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StartseiteKultur heuteKein Ankläger31.03.2016

Nachruf auf Imre KertészKein Ankläger

Der ungarische Literaturnobelpreisträger Imre Kertész ist tot. Als Jugendlicher aus einer jüdischen Familie überlebte er die Konzentrationslager Auschwitz und Buchenwald. Die Erfahrungen flossen in sein Hauptwerk "Roman eines Schicksallosen" ein. Zugleich beschäftigte sich Kertész intensiv mit dem totalitären Sozialismus, den er später in seiner Heimat Ungarn erlebte.

Von Jörg Plath

Der ungarische Schriftsteller Imre Kertesz ist tot. (epa Keystone Georgios Kefalas)
Der ungarische Schriftsteller Kertész verarbeite Erfahrungen während des Holocausts und des Stalinismus. (epa Keystone Georgios Kefalas)
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Freiheit fand Imre Kertész im Schreiben. Schreibend entwarf er sich immer wieder von Neuem, um dem Leben zu entkommen, dem bloßen Funktionieren, der Schicksalslosigkeit. Weshalb das Schreiben unauflöslich an das Leben gebunden war, das Glück an die Katastrophe, der Sinn an die Sinnlosigkeit. Imre Kertész war, man sieht es an den Aporien und Paradoxa, ein Künstler der Klassischen Moderne. Beinahe freilich wäre er kein Künstler geworden und Auschwitz, wohin er als Vierzehnjähriger deportiert wurde, lediglich eine biographische Station geblieben:

Das Ur-Erlebnis Auschwitz

"Was mich zu diesem Erlebnis zurückgebracht hat, ist eine spätere, viel spätere Erfahrung, und zwar die Erfahrungen der so genannten 50er Jahre, der Stalin-Zeit und dann der Aufstand in Budapest, die Niederschlagung des Aufstandes und was nachher kam. Was nachher kam, also die Anpassung eines Volkes an eine gegebene Situation, die ich schon ganz bewusst erlebt habe. Das hat mich zurückgebracht zu meiner ursprünglichen Erfahrung von einer Diktatur und da war der ganze Prozess, der ganze Mechanismus für mich ganz klar: Das brachte mich zurück zu meinem Ur-Erlebnis, zum Auschwitz-Erlebnis."

Was für Prousts Erzähler die Madeleine, war für Kertész der ungarische Stalinismus. Während er sein Geld mit Theaterstücken und Musicals sowie mit Übersetzungen von Canetti, Hofmannsthal, Freud, Nietzsche und Wittgenstein verdiente, arbeitete er von 1960 bis 1973 an dem "Roman eines Schicksallosen".

Erst 1985 machte das Buch in Ungarn Furore. Ein Vierzehnjähriger erzählt in ihm von seiner Deportation nach Auschwitz. György Köves bewundert den Arzt an der Rampe, der die einen ins Lager, die anderen in die Gaskammer schickt: "Alles bewegte sich, alles funktionierte, jeder war an seinem Platz und tat das Seine, exakt, heiter, reibungslos."

Der Neuankömmling preist die Rationalität des Systems, das ihn vernichten soll. Auschwitz ist keine Verirrung, sondern eine Konsequenz der europäischen Zivilisation.

Der trotz formaler Kühnheiten leicht lesbare, jedoch schwer erträgliche Roman begründete Kertész' Weltruhm. Insbesondere in Deutschland fand Kertész ein großes Publikum. Der liebenswürdige Herr mit den geschliffenen Umgangsformen und dem singenden Deutsch Kakaniens klagte die Deutschen nicht an für die Taten der Väter und Großväter. Der Überlebende dachte schon an die Zeit, in der es keine Überlebenden mehr geben würde. Er verband in seiner Person Aktualität und Historisierung des Holocaust.

Der Holocaust als Negation alles Ethischen

"Ich meine, dass der Holocaust wirklich kein rein historisches Ereignis ist, sondern eine sehr tiefe Verletzung – eine Verletzung wirklich aller Träume, die wir vom Menschen hatten. Es ist in einem Sinne alles zusammengebrochen auf ethischer Ebene. Kurz gesagt und vielleicht hört sich das ganz komisch an: Es fehlt die Liebe einfach im Leben, es fehlt Gott, also alles, was schöpferisch sein kann. Das ist wirklich eine Tragödie, weil Auschwitz nicht mehr nur die Juden betrifft und nicht mehr nur die Deutschen, nicht mehr nur die Täter und die Opfer. Fünfzig Jahre haben bewiesen, dass das wirklich ein Trauma ist, das tief in den Instinkten des heutigen Menschen liegt. Und so eine Verletzung kann man nur mit schöpferischer Arbeit überwinden. So entstanden im Antiken Religionen, mit solchen Verletzungen."

"Holocaust als Kultur", der Titel eines seiner vielen Vorträge, beschreibt auch sein eigenes Werk. Im "Galeerentagebuch", verfasst im sozialistischen Ungarn, sucht er in der Auseinandersetzung mit Pascal, Kierkegaard, Camus, Nietzsche und der Zwölftonmusik nach dem eigenen Schicksal und vermerkt: "Gott ist Auschwitz, aber auch der, der mich aus Auschwitz herausführte." Ebenso radikal und verzweifelt antworten die Romane "Kaddisch für ein nicht geborenes Kind", "Fiasko" und "Liquidation" auf die Leere und Sinnlosigkeit des Daseins nach Auschwitz.

Den Literaturnobelpreis 2002 empfand Kertész als "Glückskatastrophe". Interviews, Vorträge und Reisen freuten und quälten ihn zugleich. Mit Ekel reagierte er auf den ungebrochenen Antisemitismus in Ungarn. In Werken wie "Dossier K.", einem listigen Selbstinterview, erhob sich Kertész noch einmal über das leere Leben. Doch das Schreiben fiel ihm nicht nur wegen der Parkinson-Erkrankung schwerer als zuvor, und der überall Willkommene und Gefeierte sehnte sich zurück in das Abseits im verhassten Stalinismus. Er verzweifelte, nachzulesen ist es im Tagebuch "Letzte Einkehr", als das Schreiben zuletzt misslang.

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