Samstag, 08. Oktober 2022

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Nach Olympia
Belarus: regimekritische Sportler unter Druck

Nach der Flucht der belarussischen Leichtathletin Kristina Timanowskaja während der Olympischen Spiele nach Polen gehen die USA mittlerweile mit Sanktionen auch gegen das belarussische NOK vor. Die Situation für Sportler im Land entspannt sich jedoch nicht - jedenfalls nicht für die, die sich kritisch gegenüber dem Regime äußern.

Von Gesine Dornblüth | 14.08.2021

Polizeikräfte nehmen bei Protesten in Minsk einen Studenten fest und schieben ihn in einen Transporter.
Polizeikräfte in Belarus gehen nicht immer zimperlich mit den Protestierenden um (TASS/Sergei Bobylev)
Alexander Lukaschenko tritt nach. Während eines mehrstündigen öffentlichen Auftritts Anfang der Woche äußerte sich der belarussische Diktator auch zu den Vorfällen in Tokio.
"Wie heißt sie noch gleich? Timanowskaja. Der 36. Platz in ihrer Disziplin. Der 36.! Mehr muss man ja wohl nicht sagen. Wir wussten von ihrer weiß-rot-weißen Vergangenheit. Trotzdem haben wir sie in den Kader aufgenommen. Wissen Sie warum? Das IOC hat darauf bestanden", sagte Lukaschenko.
Weiß-rot-weiß sind die Farben der belarussischen Protestbewegung. Darüber, dass Kristina Timanowskaja sich dort besonders engagiert hätte, ist allerdings nichts bekannt. Als Hunderte belarussische Sportler vor rund einem Jahr in einem offenen Brief faire Wahlen forderten, war Timanowskajas Unterschrift nicht dabei. Dennoch stellte Lukaschenko sie als eine Marionette des feindlichen Auslands dar.
"Sie hat in Tokio Kontakt zu ihren Freundinnen in Polen aufgenommen, und die haben ihr wörtlich gesagt: "Wenn du zum Flughafen kommst, lauf zum nächsten japanischen Polizisten und schrei, dass die beiden, die dich zum Flughafen gebracht haben, Mitarbeiter des belarussischen Geheimdienstes sind. Dabei war nicht ein Geheimdienstler in Japan", sagte Lukaschenko.

Andere Sportler folgten Timanowskajas Beispiel

Belarus hat in Tokio mit sieben Medaillen so schlecht abgeschnitten wie nie zuvor bei Olympischen Sommerspielen. Die Stimmung ist offenbar schlecht. Und der Vorfall rund um Kristina Timanowskaja hat auch andere Sportler veranlasst, Belarus dauerhaft zu verlassen.
Zum Beispiel die Leichtathletin Jana Maksimawa und ihren Mann, den Zehnkämpfer Andrej Krautschanka. Die beiden sind bereits Ende Juli mit ihrem kleinen Kind nach Duisburg gekommen, zunächst noch mit der Absicht, bald nach Belarus zurückzukehren.
Die versuchte Entführung Timanowskajas habe ihr noch einmal klar gemacht, dass auch sie sich auf ihre Trainer und die anderen Sportfunktionäre nicht verlassen könne, im Gegenteil, erzählt Maksimawa.
"Diese Leute sind daran gewöhnt, sich dem Präsidenten zu unterwerfen. Wenn du den Mund hältst, dem Trainer, deinen Trainingspartnern gegenüber, wenn du nirgendwo etwas sagst, dann kannst du in Belarus unbehelligt leben. Sobald du sagst, dass dir etwas nicht gefällt, fliegst du."

"Sie wollten uns Angst einjagen"

Zu schweigen ist nicht ihr Ding. Maksimawa und Krautschanka haben sich von Anfang an aktiv an den friedlichen Protesten beteiligt, Maksimawa hat Bilder exzessiver Polizeigewalt in sozialen Netzwerken verbreitet. In der Folge flog sie aus der Sportförderung. Ihr Mann saß sogar zehn Tage im Gefängnis.
"Ich wurde schon lange Zeit überwacht. Es kamen Leute zum Training ins Stadion und filmten mich. Und sie kamen auch zu uns nach Hause, haben uns gewarnt und gedroht: Wir sollten uns nicht einmischen, sollten nichts posten. Das waren kräftige Typen, die uns Angst einjagen wollten", sagt Maksimawa.
Richtig Angst bekamen beide im Juni. Im Rahmen einer Welle von Repression wurde zunächst der Sportjournalist Dmitry Ruto verhaftet – weil er einen weiß-rot-weißen Schal im Auto hatte. Als Ruto nach mehreren Tagen wieder freikam, wollte ihn der Handballtrainer Konstantin Jakowlew abholen, aus Solidarität. Außerdem wollte Jakowlew in seinem Hof ein öffentliches Training organisieren. Die Behörden legten ihm das als illegale Versammlung aus und verurteilten ihn zu 15 Tagen Haft. Maksimawa war schockiert – Jakowlew ist ein guter Freund von ihr. "Uns ist klargeworden, dass jetzt die Sportler an der Reihe sind. Auch wir wollten die Leute einladen, mit uns zu joggen, gemeinsam Übungen zu machen. Aber das geht nicht. Nichts geht."

Zweieinhalb Jahre Straflager für einen Kickboxer

Auch der Handballtrainer Jakowlew hat Belarus mittlerweile verlassen, er hält sich in der Ukraine auf. Ihm seien während der Haft größere Strafverfahren angedroht worden. Dass solche Drohungen real sind, zeigt der Fall des Kickboxers Alexej Kudin. Ein belarussisches Gericht verurteilte den mehrfachen Weltmeister Mitte der Woche zu zweieinhalb Jahren Straflager. Er soll bei einer Protestdemonstration zwei Polizisten angegriffen haben, Kudin selbst bezeichnet es als Notwehr.
Ein mögliches Motiv für Lukaschenkos hartes Vorgehen gegen Sportler könnte Rache sein, meint die Leichtathletin Jana Maksimawa: "Er hat unglaubliche Summen in den Sport investiert. Sport ist sein Spielzeug. Er betrachtet Belarus als sein Land, und wir sind seine Bauern. Er hat uns geführt, aber dann haben wir auf einmal aufbegehrt und sind nicht mehr für ihn, unseren Ernährer, sondern für unsere Fans, unsere Nachbarn, Freunde, Verwandten eingetreten. Das ist für ihn ein Stich in den Rücken."

USA verhängt Sanktionen gegen das NOK in Belarus

Lukaschenko hatte in der Vergangenheit immer wieder internationale Turniere nach Belarus geholt. Zuletzt wurde dem Land allerdings die Eishockey-WM entzogen. Nach dem Vorfall um die Athletin Timanowskaja in Tokio haben die USA weitere Sanktionen gegen Vertreter des Regimes verhängt, unter anderem gegen das Nationale Olympische Komitee.
An dessen Spitze steht Lukaschenkos Sohn Wiktor. Zur Begründung heißt es aus dem Weißen Haus, das NOK habe es versäumt, Athleten vor politischer Diskriminierung und Repressionen zu schützen. Außerdem werde das NOK für Geldwäsche genutzt und dafür, Sanktionen und Visumsperren zu umgehen.