem Osteuropäer. Immer weniger Deutsche, das heißt auch, immer weniger Veteranen, die zurückkehren und die Erinnerung wachhalten.

"Zurzeit sind wir 80 - Mannheim und Umgebung und dann eben von ganz Deutschland. "

Zwischen den Gräbern des Mannheimer Zentralfriedhofs ist es den Veteranen mittlerweile gelungen, ein bleibendes Zeichen zu setzen - auf einigen Quadratmetern französischen Bodens. Unmittelbar nach dem Ende des Zweiten Weltkriegs waren hier französische Soldaten bestattet worden. Vor Kurzem hat die Amicale diese Gedenkstätte restauriert.

Schatten der Vergangenheit: Die Mitglieder der Amicale Mannheim gedenken ihrer verstorbenen Kameraden  (Deutschlandradio /Gerwald Herter)Schatten der Vergangenheit: Die Mitglieder der Amicale Mannheim gedenken ihrer verstorbenen Kameraden (Deutschlandradio /Gerwald Herter)

Und so befinden sich hier inzwischen auch Gräber verstorbener Fremdenlegionäre. Der Oberbürgermeister hat einen Kranz niederlegen lassen, neulich war die stellvertretende französische Verteidigungsministerin zu Besuch. Für den deutschen Veteranen, Hermann Mayer, ist das kleine Gräberfeld vor allem ein Ort des Gedenkens. Ein Ort der Erinnerung an seine Freunde, die bei den Kämpfen in Algerien umkamen:

"Der eine ist ein Meter von mir gestorben, weil er in eine Grotte rein ist, er war auf den Aufständischen drauf. Dann haben wir ihn hochgezogen und da ist er dann gestorben. Der Zweite, Rudi - 1962 - war auf dem Weg nach Sidi Bel Abes, ist nie angekommen. Warum hat man nie erfahren."

Der Krieg in Algerien war ein schmutziger Krieg, sagt Mayer. Über den Sinn der Kämpfe habe er sich nie Gedanken gemacht. Im Vordergrund standen für ihn Befehle und die Sorge um seine Kameraden. Seine Einheit hatte oft den Auftrag, Aufständische aufzuspüren und gefangen zu nehmen. Sie seien, das versichert der frühere Fremdenlegionär, so korrekt behandelt worden wie Soldaten:

"Manchmal hat man sie gefunden, manchmal hat man sie nicht gefunden. Wenn wir sie gefunden haben und sie haben sich gewehrt. Dann ist halt geschossen worden."

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