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StartseiteUmwelt und VerbraucherSchick statt schädlich14.01.2020

Nachhaltige ModeSchick statt schädlich

Bis zu zwei Kollektionen im Monat bringen manche Modeketten heraus - mit dem fatalen Ergebnis, dass Kleidung in großem Stil verschwendet wird. Auf der Berliner Fashion Week zeigen nun vor allem junge Designerinnen und Designern, wie sie einer Fast Fashion entgegenwirken wollen.

Von Niklas Potthoff

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09.09.2019, Berlin: Gerd Müller (CSU), Bundesminister für wirtschaftliche Zusammenarbeit und Entwicklung, trägt während seiner Pressekonferenz einen Anstecker mit dem Symbol des staatlichen Textilsiegel "Grüner Knopf" am Revers. Foto: Britta Pedersen/dpa-Zentralbild/dpa | Verwendung weltweit (ZB / dpa / Britta Pedersen)
Der Grüne Knopf auf einem Produkt soll verdeutlichen: Es wurde nachhaltig und sozial fair hergestellt (ZB / dpa / Britta Pedersen)
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Ein Rucksack aus Bananenfasern - ausgezeichnet mit dem Bundespreis Ecodesign. Ein Beispiel für nachhaltige Ware, die an diesem Tag in den Räumen des Bundesumweltministeriums zum Auftakt der Berliner Fashion Week zu sehen ist, mein Umweltministerin Svenja Schulze:

"Mode und Nachhaltigkeit - das ist kein Widerspruch."

Doch genau den Anschein erweckt es: Große Modeketten bringen inzwischen bis zu 24 Kollektionen pro Jahr heraus - und die VerbraucherInnen konsumieren immer schnelllebiger. Das Ergebnis: 40 Prozent der gekauften Kleidung wird nur sehr selten oder nie getragen.

80 Prozent der Altkleider werden deshalb verbrannt oder landen auf Deponien

Am Altkleidercontainer beginnt das nächste Problem: Viele Stücke sind von so schlechter Qualität, dass sich ein Recycling nicht lohnt. 80 Prozent der Altkleider werden deshalb verbrannt oder landen auf Deponien. Zwei Dinge müssen jetzt passieren, sagt Sozialdemokratin Svenja Schulze:

"Das erste wäre für die Hersteller und den Handel wirklich Anreize zu setzen, damit dieser sich stärker an Nachhaltigkeit orientiert - und das notfalls auch mit gesetzlichen Regelungen zu tun. Zum zweiten müssen wir auch Konsumenten dazu bewegen, mehr Wert auf qualitative und langlebige Kleidung zu setzen."

Antje von Dewitz, Designerin und Geschäftsführerin von Vaude, hält dagegen. Wenn man plötzlich durch nachhaltiges, aufwendigeres Produzieren teurer ist als die gesamte Konkurrenz, geht man als Unternehmen ein Risiko ein:

"Nach einem gesunden Menschenverstand wird es uns wahnsinnig schwer gemacht, Verantwortung zu übernehmen. Was uns tatsächlich fehlt, ist ein Wirtschaftssystem, das die richtigen Anreize setzt."

Dabei sieht Antje von Dewitz eine fatale Entwicklung in der Debatte um nachhaltigen Konsum:

"Wir haben uns dahin entwickelt, dass wir sagen: Nachhaltigkeit ist ein Konzept, dass können sich nur manche leisten. Der Begriff nervt mich schon. Nicht, weil es so viel verwendet wird, sondern einfach deshalb, weil es wie ein Label klingt, das ich mir aussuche: Entweder ich mach's, oder ich lasse es, weil es zu teuer ist. Dabei wird vernachlässigt, dass nachhaltig wirtschaften eigentlich nichts anderes ist als unternehmerische Verantwortung zu übernehmen. Dass ich weiß: Wo sind die Auswirkungen meines Handelns? Und wie gestalte ich die so, dass ich weder Mensch noch Natur dabei schädige?"

Das Problem beginnt nicht in Deutschland

Immer wieder fällt in der Debatte das Wort Lieferkette. Denn das Problem beginnt nicht in Deutschland. Wenn zum Beispiel in Bangladesch die Baumwollkleidung bei der Produktion mit giftigen Chemikalien bearbeitet wird, bleibt der Bundesregierung kaum Spielraum, um gegenzusteuern. Vaude versucht, die Kette mit Hilfe sogenannter Auditoren an jeder Stelle zu überprüfen. Antje von Dewitz:

"Wir sagen unseren Produzenten: Nimm genau das Material. Und haben über die Zertifizierung des Materials den Nachweis, dass das auch sauber ist. Wir sind Mitglied der Fairware Foundation und haben dann externe Auditoren in jeder Produktionsstätte, wo wir arbeiten und werden auch selbst auditiert und jedes Jahr neu bewertet, ob wir einen guten Job machen."

Label "Der Grüne Knopf"

Auch die Bundesregierung versucht, mit dem Label "Der Grüne Knopf" auf die Unternehmen einzuwirken. Der Grüne Knopf auf einem Produkt soll verdeutlichen: Es wurde nachhaltig und sozial fair hergestellt. Dafür müssen die Unternehmen auf Produktebene 26 Kriterien erfüllen.

Gefährliche Chemikalien sind zum Beispiel verboten. Abwassergrenzwerte müssen eingehalten und die Fasern auf mögliche Schadstoffe überprüft werden. Dazu kommt ein vorgeschriebener Mindestlohn, und ein Verbot von Zwangs- oder Kinderarbeit. Svenja Schulze betonte gestern, dass Der Grüne Knopf im sozialen Bereich schon gut funktioniere, aber sich in Sachen "grün" noch steigern müsse.

Bei jungen Designerinnen und Designern ist das Thema sehr präsent. Viele von ihnen sind auch vor Ort. Designerin Lydia Maurer sieht ein Problem:

"Wir sind wirklich in einer Zeit gelandet, wo wir uns daran gewöhnt haben, Mode wie Fast Food zu konsumieren. Das heißt, dass wir diese Wertschätzung von Mode und den Prozessen und den Menschen die dahinterstehen, dass wir das nicht mehr so wertschätzen wie früher."

Für das Bundesumweltministerium geht es bei nachhaltiger Mode auch ums große Ganze:

"Wir wollen in Deutschland klimaneutral werden, und zwar ziemlich bald, bis 2050. Und das bedeutet, dass im Moment alles überprüft und durchgeguckt werden will, um zu schauen: Wie schaffen wir das überhaupt?"

Auf der Berliner Fashion Week sieht man zumindest gute Signale, dass das Nachhaltigkeitsthema auch die Modebranche erreicht hat.

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