Seit 23:10 Uhr Das war der Tag
Mittwoch, 14.04.2021
 
Seit 23:10 Uhr Das war der Tag
StartseiteInterview"Wir brauchen einfach mehr Impfstoff"20.03.2021

Nach dem Impfgipfel"Wir brauchen einfach mehr Impfstoff"

Der Leiter des Hamburger Impfzentrums Dirk Heinrich, selbst niedergelassener Arzt, ist mit den Ergebnissen des Impfgipfels zufrieden. Er hält einen schrittweisen Einstieg der niedergelassenen Ärzte für richtig. Am Ende werde das ganze Impfgeschehen über die Arztpraxen laufen, sagte er im Dlf.

Dirk Heinrich im Gespräch mit Stefan Heinlein

Hören Sie unsere Beiträge in der Dlf Audiothek
In Frankreich lässt sich Premier Jean  Castex mit dem in Verruf geratenen Astrazeneca-Impfstoff impfen  (dpa / abaca / Eliot Blondet)
Der Impferfolg zeige sich schon jetzt an dramatisch sinkenden Totenzahlen und weniger Intensivstationsbelegungen, sagte der Arzt Dirk Heinrich im Dlf (dpa / abaca / Eliot Blondet)
Mehr zum Thema

Nach dem Impfgipfel "Mobilität ist in einer solchen Lage ein Infektionstreiber"

Reisen in Coronazeiten Schwesig (SPD): Urlaub im eigenen Land möglich machen

Corona-Schutzimpfungen Software von Biontech soll Impfmanagement verbessern

Gesundheitsminister Jens Spahn hielt auf dem Impfgipfel eine bittere Botschaft bereit: Wir brauchen noch einen langen Atem, um das Virus zu besiegen. Bei der Impfstrategie herrscht Einigkeit: schneller und flexibler soll das Impfen werden. Direkt nach Ostern sollen die Hausärzte mitimpfen. Nur gut ein Drittel der angekündigten drei Millionen geht aber vorerst in die Praxen, das sind ca. 20 Impfdosen pro Praxis und Woche. 

Dirk Heinrich ist Leiter des Hamburger Corona-Impfzentrums. Er ist gleichzeitig Vorsitzender des Virchow-Bunds, nach eigenen Angaben die Interessenvertretung von über 140.000 niedergelassenen Haus- und Fachärzten. Am erfreulichsten sei die Ankündigung von drei Millionen Impfdosen pro Woche gewesen, sagte er im Dlf als Reaktion auf die Ergebnisse des Gipfels.

Eine Mitarbeiterin eines mobilen Impfteam spritzt einem Senioren in der Hausarztpraxis den Corona-Impfstoff von Biontech/Pfizer. (dpa/dpa-Zentralbild/picture alliance/Jens Büttner) (dpa/dpa-Zentralbild/picture alliance/Jens Büttner)Das ändert sich, wenn die Hausärzte impfen
Nach Ostern sollen die niedergelassenen Ärzte mit in die Corona-Impfstrategie eingebunden werden. Die Politik hofft, so Schwung in die schleppende Impfkampagne zu bekommen. Auch die Impfpriorisierung soll aufgeweicht werden. Ein Überblick.

Stefan Heinlein: Was ist beim Impfen wichtiger, Gründlichkeit oder Schnelligkeit?

Dirk Heinrich: Beides ist natürlich sehr, sehr wünschenswert. Gründlichkeit ist wirklich essenziell. Wir müssen ja das Vertrauen der Bevölkerung erhalten, das heißt, eine gründliche Anamneseerhebung und gute Aufklärung ist wichtig. Es ist auch wichtig, die Priorisierung einzuhalten, denn das Robert Koch-Institut hat ja mit der Priorisierung ganz klar auch wissenschaftlich belegt, welche Gruppen sind am meisten gefährdet, und die müssen zuerst geschützt werden. Schnelligkeit ist natürlich wünschenswert, aber wir haben einfach zu wenig Impfstoff, um jetzt wirklich schnell, ganz schnell in die Breite zu gehen. Das hätte ich natürlich sehr gerne, ich bin ja selber niedergelassener Arzt und vertrete die Haus- und Fachärzte. Wir würden natürlich gerne noch viel stärker mit eingebunden werden, aber das wird kommen.

Impfen großer Mengen künftig über die Hausarztpraxen

Heinlein: Gründlichkeit und Schnelligkeit, beides ist wichtig, sagen Sie. Nun, wir haben es in dem Bericht gehört, Ihre Kollegen vom Hausärzteverband, Weigeldt und auch die Kassenärzte sind enttäuscht von den Ergebnissen dieses Impfgipfels. Sie auch?

Heinrich: Nein, bin ich nicht. Ich glaube, es ist richtig, dass jetzt die Hausärzte – und in Hamburg werden am Montag schon auch fachärztliche Praxen anfangen, in den Schwerpunktpraxen zu impfen. Wir haben auch selbst die Erfahrung gemacht im Impfzentrum, dass viele Dinge sich erst einspielen müssen, logistische Wege müssen ausprobiert werden, und ich glaube, es ist vernünftig, zunächst einmal schrittweise anzufangen und mit nicht so viel Impfstoff anzufangen. Es ist ja längst noch nicht sicher, dass wirklich alle Hausärzte und alle Fachärzte wirklich impfen wollen, wann sie impfen wollen, wie viel sie tatsächlich in der Woche verarbeiten können. Das sind alles noch relativ offene Fragen. Diese theoretischen Brettspielchen, wir haben soundso viele Hausärzte und soundso viele Fachärzte und die können doch pro Woche, so viel es gibt, dann soundso viel, die gehen meistens nicht auf, deswegen ist der schrittweise Einstieg richtig. Am Ende wird das ganze Impfgeschehen über die niedergelassenen Praxen laufen müssen, weil die großen Mengen sind sowieso nur auf diese Weise zu verarbeiten.

Drei Impfampullen der Hersteller Biontech/Pfizer, Moderna und AstraZeneca stehen nebeneinander (picture alliance / ZUMAPRESS.com | Luka Dakskobler) (picture alliance / ZUMAPRESS.com | Luka Dakskobler)Debatte um Impfstoff von Astrazeneca
Nach der erneuten Überprüfung durch die Europäische Arzneimittelagentur wird Deutschland den Impfstoff von Astrazeneca wieder einsetzen. Manche Menschen fürchten, dass der Impfstoff sie nicht ausreichend schützt. Ein Überblick.

Heinlein: Aber wie soll ein bettlägeriger, pflegebedürftiger Patient, der zu Hause gepflegt wird, in ein Impfzentrum kommen?

Heinrich: Nee, das kann er eben nicht, und deswegen ist es jetzt auch völlig richtig, dass Hausärzte jetzt im Hausbesuch gerade diese Menschen impfen. Jetzt kommen ja in der Priorisierungsgruppe 2 auch Menschen mit Vorerkrankungen, und da ist es natürlich besser, der Hausarzt, der Facharzt impft sofort, anstatt dass er nur eine Bescheinigung ausstellt, mit der der Impfling dann wieder losziehen muss. Also der Weg ist jetzt richtig, und ich glaube auch, der Einstieg jetzt ist richtig, denn die Mengen, die jetzt angekündigt worden sind – das war eigentlich die erfreulichste Nachricht des Impfgipfels –, sind auch so groß, dass die Impfzentren dann auch ausgelastet sein werden.

Drei Millionen Impfdosen pro Woche: "erfreulich"

Heinlein: Die Mengen sind gut, sagen Sie, aber wenn wir jetzt genau auf die Mengen blicken, 20 Impfdosen pro Woche und Praxis und das erst in zwei Wochen, das hört sich so an, als ob die Hausärzte da zur Resterampe der Impfzentren werden.

Heinrich: Na, so würde ich es eben nicht sehen. Ich glaube, die Mengen sind am Anfang notwendig, also es sind jetzt über drei Millionen Impfdosen pro Woche, das ist schon mal grundsätzlich erfreulich, ist natürlich immer noch zu wenig, aber ist erfreulich. Mit den 2,25 Millionen werden die Impfzentren ausgelastet sein, deswegen geht es gar nicht anders. Aber ich glaube, die Hausärzte können jetzt die ein, zwei Wochen dann diese ganzen Wege einüben und die Logistik kann das einüben, auch für die Apotheken ist die Verteilung an der Stelle ja dann neu. Und dann kann das Ganze und wird das Ganze ja nach den Angaben, die wir hören, noch weiter gesteigert werden in den Impfmengen, was uns sehr, sehr freut, und das wird sowieso nur noch über die Praxen gehen.

Das Paul-Ehrlich-Institut hat richtig gehandelt

Heinlein: Lassen Sie uns, Herr Heinrich, noch ein wenig teilhaben an Ihren praktischen Erfahrungen. Was bekommen Sie denn aktuell – Sie haben gestern noch gearbeitet im Hamburger Impfzentrum – an Rückmeldungen von Ihren Patienten, von den Impflingen, wie reagieren die Menschen jetzt nach diesem ganzen Hin und Her diese Woche, die vergangene Woche, auf den Impfstoff AstraZeneca? Ist die Skepsis spürbar gewachsen?

Heinrich: Ja, das Bild hat sich ein bisschen gewandelt. Am Anfang war die Skepsis ja sehr hoch, wie man auch so mitbekommen hat. Jetzt im Impfzentrum ist die Sichtweise vieler Impflinge schon wieder etwas differenzierter. Man sieht jetzt das Paul-Ehrlich-Institut doch als Institution, die sehr vorsichtig agiert hat und die letztlich auch Vertrauend dadurch aufgebaut hat, dass sie noch mal alles geprüft hat. Aber klar, der Impfstoff AstraZeneca ist im Ruf ramponiert, und es bedeutet für uns einfach, mehr Aufklärungsaufwand, mehr Überzeugungsarbeit hier an dieser Stelle zu leisten, und das kostet uns auch übrigens Zeit.

Astrazeneca-Impfstoff für die Praxen

Heinlein: Können da eben nicht die Hausärzte in die Bresche springen, sind sie da nicht die besseren Ansprechpartner für die Patienten, um dieses verloren gegangene Vertrauen in AstraZeneca wiederherzustellen?

Heinrich: Das wird sicherlich so passieren. Es wird ja im Wesentlichen AstraZeneca-Impfstoff in die Praxen gehen, weil dieser am leichtesten auch zu verarbeiten ist. Der hat die besten Bedingungen, was Kühlung und was das Aufziehen anbelangt, er ist nicht empfindlich. Also er ist sehr, sehr gut geeignet für die Praxis, und die Hausärztinnen und auch die Fachärztinnen und Fachärzte werden sicherlich mit diesem Aufklärungsaufwand, aufgrund der Tatsache, dass sie natürlich ihre Patienten auch kennen, da es da schon ein Vertrauensverhältnis gibt, noch besser abwickeln können und besser beantworten können als die Ärztinnen und Ärzte im Impfzentrum, die übrigens auch niedergelassene Haus- und Fachärzte sind im Wesentlichen.

Pandemiebekämpfung muss gesamteuropäisch geschehen

Heinlein: Stichwort Vertrauen: Das ist auch wichtig bei einem neuen Impfstoff, der ja jetzt von vielen Seiten gefordert wird, Sputnik V. Sollte da Deutschland möglicherweise im Alleingang – auch das wird gefordert von einzelnen Politikerinnen und Politikern – vorpreschen und diesen Impfstoff, dieses Vakzin zulassen und nicht eben auf die europäischen Behörden warten?

Heinrich: Das ist natürlich eine sehr politische Frage. Ich fand den europäischen Weg eigentlich recht vernünftig, weil Pandemiebekämpfung ist eben Pandemiebekämpfung, dieses Virus ist überall. Es nützt übrigens gar nichts, wenn ein Land sich sozusagen immunisiert und drumherum grassiert die Pandemie und es entstehen Mutationen. Das bedeutet nämlich, dass man möglicherweise immunisiert hat in seinem eigenen Land, und dann kommen die Mutationen über die Grenze, und dann kann man wieder von vorne anfangen. Also Pandemiebekämpfung muss insgesamt geschehen, und mir ist natürlich jeder Impfstoff recht, der die europäische Zulassungsbehörde und auch unsere eigenen Zulassungsbehörden erfolgreich als sicherer und guter Impfstoff passiert hat, denn eins ist klar: Wir brauchen einfach mehr Impfstoff möglichst schnell, damit wir das Wettrennen, das jetzt ja zwischen Impfungen und dritter Welle sozusagen läuft, gewinnen können.

"Es fehlt uns nur der Impfstoff"

Heinlein: Aber wir wollen doch beim Impfen flott werden, wir wollen flexibel werden. Wenn wir auf ein Land wie Chile blicken, dort wird geimpft überall, auch im Supermarkt, jeder, der eine Nadel halten kann, spritzt die in den Oberarm, und die Impfstoffe kommen aus China, sie kommen aus Russland, sie kommen aus Europa. Ist das nicht die Flexibilität, die tatsächlich uns rasch zu einer Herdenimmunität bringt und eben nicht dieses Bedenkentragen.

Heinrich: Ja, aber das setzt eben diese Mengen voraus. Mir ist es letztlich egal, wie uns die Regierung die Impfstoffmengen beschafft. Wenn wir sie haben, dann können wir genauso vorgehen. Wir haben es in Deutschland da noch besser, wir haben eben Tausende von Facharzt- und Hausarztpraxen, die impfen können. Wenn ich allein in Hamburg mal rechne, wir haben zweieinhalbtausend Praxen in Hamburg, wenn jede am Tag 20 Impfungen machen würde, könnten wir am Tag in Hamburg 50.000 Menschen impfen, wir könnten in vier Wochen, wenn wir Samstag und Sonntag durchimpfen, ganz Hamburg immunisieren. Das ist in Deutschland gar kein Problem, wir haben diese Struktur, es fehlt uns nur der Impfstoff.

Heinlein: Ja, aber wenn wir Sputnik V im Alleingang zulassen, dann haben wir diesen Impfstoff, und zwar schneller, als wenn wir auf die Europäer warten.

Heinrich: Wie gesagt, das ist eine hochpolitische Frage, ob Deutschland sich dazu entscheiden wird, glaube ich nicht, weil Deutschland sieht sich in der Mitte von Europa, und das ist nun grundsätzlich ja auch richtig. Warum nicht dann für ganz Europa Sputnik V besorgen, denn wir sehen ja an den Rändern von Deutschland Richtung Tschechien und Richtung Frankreich, wie sehr Mutationen über die Grenze kommen und wie das dann bei uns das Infektionsgeschehen nach oben treibt. Deswegen glaube ich, ist es genauso wichtig, die Franzosen auf der anderen Seite der Grenze und die Tschechien auf der anderen Seite hinter der Grenze zu immunisieren, sonst kriegen wir es letzten Endes doch nicht in den Griff.

Impferfolg schon jetzt

Heinlein: Wie lange wird es denn nach Ihrer Einschätzung, nach Ihren Erfahrungen, Herr Heinrich, dauern, bis sich beim bisherigen Impftempo und bei dem Impftempo, das sich jetzt abzeichnet nach Ostern, sich das Impfen dann auch tatsächlich bei uns in sinkenden Infektionszahlen widerspiegelt?

Heinrich: Wir sehen ja jetzt schon einen riesengroßen Erfolg, das sind die sinkenden Zahlen an Intensivstationsbelegungen, sagen wir mal bis vor etwa einer Woche, und auch die sinkende, dramatisch sinkende, Gott sei Dank dramatisch sinkende Zahl an Verstorbenen an COVID-19. Das ist übrigens der Impferfolg, den wir jetzt schon sehen durch die Impfungen der Menschen in den Pflegeeinrichtungen. Genau das Gleiche können wir eben auch mit dem Rest der Bevölkerung erleben. Aber es wird bei diesem Tempo mit Sicherheit noch bis in den Juni/Juli? dauern.

Äußerungen unserer Gesprächspartner geben deren eigene Auffassungen wieder. Der Deutschlandfunk macht sich Äußerungen seiner Gesprächspartner in Interviews und Diskussionen nicht zu eigen.

Das könnte sie auch interessieren

Entdecken Sie den Deutschlandfunk