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StartseiteKultur heutePoesie als Lebensprinzip04.06.2021

Nachruf auf Friederike MayröckerPoesie als Lebensprinzip

Friederike Mayröcker schrieb lyrische Prosa, prosaische Lyrik und Hörspiele. Ihre Themen waren Liebe, Verlust, Alter, Weltangst. In diesem Jahr war sie noch mit einem Prosaband für den Preis der Leipziger Buchmesse nominiert. Nun ist die Österreicherin im Alter von 96 Jahren gestorben.

Von Günter Kaindlstorfer

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Die Lyrikerin Friederike Mayröcker bei der Literaturveranstaltung der literaturWERKstatt berlin Weltklang - Nacht der Poesie , zum Abschluß des Sommerfestes der Literaturen am 06.07.2002 auf dem Potsdamer Platz. (IMAGO / gezett)
Die schwarzen Haare tief ins Gesicht gezogen, der Blick wach und ernst- die Grande Dame der deutschsprachigen Literatur, Friederike Mayröcker (IMAGO / gezett)
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Friederike Mayröcker: "Pathos und Schwalbe" Hingebungsvolles und schonungsloses Protokoll

Bleich geschminkt und stets schwarz gewandet, zugleich von einer Aura stilvoller Entrücktheit umgeben: Friederike Mayröcker wirkte wie eine Hohepriesterin der Dichtkunst, wenn sie einem gegenübertrat. Eine Erscheinung. Die Grande Dame der österreichischen Avantgarde, hat die Poesie mit einer Radikalität zum Lebensprinzip erhoben wie kaum eine andere Dichterin unserer Zeit. Wer die Autorin in ihrer Wohnung in der Zentagasse im Wiener Bezirk Margareten besucht hat, hat auf Anhieb gespürt, was das bedeutet: Poesie als Lebensprinzip.

Spickzettel und Schreibmaschine

Das Tableau ist oft beschrieben worden. Zunächst kämpfte sich der Besucher durch das typische Treppenhaus einer Wiener Mietskaserne, Eintopfdüfte und Gulaschgerüche hingen in der Luft. Im sechsten Stock dann: die Klause der Dichterin. Hier hauste Friederike Mayröcker in einem penibel choreographierten Chaos aus zehntausenden Zetteln, Büchern und Manuskripten. Die Fensterbretter waren mit Papieren zugestapelt, Spickzettel baumelten an Wäscheklammern, kaum ein Plätzchen, das nicht mit Geschriebenem, Gedruckten, da und dort mit einem Wäschestück, fast möchte man sagen: zugemüllt gewesen wäre. An einem schmalen Tischchen thronte die Dichterin. Vor ihr – eine klapprige Antik-Schreibmaschine der Marke "Hermes Baby":

"Seit ich bewusst denke und fühle, habe ich das Gefühl, dass ich schreiben muss. Ich habe schon als kleines Kind, damals in der Sommeridylle in Deinzendorf – da war ich sechs oder sieben – da habe ich schon das wehmütige Gefühl gehabt, ich möchte irgendetwas ausdrücken, von dem ich noch nicht gewusst habe, was es ist. Es begleitet mich also seit der Kindheit eine Art Besessenheit zu schreiben."

Die österreichische Schriftstellerin Friederike Mayröcker bei der Präsentation Eisener Vorhang in Wien, Oper, 2019 (imago images / SKATA) (imago images / SKATA)Friederike Mayröcker: „da ich morgens und moosgrün" 
Die sprachliche Radikalität, mit der Friederike Mayröcker ihre "Lebensverschriftlichung" betreibt, ist atemberaubend. Sie geht bis an die Grenze des Wahn-Sinns.

Dorfleben als Inspiration

Deinzendorf – ein kleiner Ort im niederösterreichischen Weinviertel, direkt an der tschechischen Grenze gelegen: Das war das Mayröckersche Kindheits-Paradies, in Dutzenden Gedichten immer wieder heraufbeschworen.

"Ich war ein unerhört stilles Kind, sanft und furchtsam. Aber ich war durch diese Sommer in Deinzendorf so naturbelassen, irgendwie. Ich bin bloßfüßig gelaufen, das hat so gut gepasst zu Deinzendorf, dieses Bubenhafte. Man hat auf nichts Rücksicht nehmen müssen. Ich bin halt barfuß die Straße hinaufgelaufen, das war damals alles noch nicht asphaltiert. Das war herrlich. Eine Dorfstraße. Da habe ich hinter mir ein Weidengebüsch hergezogen, das war mein Hund. Das war eine wunderbare Zeit."

Fixstern am Literaturhimmel
Friederike Mayröcker verglich ihr Schreiben mit einer Handarbeit. Mit feiner Nadel fügte sie ihre Worte zusammen, nähte sie wie ihre Mutter einst Kleider. Ihre Texte waren Kunstwerke, inspiriert auch von Goya, Dalí und Max Ernst. Gemeinsam mit ihrem Lebensgefährten, dem Lautpoeten Ernst Jandl, hat Friederike Mayröcker die Literatur nach 1945 für alle nachfolgenden Generationen entscheidend geprägt.

Friederike Mayröcker, 1924 als Tochter eines Lehrers und einer Modistin in Wien geboren, veröffentlichte ihre ersten Texte unmittelbar nach dem Zweiten Weltkrieg in der Zeitschrift "Plan". In den nächsten Jahren und Jahrzehnten folgten Dutzende Buchveröffentlichungen, Lyrik, Prosa und zahlreiche Hörspiele. Einige dieser Hörspiele entstanden in Kooperation mit Mayröckers Lebensmenschen Ernst Jandl. Ob in ihren farb- und stimmungsgesättigten, privatmythologisch grundierten Gedichten oder in Romanen wie "brütt oder Die seufzenden Gärten": Friederike Mayröckers Texte entziehen sich leichter Zugänglichkeit.

Keine leichte Kost

Die Dichterin ist, was die Verbreitung ihres Oeuvres betrifft, bis heute eine weithin Unbekannte, man muss es so sagen: hochgerühmt und wenig gelesen, renommiert und wenig verstanden. Zugleich aber, auch das ist Teil der Rezeptionsgeschichte, wird Friederike Mayröckers Werk, obgleich als hermetisch abgestempelt, von einer kleinen, aber eingeschworenen Gemeinde von verständigen Leserinnen und Lesern seit Jahrzehnten nachgerade kultisch verehrt.

"Das habe ich von Anfang an wollen: die Totalität des Lebens, meines Lebens, soll verwandelt werden in Kunst."

Wer von Literatur Suspense und widerstandslose Konsumierbarkeit erwartet, wird bei Friederike Mayröckers Texten entschieden nicht auf seine Kosten kommen. Wer aber ein Ohr hat für Sprachmagie und literarische Wahrhaftigkeit, wer sich auf die Musikalität und die verhaltene Melancholie der Mayröckerschen Texte einlässt, für den hält die österreichische Schriftstellerin subtile poetische Genüsse bereit. Die Dichtungen Friederike Mayröckers: keine leichte Kost. Aber – eine nahrhafte.

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