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Nachrichten vertieftEine kleine Geschichte des Hashtags

Von Marco Bertolaso
Die Silhouette einer Frau, die ein Smartphone in den Haenden haelt, ist am 08.01.2015 in Berlin vor dem Symbol eines Hashtags des sozialen Netzwerks Twitter zu sehen. (dpa / picture / Franziska Gabbert)
Symbolbild Soziales Netzwerk Twitter (dpa / picture / Franziska Gabbert)

#NazisRaus – unter diesem Schlagwort wurde in den vergangenen Tagen diskutiert und gestritten. Nur ein Beispiel für die Hashtags, die aus der digitalen Kommunikation nicht mehr wegzudenken sind. Auf Wunsch von Hörerinnen und Nutzern hier einige Betrachtungen zum Phänomen Hashtag.

Alle reden vom Hashtag, doch was hat es damit genau auf sich? "Hash", so heißt im Englischen die Raute oder das Doppelkreuz: #. "Tag", das meint hier Markierung. Das zusammengesetzte Wort Hashtag bedeutet folglich die Markierung durch eine Raute.

Auch in den Duden haben es die Hashtags schon geschafft. Dort wird der Begriff erklärt als "mit einem vorangestellten Rautezeichen markiertes Schlüssel- oder Schlagwort in einem (elektronischen) Text." Im Duden steht übrigens auch, dass es "das" Hashtag heißen muss.

Chris Messinas Erfindung aus dem Jahr 2007

Zuhause ist das Hashtag nicht nur bei Twitter, aber dort wurde es erstmals eingesetzt. Der Web-Designer Chris Messina regte am 23.8.2007 in einem Tweet an, Begriffe oder Gruppen mit einer Raute zu markieren. #barcamp war sein erster konkreter Vorschlag. Barcamps nennt man die offenen und nicht von vorneherein durchgeplanten Tagungen, die ihre Karriere 2005 in der kalifornischen Netzwerkszene begannen. In einem Video erklärt Messina, was er sich dabei gedacht hat.

Die Idee kam gut an. Doch den wirklichen Durchbruch erlebten die Hashtags im Jahr 2009, als Twitter eine Suchfunktion für sie einführte. Als Instagram 2010 startete, waren Hashtags direkt mit dabei. Und Facebook öffnete sich schließlich 2013 ebenfalls für die Strukturierung der Inhalte mithilfe der Raute.

Omnipräsente Raute

Inzwischen sind die Hashtags bei Twitter omnipräsent, bei Instagram gibt es kaum Posts ohne Hashtag. Die US-Präsidentenwahl oder die Vorfälle in Chemnitz, ein Fussballänderspiel oder der "Eurovision Song Contest" - nichts läuft ohne Hashtag. Das Ganze ist nicht immer einfach, weil zu manchen Themen oder Ereignissen verschiedene Schlagworte im Umlauf sind. Firmiert die Landtagswahl in Bayern nun unter #LtwBy oder #LtwBay? Oder muss es nicht doch #LTWBy18 heißen, gar #LTWBy2018?

Meistens setzt sich früher oder später eine Kurzbezeichnung durch. Oft geben die Ausrichter einer Veranstaltung einen "offiziellen" Hashtag. So machen wir das auch im Deutschlandfunk, wenn unsere Nachrichtenredaktion einmal im Jahr das "Kölner Forum für Journalismuskritik" organisiert. Unser Schlagwort lautet dann #kfj18, #kfj19 etc..

Hashtags sind kampagnenfähig

Auch die Organisatoren einer Kampagne setzen vielfach Hashtags. Manchmal fängt es im Kleinen an und verbreitet sich dann wie ein Lauffeuer durch die digitale Welt. Ein Beispiel aus der letzten Zeit mit globaler Reichweite ist #metoo, die Kampagne gegen die Belästigung von und die Gewalt gegen Frauen. #metoo ist wie andere prägnante und erfolgreiche Hashtags auch zu einem Begriff an sich geworden, unter dem sich fast jede und jeder etwas vorstellen kann.

Die meisten Menschen im digitalisierten Teil der Welt sind inzwischen bereit, Schlagwörter zu akzeptieren, die sich klassischen Konzepten der Grammatik entziehen. Das ist zwar nichts völlig Neues, wie man am Beispiel der westdeutschen "Ohne-mich"-(Friedens-)Bewegung der Nachkriegszeit sehen mag oder der ganz anders gearteten "Trimm-Dich"-Bewegung in den 1970er-Jahren. Doch die digitalen Zeiten mit dem Anspruch, plakativ zu sein, und - zumindest bei Twitter - auch mit dem Zwang, sich kurz zu fassen, haben dem Phänomen eine neue Dimension gegeben.

Stimmungen und Lebensgefühl

Hashtags haben etwas Suggestives. Bei einzelnen Nutzerinnen und Nutzern drücken sie immer wieder eine Stimmung aus oder ein Lebensgefühl. #endlichwochenende ist so ein Beispiel, das man freitags oft findet. Spätestens im März wird es auch wieder viele Bilder und andere Posts geben, die mit einem erleichterten #frühling auf die Reise durch die digitale Welt geschickt werden.

Hashtags sind natürlich längst in der Werbung angekommen. Auch hier zählt die Prägnanz und (zumindest derzeit noch) die Aura des Coolen und Digitalen. Nicht nur große Marken und Firmen setzen darauf. Kaum ein Männergesangsverein (erfundenes Beispiel #stimmederheimat) oder ein Gemüseladen (erfundenes Beispiel #vitaminefüralle), der sich der Versuchung entziehen kann.

Auch in der Politik angekommen

Mit dabei, oft ganz vorne, ist auch die Politik. Unvergessen der im Adenauer-Haus vermutlich als Geniestreich empfundene Hashtag der CDU für die Bundestagswahl 2017, #fedidwgugl. Das war die Abkürzung für "Für ein Deutschland, in dem wir gut und gerne leben". Den Erfindern dieses Kunstbegriffs war sicher klar, dass er kaum gedanklich zu entziffern war und das Tor zu ironischer Befassung im Netz und bei Standardmedien öffnete. Aber, war das nicht genau der Clou? Hat nicht diese Gesprächswertigkeit das Wahlkampfmotto so richtig in Umlauf gebracht?

Möglicherweise hatte die CDU auch im Hinterkopf, wie es dem Twitterer-in-Chief Donald Trump ergangen war an jenem 31. Mai 2017. Da las man in einer seiner vielen Botschaften "Despite the constant negative press - covfeve". Über die tiefere Bedeutung, ja über irgendeine Bedeutung rätselte das Netz unter #covfefe für Wochen. Und Trump war eine neue Schlagzeile gewiss.

Spin und Framing auch hier

Politikerinnen und Politiker, aber nicht nur sie, nutzen Hashtags für Spin und für Framing. Zu Deutsch: Sie übermitteln die Botschaft, so wie sie sie gesehen haben wollen, sie laden Begriffe so auf, wie es für sie nützlich ist. Hashtags eignen sich dafür in großartiger Weise. Wenn ein US-Präsident Soldaten nach Syrien schickt, dann macht ein Hashtag wie (erfundenes Beispiel) #peaceforsyria die Absicht klar. Und wenn die Soldaten dann abgezogen werden, dann passt #peaceforsyria immer noch.

Hashtags sind oft schlicht Behauptungen. Das gilt nicht zuletzt für wirtschaftliche und unternehmerische Interessen. Wiederum zwei erfundene Beispiele: Verständlicherweise könnte es die PR-Chefin eines Atomkonzerns reizen, ein Hashtag zu komponieren, in dem irgendwas wie "Co2frei" oder "klimafreundlich" vorkommt. Und manch ein Pharmakonzern mit ordentlicher Gewinnmarge dürften Hashtags reizen, in denen irgendwas wie "Gesundheit" vorkommt, "Leben" oder "Überleben".

Die "trending topics"

Absender aus allen Bereichen haben das Ziel, ihr Thema bei Twitter unter den "trending topics" zu platzieren. Dieses Ranking gibt es weltweit und auch für einzelne Länder bzw. Sprachräume. Auch hier kann man Einfluss nehmen, man könnte auch sagen manipulieren – zum Beispiel durch Bots. Diese Programme können beliebig viel messbare Kommunikation erzeugen und so auch die Liste der "trending topics" verfälschen. Um so etwas kümmern sich zum Beispiel PR-Agenturen.

Das einleitend angesprochene #NazisRaus ist ein gutes Beispiel für das Schillernde der Hashtags. Wer in Gottes Namen könnte etwas dagegen haben, dass unsere Gesellschaft, unsere Institutionen frei von Nationalsozialisten sind? Doch wer das Netz nach diesem Hashtag durchsucht, dem wird auffallen, dass es manchmal überraschende Zuordnungen gibt. Denn mit #NazisRaus kann man je nach Kontext auch den Papst oder den Dalai Lama in die braune Ecke rücken – oder es zumindest versuchen.

Ob #NazisRaus, #peacenow oder #hambibleibt - klare Bekenntnisse verbinden die Mitglieder einer Gruppe, machen die einzelnen gegenseitig erkennbar und stärken die Moral durch Gemeinschaftsgefühl. Ganz ähnlich wie Aufkleber auf dem Auto von "Jesus lebt" bis "Atomkraft – Nein Danke!"

Journalismus und Hashtags

Journalistinnen und Journalisten verbringen ihr Arbeitsleben immer stärker im Netz, also auch mit Hashtags. Ganz im Sinne des Erfinders Chris Messina können wir eine unübersichtliche Menge an Daten filtern und auf einen Blick das sehen, was zu einem bestimmten Thema veröffentlicht wurde. Hashtags helfen bei der Recherche, aber genauso bei der Verbreitung unserer Inhalte. Denn auch wir können unsere Beiträge aller Art mit der Raute rubrizieren und so auffindbar machen.

Aufpassen müssen wir, wenn wir selbst Hashtags setzen. Auch hier gelten die Standards für korrektes, faires und nichtmanipulatives Arbeiten. Der Blick auf die "trending topics" ist ein wunderbares Radarsystem, mit dem sich wichtige Themen oft früher entdecken lassen. Doch sollte man nicht über Themen berichten, nur und ausschließlich weil sie es auf die Liste der meisterwähnten Hashtags gebracht haben.

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