Dienstag, 18.12.2018
 
Seit 22:00 Uhr Nachrichten
StartseiteTag für TagPersilschein im Namen Gottes12.12.2014

Nazi-VerbrechenPersilschein im Namen Gottes

Hat die katholische Kirche NS-Kriegsverbrechern systematisch zur Flucht verholfen? Mit der Öffnung vieler Archive im Vatikan kann Licht in ein dunkles Kapitel der Kirchengeschichte kommen. Es zeigt sich: Nicht jeder Vorwurf stimmt, doch allzu oft war der Kirche ihr Antikommunismus wichtiger als eine Strafverfolgung der Massenmörder.

Von Kirsten Serup-Bilfeldt

Der ehemalige Kommandant der Vernichtungslager Treblinka und Sobibor, Franz Stangl (r) wird am 23. Juni 1967 von einem Polizeibeamten zum Flughafen nach Rio de Janeiro (Brasilien) gebracht, um an die Bundesrepublik ausgeliefert zu werden. Franz Stangl, der nach dem Zweiten Weltkrieg über Italien und Syrien 1951 nach Brasilien emigrierte und dort unter seinem Namen in einem Zweigwerk des Volkswagenwerkes arbeitete, wurde von Simon Wiesenthal aufgespürt und 1967 an die Bundesrepublik ausgeliefert. (picture alliance / dpa / UPI)
Der ehemalige KZ-Kommandant Franz Stangl nach seiner Gefangennahme 1967. Stangls Flucht nach Lateinamerika wurde von katholischen Geistlichen unterstützt. (picture alliance / dpa / UPI)
  • E-Mail
  • Teilen
  • Tweet
  • Drucken
  • Podcast
Weiterführende Information

NS-Geschichte - Vergessene Täter, vergessene Widerständler
(Deutschlandfunk, Aus Kultur- und Sozialwissenschaften, 20.11.2014)

NS-Vergangenheit - Verdienst und Verschulden des Theodor Eschenburg
(Deutschlandfunk, Kultur heute, 22.10.2014)

NS-Diktatur - Aufräumen mit Legenden
(Deutschlandradio Kultur, Lesart, 23.08.2014)

NS-Verbrechen - Der lange Schatten der Vergangenheit
(Deutschlandfunk, Deutschland heute, 16.07.2014)

Angehörige der berühmten Kaufmannsfamilie Fugger ruhen hier und - der letzte Papst aus dem Heiligen Römischen Reich deutscher Nation: Hadrian VI. Die deutsche Nationalkirche Santa Maria dell'Anima, ein im 16. Jahrhundert erbautes römisches Gotteshaus mit dem angeschlossenem "Collegio Teutonico" ist deutschen Pilgern seit Jahrhunderten ein Stück Heimat in der Fremde. An das Portal dieser Kirche klopft im Frühsommer 1948 ein Mann, der alles andere als ein Pilger ist:

"Franz Stangl kommt nach Rom zur Santa Maria dell'Anima, weil der Bischof Hudal, der Rektor dieser Stiftung zuständig war für die österreichischen Hilfsgelder, und Bischof Hudal bittet ihn dann, einen Lebenslauf zu schreiben."

Der Hilfesuchende, so der Bonner Kirchenhistoriker Karl-Joseph Hummel, ist äußerst beflissen.

"Er schreibt einen Lebenslauf mit dem falschen Vornamen, dem richtigen Nachnamen, und er schreibt sein Leben korrekt nieder. Aber er spricht nur über sein Leben zu Hause. Er spricht nicht von Treblinka."

Auch nicht von Sobibor oder Hartheim! Denn Franz Stangl war Verwaltungschef der NS-Tötungsanstalt Hartheim, Lagerkommandant der Vernichtungslager Treblinka und Sobibor und - verantwortlich für den Tod von nahezu einer Million Menschen. In Rom besorgt ihm Bischof Alois Hudal ein Visum und einen "Rotkreuzpass". Stangl gelingt es, zunächst nach Syrien, später nach Brasilien zu entkommen.

Die Fluchthelfer der Nazis

So wie Stangl entziehen sich nach Kriegsende zahlreiche NS-Kriegsverbrecher, unter ihnen Adolf Eichmann, Josef Mengele, Klaus Barbie und Erich Priebke der drohenden Strafverfolgung durch die Flucht nach Übersee. Als Fluchthelfer dienen vor allem internationale Organisationen wie das Rote Kreuz, das vielen ehemaligen Nationalsozialisten eine neue Identität verschafft.

Aber auch kirchliche Kreise spielen eine entscheidende Rolle bei der Flucht von Kriegsverbrechern. Die nämlich gelangen mithilfe kirchlicher Netzwerke über die "Ratten-" oder "Klosterlinien" von Österreich über die Alpen nach Italien und von dort aus in Länder des Nahen Ostens oder nach Südamerika:

"Die Situation war unübersichtlich. Italien war voll mit Flüchtlingen, die aus verschiedenen Gründen nach Südamerika flüchten wollten - es waren nicht immer nur Nazi-Kriegsverbrecher ... Der interessanteste Ort war Südtirol - die Linie von Sterzing über Bozen und Brixen nach Rom und von Rom nach Genua. Von Genua aus sind die meisten dann mit dem Schiff nach Argentinien oder Chile gekommen."

Hauptsache katholisch

In Argentinien nimmt der Diktator und Hitler-Bewunderer Juan Peron die braunen Emigranten mit offenen Armen auf - vorausgesetzt es handelt sich um stramme Antikommunisten und eben solche Katholiken. Weshalb der ein oder andere protestantische Flüchtling denn auch noch vor seiner Überfahrt vorsichtshalber konvertiert.

Was die katholische Kirche in den Jahren der NS-Herrschaft an Widerstand vermissen ließ, das habe sie nach Kriegsende nachgeholt - allerdings auf der Seite der Täter, notierte der Publizist Ernst Klee bissig und meinte damit die stille, aber effektive Hilfe der Kirche für untergetauchte Nazis. Karl-Joseph Hummel allerdings ist es wichtig, hier mit einigen Legenden aufzuräumen:

"Der Vatikan hat die Archive geöffnet bis einschließlich 1939. Aber es gibt inzwischen Funde aus anderen Quellen, auch in Rom, die uns ermöglichen, die Dinge zurechtzurücken, die in der Zwischenzeit seit 40 Jahren behauptet worden sind."

Dazu gehört etwa das Phantom der geheimnisvollen Organisation "Odessa", angeblich ein weltumspannender Verband ehemaliger SS-Angehöriger, der seinen Mitgliedern zur Flucht aus Europa verholfen habe. Diese Organisation hat es allerdings nie gegeben; sie ist durch Frederick Forsyths berühmten Roman "Die Akte Odessa" zu einem unsterblichen Mythos geworden:

"Das ist eine literarische Fiktion. Was es gegeben hat, ist eine Art von System, ein Empfehlungssystem, wo man über Visitenkarten sich langsam vorarbeitet von Sterzing über Brixen, Bozen nach Rom und wenn jemand dann mit verschiedenen Visitenkarten in Genua beim Roten Kreuz erschienen ist, dann hat das Rote Kreuz angenommen, dass er nicht mehr als Person überprüft werden muss, sondern man hat ihm den sogenannten 'Nansen-Pass' ausgestellt, eine diplomatenähnliche Urkunde."

Untergetaucht mit neuem Namen

So verwandelt sich SS-Führer Erich Priebke, der an Geiselerschießungen bei den Ardeatinischen Höhlen beteiligt war, in den lettischen Biedermann Otto Pape, Klaus Barbie, der "Schlächter von Lyon" wird zu Klaus Altmann, Josef Mengele, der "Todesarzt" von Auschwitz zum Südtiroler Bauern Helmut Gregor aus Tramin. Auch aus Adolf Eichmann wird ein Traminer Bürger namens Ricardo Klement. Allerdings:

"Eichmann ist definitiv nicht mithilfe der katholischen Kirche nach Südamerika entkommen, sondern mit den gefälschten Papieren des Gemeindeamtes von Tramin. Eichmann ist insofern ein Problem, weil er sich später ausdrücklich bei der katholischen Kirche bedankt und gesagt hat, sie habe ihn so anständig behandelt und ihm geholfen, dass er die Ehrenmitgliedschaft bei der Kirche beantragt."

Vor seiner endgültigen Flucht jedoch taucht Eichmann in einem Kloster in Bozen unter. Das ist nichts Ungewöhnliches, denn auch Klöster sind oft Teil des Netzwerks:

"Die Klöster hatten die Möglichkeit, Leute aufzunehmen zur Übernachtung. Manche sind versteckt worden in Klöstern und haben zur Strafe Heiligenfiguren geschnitzt für die Südtiroler Weihnachtskrippen. Das war nicht unbedingt deren bevorzugte Beschäftigung."

Bevor den Antragstellern die Rotkreuzpässe ausgehändigt werden, bestätigt der Vatikan die neue Identität - vorausgesetzt es handelt sich um Staatenlose. Da volksdeutsche Flüchtlinge aus Mittel- und Osteuropa offiziell als staatenlos gelten, tarnen sich viele der Flüchtenden geschickt als Volksdeutsche:

"Der Vatikan hat ja sehr früh ein Hilfskomitee eingerichtet zur Versorgung von Kriegsgefangenen ... Aber die eigentlichen Vorwürfe, der Vatikan habe falsche Pässe ausgestellt, um Kriegsverbrecher nach Südamerika zu schleusen - das trifft nicht zu."

Antikommunismus des Vatikans: Auf dem rechten Auge blind

Bleibt die Frage, wie es geschehen konnte, dass kirchliche Stellen falschen Identitäten nicht auf die Schliche kamen, Papiere offenbar nicht nachprüften, und Menschen, die schwerste Verbrechen begangen hatten, einfach "durchwinkten".

Einer der bekanntesten und auch berüchtigtsten Fluchthelfer, der Titularbischof Alois Hudal erklärte dazu lapidar, er sei Priester und kein Polizist; überdies sei es seine Christenpflicht, Flüchtlinge vor dem Kommunismus zu bewahren:

"Die Informationslage im Vatikan war sicher so, dass man über die Verbrechen Bescheid wusste nach 1945, aber das Problem bestand darin, dass man diesen Menschen, der vor Ihnen stand ... dass Sie die Identität nicht kannten ... Jetzt ist die Frage: Muss ein Titularbischof in Rom wissen, wer vor ihm steht, wenn er solche falschen Angaben bekommt, oder muss er das 1946/47 nicht wissen."

Oder wusste man 1946/47 bereits so viel, dass man nicht mehr wissen wollte?

"Wir warten jetzt noch auf die Öffnung der vatikanischen Archive, die unmittelbar bevorsteht für das Pontifikat Pius XII. Wir wissen aus anderen Quellen schon über die Kriegsjahre Bescheid, aber ein endgültiges Urteil kann erst gefällt werden, wenn möglicherweise im nächsten Jahr die Quellen zur Verfügung stehen, vielleicht bis 1958."

Das könnte sie auch interessieren

Entdecken Sie den Deutschlandfunk