Mittwoch, 29. Juni 2022

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Nach Krim-Referendum
Lettland zwischen Sorge und Zuversicht

Nach dem Referendum und dem Anschluss der Krim an die Russische Föderation blicken viele Balten besorgt nach Moskau. Die Bevölkerung in Lettland und Estland besteht zu gut einem Viertel aus Russen - ein möglicher Grund für Putin, an der Souveränität der Länder zu rühren.

Von Randi Häussler | 19.03.2014

Rigas Stadtteil "Moskauer Vorstadt" mit Stalin-Bau, so genannte Stalins Geburtstagstorte "Akademie der Wissenschaften" in Riga, am 11.1.2014.
Riga, so genannte Moskauer Vorstadt. (dpa / ecomedia / Robert B. Fishman)
Im großen Dom von Riga sitzt Alla Rebezova auf einer der Bänke. Alla gehört zur russischen Minderheit in Lettland, und normalerweise besucht sie eine russisch-orthodoxe Kirche. Heute aber nimmt sie hier am ökumenischen Gottesdienst teil – Friedensgebete für die Ukraine.
Die Ereignisse auf der Krim machen Alla Angst. Wie viele Menschen in Lettland fragt sie sich, ob es auch in ihrem Land zu Auseinandersetzungen kommen könnte:
"Wir dürfen keinen Krieg hier in Lettland anfangen, es wird auch keine Gründe geben für einen Krieg. Irgendwie gehören wir doch zusammen."
Alla Rebezova ist in einem Vorort von Riga aufgewachsen, der "Moskauer Vorstadt" heißt, weil eine Richtung Moskau führende Straße das Stadtbild dominiert. 50 000 Menschen leben hier, viele von ihnen sind Russen. Und sie fühlen sich häufig von den Letten an den Rand der Gesellschaft gedrängt. Vor allem die Sprachenfrage führt immer wieder zu Diskussionen.
Streitfall Sprache
Vor dem Bildungsministerium haben sich einige Letten russischer Herkunft versammelt. Sie protestieren gegen eine Bildungsreform, die ab 2018 wirksam werden soll. Dann sollen alle Minderheiten in staatlichen Schulen in lettischer Sprache unterrichtet werden. Das empfindet ein Demonstrant als Diskriminierung:
"Ja, ich fühle mich beleidigt durch die Regierung, ich will, dass meine Kinder die Möglichkeit haben, sowohl auf Lettisch als auch auf Russisch unterrichtet zu werden."
Aber viele der Demonstranten sind sich einig – obwohl sie das Gefühl haben, dass ihre Sprache unterdrückt wird – sie sind dennoch richtig am Platz, hier in Lettland, das sich seit seinem Eintritt in die EU wirtschaftlich gut entwickelt hat.
"Wenn man sieht, was in der Ukraine passiert, dann ist es doch klar, dass es besser ist, in Lettland zu leben. Damit hat die Demonstration hier auch überhaupt nichts zu tun."
Es gibt aber auch Stimmen in Lettland, die der Regierung nicht nur die Diskriminierung der russischen Sprache ankreiden. Andrejs Elksnins ist Sprecher der pro-russischen Partei "Zentrum der Harmonie". Das "Zentrum der Harmonie" hat einen Freundschaftsvertrag mit der Partei von Vladimir Putin abgeschlossen. In einer Diskussionssendung im lettischen Fernsehen verteidigt Elksnins seinen Standpunkt:
"Die Staatsmacht kümmert sich einfach nicht um die soziale Sicherheit, kümmert sich nicht um das wirtschaftliche Wachstum, das führt zu Unzufriedenheit in der Gesellschaft. Die äußere Sicherheit Lettlands ist aber nicht bedroht, Lettland ist ja ein NATO-Mitgliedsstaat."
Die NATO könnte gefragt sein
Die ganz große Gelassenheit herrscht – trotz solcher Aussagen – im Baltikum jedoch nicht. Erst vor Kurzem hatte Estlands Außenminister gesagt, dass er sich mehr militärische Präsenz der NATO im Baltikum wünsche. Auch der lettische Expräsident Valdis Zatlers scheint das zu unterstützen:
"Angesichts dessen, dass an der Grenze Lettlands viel russisches Militär und Rüstungstechnik konzentriert ist, würde ich Flugzeuge der NATO begrüßen."
Lettlands Politiker erwägen außerdem, den Etat für die Finanzierung der NATO weiter aufzustocken. Doch selbst wenn Russland die baltischen Staaten unangetastet lassen sollte – die Krise könnte Lettland dennoch hart treffen.
Am Fließband einer großen Fischfabrik stehen Frauen und filetieren Fisch. Die Firma ist ein traditionsreiches Unternehmen in Riga – und die fertigen Konserven gehen zum großen Teil nach Russland. Die Frauen hier sind überwiegend russischer Abstammung, doch auch eine Lettin ist unter ihnen. Sie kommen sehr gut miteinander aus, Anfeindungen wegen ihrer unterschiedlichen Herkunft gibt es nicht.
Was ihnen jedoch Sorge bereitet, sind mögliche wirtschaftliche Sanktionen gegen Russland, den wichtigen Handelspartner. Sandra: "Es kann sein, dass die Krise den Markt beeinflussen wird, dass wir dann weniger exportieren können. Aber es kommt einfach, wie es kommt. Wir haben keinen Einfluss darauf, wir sind nur Arbeiter."
Alla Rebezova geht nach dem Gottesdienst ein Stück zu Fuß durch die Stadt. Allen möglichen Szenarien zum Trotz: Alla hofft, dass sich die Lage in Lettland nicht ähnlich entwickeln wird wie in der Ukraine: "Wir sind anders als die, ganz bestimmt. Wenn es hier im Land Probleme gibt, greifen wir nicht sofort zu den Gewehren, sondern setzen uns an den Verhandlungstisch und suchen den Dialog."