Donnerstag, 02. Februar 2023

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Nachhilfe für Studienplätze in Indien
Schonungsloser Konkurrenzkampf

Ingenieur, Beamtin oder Arzt: In Indien träumen viele Schülerinnen und Schüler von einer großen Karriere. Doch ohne bestandene Aufnahmeprüfung gibt es keinen Studienplatz an den Eliteuniversitäten des Landes. Um sich darauf vorzubereiten, strömen viele Teenager nach Kota, im Bundesstaat Rajasthan. In der Hochburg der Nachhilfeinstitute halten nicht alle dem großen Druck stand.

Von Bettina Weiz | 28.06.2016

    Archana ist eine der freiwilligen Lehrerinnen unter der Metrobrücke in Neu-Delhi.
    In Indien werden schon junge Schüler in Nachhilfeinstitute geschickt. (ARD / Sandra Petersmann)
    Der Lehrer an der Tafel erklärt ein komplexes Molekül. Die 100 Jungen und zwölf Mädchen im Raum hören angespannt zu und beantworten Fragen im Chor. Mit Nachhilfeunterricht wie diesem hat sich Kriti in Kota zwei Jahre lang auf die Aufnahmeprüfungen zu den indischen Eliteuniversitäten für Technik vorbereitet. Ein Studium dort gilt als Sprungbrett in ein gutes Leben. Kriti war 17, groß, schlank, hübsch – und sprang aus dem 5. Stock eines Hauses in Kota in den Tod. "Es tut mir Leid", schrieb sie in ihrem Abschiedsbrief, "ich habe angefangen, mich selbst zu hassen". Sie wirft ihren Eltern vor, sie hätten sie dazu manipuliert, Naturwissenschaften zu mögen. Die indische Regierung fordert sie auf, die Nachhilfeinstitute zu schließen, denn, so wörtlich "sie sind zum Kotzen".
    Als Pionier der Nachhilfeindustrie in Kota gilt V. K. Bansal. Eigentlich war er Maschinenbauingenieur in der örtlichen Kunststoff-Fabrik. Aber dann fesselte ihn eine Krankheit an den Rollstuhl.
    "Für mich war es eine Frage des Überlebens", sagt er. "Deshalb habe ich auf Nachhilfeunterricht umgesattelt. Mit einem Kind habe ich angefangen". Im Jahr 2000 wurde er berühmt. Da belegte ein Schüler von ihm den ersten Platz von Indien bei den Prüfungen für die technischen Eliteunis.
    "Ganz viele Kinder kamen nach Kota. Ich hatte nicht mal genügend Aufnahmeanträge für alle!"
    Neue Industrie von Kota ist die Nachhilfe
    Es wurden immer mehr. Kinder wie Nachahmer. Heute gibt es rund 130 Nachhilfeinstitute in Kota, mit über 100.000 Schülerinnen und Schülern. Dazu Wohnheime von schick bis schäbig. Und in manchen Gassen hängt an fast jeder Haustür ein Schild "Zimmer für Schüler". Die Kunststoff-Fabrik hat ausgedient. Die neue Industrie der Stadt ist die Nachhilfe. Der 16-jährige Faiz steht morgens um halb sechs auf und büffelt bis Mitternacht. Zeit für Sport?
    Sehr wenig, schau doch, wie ich aussehe sagt er. Tatsächlich nicht nach genug Bewegung. Ständig lässt das Institut die Schüler Probe-Prüfungen schreiben.
    In Kota ist der Wettbewerb das Wichtigste, sagt Faiz. Man meine, die anderen Schüler seien Freunde. Aber tatsächlich sind alle Konkurrenten. Seine Noten bei den Probe-Prüfungen findet Faiz ok, aber eben nicht gut.
    Der Druck kommt in den Kopf, "Oh je, bin ich schlecht?". Es lässt Dich nicht schlafen!
    Eltern investieren viel Geld
    Seine Eltern haben eine Menge Geld für die Nachhilfe gezahlt. Sie wollen das Beste für ihren Sohn und drängen ihn zum Lernen.
    "So ist es nicht gut, versuch, es besser zu machen."
    Das beruhigt allerdings nicht, sondern übt nur noch mehr Druck aus. Die Institute hauen in dieselbe Kerbe.
    "Wenn ein Kind Schwäche zeigt, dann motivieren wir es", sagt V. K. Bansal, der Pionier der Nachhilfeinstitute. Lernt mehr! Strengt Euch mehr an! Das geschieht auch aus Eigeninteresse der Paukstudios.
    An den Straßen und Plätzen Kotas hängen riesige Plakate mit Bildern von ernst blickenden Jugendlichen in Anzügen und mit Krawatten. Darunter steht, welchen Platz sie bei den indienweiten Aufnahmeprüfungen geschafft haben. Darüber prangt groß der Name des Nachhilfeinstitutes. Fürs Prestige und die Werbung jagen sie sich gegenseitig die besten Köpfe ab, beobachtet Faiz.
    "Vor zwei Jahren war mein Institut drauf und dran, den ersten Platz zu belegen. Da ist ein anderes Institut gekommen und hat das Kind gekauft. Das heißt, sie haben ihm viel Geld geboten, damit er zu ihnen ging."
    "Wenn etwas zum Geschäft wird, dann geschehen viele schlimme Dinge"
    Der Druck, der Wettbewerb, die Selbstmorde: Bei Fragen dazu wiegt J. K. Bansal, der Pionier der Nachhilfeinstitute, den Kopf.
    "Wenn etwas zum Geschäft wird, dann geschehen viele schlimme Dinge. Da kann man nichts machen, zumindest ich kann nichts machen", sagt er. Sein Institut sieht heute aus wie die Zentrale eines internationalen Konzerns: palmengesäumte Auffahrt, eindrucksvolle Lobby, lange Trakte mit Unterrichtssälen und Wohnheimen.
    "Jetzt bin ich reich", sagt er. Mit seinem Elektrorollstuhl fährt er gleich zum nächsten Meeting.
    Gar nicht so weit weg von Kota wohnt Ram Lal Nath mit seiner Familie in einer Hütte, klein wie eine Einzelgarage.
    Er verdingt sich tageweise zu Arbeit auf den Feldern, erzählt er. Sein Sohn geht in die staatliche Schule im Nachbardorf. Er liest gerne und würde gerne Lehrer werden. Aber daran ist gar nicht zu denken, sagt sein Vater.
    "Die Schule ist zwar kostenlos, aber wenn er Lehrer werden will, muss ich ihn zur Nachhilfe schicken, nach Kota, Delhi, Mumbai oder auch hier. Dafür habe ich kein Geld."
    Nachhilfeinstitute gibt es in Indien heute sogar in abgelegenen Dörfern. Sie sind nur nicht so berühmt wie die in Kota. So zeugt der Boom der Nachhilfe in Indien zugleich vom Versagen des staatlichen Schulsystems. Was die Kinder dort lernen, reicht offensichtlich nicht für die staatliche Universität. Betuchte Eltern schicken ihre Kinder gleich in private Schulen und zusätzlich zur Nachhilfe. Damit öffnet sich die Schere zwischen ihnen und Ram Lal Naths Sohn immer weiter. Und erst recht zwischen ihnen und Ram Lal Naths Tochter. Die struppige Zehnjährige steht schweigend neben ihrer Mutter.
    "Meine Tochter geht nicht in die Schule. Nur mein Sohn. Meine Tochter muss doch mit mir arbeiten! Wir müssen schließlich was verdienen, damit wir was zum Essen haben."