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StartseiteKultur heuteMilitanter Humanist und literarischer Moralist26.03.2021

Nachlass-Projekt zu Heinrich MannMilitanter Humanist und literarischer Moralist

Zum 150. Geburtstag von Heinrich Mann widmet die Akademie der Künstler dem Autor und internationales Nachlass-Projekt. Die digitale Erschließung soll neue Erkenntnisse über die Widersprüche und Entwicklung des Autors und Menschen ermöglichen.

Von Cornelius Wüllenkemper

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Der Schriftsteller Heinrich Mann, Porträtaufnahme aus dem Jahr 1931, digital koloriert| (picture alliance / akg-images)
Zum 150. Geburtstag von Heinrich Mann widmet die Akademie der Schriftsteller ein internationales Nachlass-Projekt (picture alliance / akg-images)
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Es war ein Festakt, der ganz nach dem Geschmack von Heinrich Mann gewesen wäre. Vom Vater verstoßen, bis zum Lebensende im Schatten seines jüngeren Bruders Thomas Mann, suchte Heinrich Mann stets nicht nur die Öffentlichkeit, sondern auch Bühne und Anerkennung. Bundespräsident Frank-Walter Steinmeier würdigte Mann gestern als "Humanisten und Aufklärer", dessen Schreiben um Vernunft und Wahrheit, Friede, Freiheit und Gerechtigkeit gekreist habe. "Einer wie er, ein Anhänger der Aufklärung und Verteidiger der Demokratie, sollte uns gerade heute ein Vorbild sein. Denn wir erleben ja wieder, wie die Demokratie verächtlich gemacht wird, wie der Hass öffentliche Debatten vergiftet, wie sich autoritäres Denken und Irrationalismus verbünden, wie mancherorts die Sehnsucht nach nationaler Abschottung wächst."

Das Buchcover von Heinrich Mann: "Der Untertan" und ein Portrait des Kaisers Wilhelm II. (Cover Reclam Verlag / Portrait Wilhelm II. imago/dpa)Heinrich Mann: "Der Untertan" und der damalige Kaiser Wilhelm II. (Cover Reclam Verlag / Portrait Wilhelm II. imago/dpa)Heinrich Mann - „Der Untertan“ bleibt ein zeitloses Phänomen
Heinrich Mann | "Der Untertan" bleibt ein zeitloses Phänomen
Nach oben buckeln, nach unten treten: Heinrich Manns "Untertan" ist sprichwörtlich geworden. Im diesem März steht der 150. Geburtstag von Heinrich Mann an, und zu diesem Jubiläum erscheinen einige Sonderausgaben des "Untertan". Eine davon basiert auf der von Mann autorisierten Ausgabe von 1918.

Schmeichelnde Worte für einen Autor, dessen Lebens- und Denkbahnen nicht ohne Irrwege verliefen. Um Heinrich Mann in angemessener Form zu ehren, hätte ein Hinweis auf seinen verschlungenen Weg zur Demokratie durchaus seinen Platz verdient. Er war eben nicht nur "Denker, Dichter, Demokrat", sondern zeitweise glühender Anhänger der Monarchie und auch Herausgeber der radikal-antisemitischen Zeitschrift "Das 20. Jahrhundert". In den Dreißigerjahren verteidigte Mann die stalinistischen Schauprozesse und Säuberungsexzesse und feierte die Sowjetunion als ein Traumland, in dem Macht und Geist vereint seien und das Volk von wohlmeinenden Intellektuellen erzogen werde. Später lies er sich weniger aus echter politischer Überzeugung sondern eher aus finanzieller Notlage als kulturelles Aushängeschild der Komintern anwerben. 

Transnationales Archiv-Projekt zu Heinrich Mann

"Das macht es ja auch gerade spannend, dass er ein so brüchiger Charakter war und dass er auch keinen geraden Weg gegangen ist, dass es eben auch einer Entwicklung bedarf, bis er eben zur Demokratie, zu Menschenrechten und diesen Dingen Zugang fand." Meint Gabriele Radecke, Leiterin des Literaturarchivs der Akademie der Künste. Mit "Heinrich Mann digital" stellt die Akademie zum 150. Geburtstag des Autors ein transnationales Archiv-Projekt vor. Gemeinsam mit sieben Partner-Organisationen unter anderem in Marbach, Zürich, Prag und Los Angeles führt das AdK-Archiv in einem Pilotprojekt das verstreute Archiv-Gut Heinrich Manns digital zusammen. Gabriele Radecke: "Er musste immer wieder neu beginnen, und musste dort eben auch seine Bücher, seine Manuskripte, seine Briefe, die er bekommen hatte, zurücklassen. Und das macht es aus, wieso sein Nachlass heute auch so zerstreut ist. Und wir erzählen nun diese Nachlassgeschichte aufgrund seiner verschiedenen Lebensstationen erstmalig nach."

Digitale Ausstellung zeigt Heinrich Mann als ambivalenten Künstler

Die Digitalisierung und Transkription von Heinrich Manns Notizheften, Geschäftskorrespondenzen, Briefen und auch die Katalogisierung von Fotos und bildkünstlerischen Arbeiten soll bis Ende dieses Jahres abgeschlossen sein. In einem zweiten Schritt werden dann die zehntausenden digitalisierten Archivalien in einem Online-Portal zusammengeführt. Zugleich schaltete die Akademie gestern eine digitale Ausstellung über die transnationale Rekonstruktion des Heinrich-Mann-Erbes frei. Ein echter Schatz für Forscher, und auch für ein breiteres Publikum eine Gelegenheit, sich ein differenziertes Bild der Entwicklung eines ebenso beeindruckenden wie schillernden Menschen, Autors und politischen Aktivisten des 20. Jahrhunderts zu machen. Beim Festakt erinnerte Akademie-Präsidentin Jeannine Meerapfel daran, wie Heinrich Mann von den Nazis 1933 zum Austritt gezwungen wurde und weder die Kulturfunktionäre noch die Künstler nennenswerten Widerstand gegen die Gleichschaltung der Akademie leisteten. Die posthume Ehrung von Heinrich Mann und das aufwendige Archiv-Projekt erscheinen vor diesem Hintergrund auch als eine Wiedergutmachung und Möglichkeit der Distanzierung von den dunkelsten Kapiteln der eigenen Geschichte. Die Ambivalenzen Heinrich Manns als Autor und als öffentliche Person, als militanter Humanist und literarischer Moralist lehren heute vor allem eines: Demokratie wächst nicht an der Polarisierung zwischen richtig und falsch, sondern am Dialog und dem Recht auf Irrtümer.

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