Donnerstag, 18. August 2022

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Nada Surfs „Never Not Together“
„Wir sind wie Bäume, nur komplizierter“

Nada Surf aus New York spielen auch auf ihrem neuen Album einen unverwechselbaren Power-Pop, der vor allem durch seinen Optimismus auffällt. Mit 50 schreibe man nicht mehr vom Suchen und Sehnen, sagt Sänger Matthew Caws. Das Mantra laute vielmehr: „Sei gut zu dir. Atme tief. Schlaf dich aus.“

Von Bernd Lechler | 08.02.2020

Sänger Matthew Caws der US-amerikanischen Band Nada Surf bei einem Auftritt in Paris
Sänger Matthew Caws der US-amerikanischen Band Nada Surf (Imago / Unimedia Images)
Diese liebliche Melodie! Diese Dur-Akkorde! Dieser Titel! "So Much Love", über das Übermaß Liebe in der Welt und in uns, auf das wir alle Zugriff haben. Das ist schon arg viel Idylle, selbst für Fans von Nada Surf. Andererseits war das Tröstliche, Positive, Umarmende immer schon typisch für Matthew Caws und seine Band, genau wie die Begeisterung für viele Schichten Gitarre. Womit sie derzeit ja komplett neben dem Trend liegen.
"Ist Ihnen das schon mal aufgefallen, bei Anzeigen für Immobilien oder Airbnb: Da ist immer eine akustische Gitarre im Bild! Früher stand das für: Jugend! Aber heute gibt’s kaum noch Gitarren - mehr Laptops! Jetzt ist das offenbar eher ein Symbol für Stabilität: Diese Leute kümmern sich, die sind solide - sie haben ja eine Gitarre!"
Er sei glücklich verheiratet, sagt Matthew Caws, seine Zeit der "suchenden" Liebeslieder sei vorbei. Was macht man als Rocksongwriter? Man macht sich nützlich, schlägt er vor - ein gereifter Mann, der sich übrigens gerade viel um sein zweieinhalbjähriges Kind kümmert.
"Als kleines Kind braucht man ein großes Ego. Denn das sagt deinen Eltern, dass du frierst oder müde bist. Später brauchen wir diesen Fürsprecher nicht mehr: ‚Danke für deine Hilfe, aber du musst jetzt nicht mehr ausflippen. Das wird schon.‘ Ich bin heute glücklicher als früher, ich habe weniger Ängste, und vielleicht will ich das ja teilen. Darum geht es auch im Song ‚Just Wait‘: ‚Die meisten dieser Wolken werden vorüberziehen. Sei gut zu dir. Atme tief. Schlaf dich aus.‘"
Mitreißende instrumentale Wucht
Aus derlei Ideen könnte betulich-harmloser Ratgeber-Rock entstehen, aber Nada Surf sind nicht umsonst seit 20 Jahren Indie-Lieblinge. Sie geben den Songs eine mitreißende instrumentale Wucht; denken sich Überraschungen aus wie einen Kinderchor -
- oder zwischen den wohligen Melodien einen ungereimten Monolog über eine Welt im rasenden Wandel -
- und der Wille zum Positiven schließt einen Text über toxische Männlichkeit ja nicht aus, wie im Song "Mathilda".
"Darüber müsste man mehr reden. Ich hatte als Junge eine hohe Sprechstimme, lange Haare, wirkte feminin. Und dann wurde ich eben veräppelt. Es hat mich nicht nachhaltig beschädigt oder zu einem zornigen Menschen gemacht, aber ich hatte eben einen sanften Vater. Wäre er in seiner Männlichkeit unsicher gewesen und hätte mich zu mehr Härte erziehen wollen - wer wäre ich dann wohl geworden?"
Musik als Atemübung
Es wäre etwas kühn zu mutmaßen, dass er deshalb zur Musik fand - aber Trost und Hilfe ist sie ihm bis heute.
"Der Zaubertrick war: Man konnte über etwas, was einen plagte, einen Song schreiben und es damit quasi woanders hinpacken. Schreiben hilft sehr. Und Singen übrigens auch. Ich war früher ein sehr nervöser Typ. Warum ging ich trotzdem so gern auf die Bühne? Heute denke ich: Weil anderthalb Stunden zu singen wie eine Atemübung ist. Ich atme diese langen Sätze aus und dann wieder tief ein - es ist wohltuend."
Wohlfühlmusik, aber im guten Sinne: "Never Not Together" klingt vertraut, ohne zu langweilen; zuversichtlich, ohne zu banalisieren; und der Albumtitel - "Niemals nicht gemeinsam" - beschreibt zwar kaum die aktuelle Realität - als Utopie taugt er allemal.
"Das Klischee stimmt einfach. Schau dir tausend Bäume an - aus nächster Nähe sind sie alle verschieden, von weiter weg sind sie alle gleich. Und so sind wir auch. Nur halt sehr kompliziert. Es ist immer gut, die Ähnlichkeit zu betonen."