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StartseiteDlf-MagazinEin Dorf setzt auf Ökologie und Nachhaltigkeit02.05.2019

Nebelschütz in der LausitzEin Dorf setzt auf Ökologie und Nachhaltigkeit

Serie: „Alles, nur nicht abgehängt – Orte im Aufbruch“

Nachhaltigkeit, Ökologie und Miteinander – darauf setzten die Bewohner in Nebelschütz. Die Gemeinde in der sächsischen Oberlausitz lebt schon jetzt, was die Zukunft für weitere Orte sein könnte. Sie hat sich einer ökologischen, nachhaltigen Entwicklung verschrieben.

Von Thilo Schmidt

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Der Bürgermeister von Nebelschütz Thomas Zschornak steht auf der Brücke an einem Fluss (Thilo Schmidt)
Plant gemeinsam mit den Nebelschützer Bürgern die Zukunft des Dorfs: Bürgermeister Thomas Zschornak (Thilo Schmidt)
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"Und die wichtigsten Ziele waren natürlich erst einmal, das Dorf aufzuräumen, es war kein schönes Dorf, es war auch kein blühendes Dorf, die Lebensqualität war nicht die beste hier."

Thomas Zschornak war 26 Jahre alt, als er, gleich nach der Wende, Bürgermeister von Nebelschütz wurde, einer kleinen Gemeinde in der Oberlausitz. Obwohl ostdeutsche Gemeinden zu dieser Zeit allerhand andere Probleme hatten, machten sich die Nebelschützer schon damals Gedanken um Ökologie und Nachhaltigkeit. Heute ist Zschornak noch immer Bürgermeister. Und Nebelschütz seit bald 30 Jahren im Wandel – ein Wandel, der den meisten Orten der Lausitz erst noch bevorsteht.

"Wir sagen, wir sind eine enkeltaugliche Gemeinde, da wir auf unsere Enkel schauen und an unsere Enkel denken."

Hartz-IV-Empfänger und Geflüchtete richten die alten Dinge her

Auf dem Weg zum gemeindeeigenen Bauhof. Auf 3.000 Quadratmeter lagern alte Dachziegel, Fenster, Türen und sonstiges, was die Gemeinde aus Abrisshäusern retten konnte. Hartz-IV-Empfänger und Geflüchtete richten die alten Dinge, vom Landkreis gefördert, wieder her.

"Es hat jedes Stück eine Geschichte, und in jedem Stück Dachziegel steckt Energie dahinter. Ein Großteil dieser Dachziegel sind wiederverwendbar und die kann man wieder für die nächsten hundert Jahre auf die Dächer setzen."

Zehn Flüchtlinge bereiten sich hier auf den ersten Arbeitsmarkt vor. Zschornak findet, es ist eine Pflicht, ihnen zu helfen.

"Und das ist doch Menschens Wille, den anderen Menschen zu helfen, der vor Furcht und auch vor Armut gehen muss. Und flüchten muss."

Den Steinbruch säumen Kunstwerke

Ein Stück außerhalb des Ortes, am alten Steinbruch. Ein Kessel aus Granit, gefüllt mit klarem, kaltem Wasser. Vor 18 Jahren wurde hier der letzte Brocken Granit aus dem Berg geschlagen. Dann kaufte die Gemeinde den Steinbruch. Zwei Mitbieter, die ein Gewerbegebiet im Kopf hatten, gingen leer aus.

"Mutter Erde sind so viele Wunden und Narben schon angetan worden, hier möchten wir gerne mit Kunst und Kultur etwas zurückgeben – weil nämlich überall, wo diese Steinbrüche und diese Steinaufkommen sind haben sich Biotope in den letzten Jahren gebildet, und die waren uns so wertvoll gewesen, dass wir sie schützen."

Der tschechische Teilnehmer Robert Alger bei der Internationalen Bildhauerwerkstatt am Miltitzer Steinbruch. (dpa / Miriam Schönbach)Für die Bildhauerwerkstatt bewerben sich Künstler aus aller Welt (dpa / Miriam Schönbach)

Den Steinbruch säumen Kunstwerke. Aus Holz, aus Metall, aus Stein. Für die Bildhauerwerkstatt, die jährlich stattfindet, bewerben sich Künstler aus aller Welt.

Neben dem alten Steinbruch steht eine offene Sommerküche. Die haben Zimmerleute auf der Walz im Rahmen eines sozialen Projektes errichtet.

"Damit haben wir eine wunderbare Infrastruktur, mit einem Backofen, einer Sitzgelegenheit, wo wir aus der Permakultur und hier aus den Kräutern, aus den Kräuterhügeln hier unsere eigenen Rohstoffe entnehmen und hier dann gesunde Essen anbieten können für die Touristen, aber auch für die eigene Bevölkerung."

Serie: "Alles, nur nicht abgehängt – Orte im Aufbruch"

Das Seniorendorf Kirkel hat beige Wände und orangenen Dächer, im Zentrum der Gebäude sind Grünflächen. (Arbeiter-Samariter-Bund) (Arbeiter-Samariter-Bund)Seniorendorf Kirkel im Saarland
In Würde alt werden, das wünschen sich vielen Senioren. Im Saarland ist das möglich: Das Seniorendorf in Kirkel ist für viele Anwohner eine Alternative zum Altenheim. Im Seniorendorf leben sie selbstbestimmt, bekommen aber auch Hilfe, wenn sie nötig ist.

Ernte aus dem Hochbeeten wird im Hofladen verkauft

Die Kräuterhügel und Hochbeete, die den Steinbruch säumen, werden nach den Grundsätzen der Permakultur – ressourcenschonend und nachhaltig – von Hartz-IV-Empfängern im Rahmen eines Integrationsprojektes bestellt. Und vieles, das geerntet wird, kann man dann im gemeindeeigenen Hofladen im Herzen von Nebelschütz kaufen. Um Beete und Bildhauerwerkstatt kümmert sich Hubert Lange und der Kunst- und Kulturverein "Steinleicht".

"Wir haben voriges Jahr hier 23 verschiedene Sorten Tomaten im Laden im Angebot gehabt, natürlich nur in kleinen Mengen, aber 23 Sorten. Das ist fertig, das ist also zur Bestellung bereit, und da wird dann wieder auch die ein oder andere Frucht im Laden wiederzufinden sein."

Eine gelbe Holzplastik liegt unter einem Vordach. Das sorbische Dorf lebt schon jetzt, was die Zukunft für weitere Orte in der Lausitz sein könnte. (dpa / Sebastian Kahnert)Zwischen Tradition und Weitblick: Nebelschütz ist den Strukturwandel längst angegangen (dpa / Sebastian Kahnert)

Auch ein eigenes Ökokonto hat Nebelschütz: Wer Straßen baut oder Flächen versiegelt, kann die Gemeinde mit den gesetzlich vorgeschriebenen Ausgleichsmaßnahmen beauftragen. Die Nebelschützer legen zum Beispiel Streuobstwiesen an – und verkaufen die Erträge im Hofladen. Bürgermeister Zschornak ist übrigens Mitglied der CDU. Und steht für vieles, für das seine Partei nicht berühmt ist.

"Na, vielleicht ist es auch meine Aufgabe, in der CDU so eine gewisse Sensibilität zu entwickeln, das ist mein Ansporn. Und wir als Gemeinde sind eine offene Gemeinde, und bei uns fühlen sich auch die Grünen, die ÖDP, die Linken sehr wohl, und auch mit denen machen wir Zukunftskonferenzen. Und beispielsweise jetzt im Mai werden die Linken in Nebelschütz ihr Programm aufstellen für Sachsen, wie eine enkeltaugliche Gemeinde sein kann."

Sorbisch hört man überall

Zschornak übrigens gehört dem westslawischen Volk der Sorben an. Auch dafür engagiert sich Zschornak: dass Kultur und Sprache nicht aussterben.

Sorbisch hört man hier überall: im kleinen, hübschen Gemeindebüro, auf der Straße, im neugebauten Kindergarten, mit Solarmodulen und Rodelberg.

"Vor Jahren hat man uns sehr belächelt, dass wir diesen besonderen Weg gegangen sind. Jetzt sind wir sehr stolz, als Gemeinde, dass viele uns besuchen. Und man probiert und arbeitet und schaut. Und man diskutiert immer wieder, und bringt sich immer wieder in die Diskussion selbst ein, ist das der richtige Weg? Also man muss ja immer wieder korrigieren und die Leute mitnehmen und mit den Bürgern nach der richtigen Gesellschaft suchen."

Nebelschütz in der Oberlausitz – enkeltauglich. Und: engeltauglich. Denn der sorbische Name von Nebelschütz:

"Njebjelčicy. Njebje, der Himmel," wurde vom Bürgermeister etwas frei übersetzt: Vom Himmel geküsst.

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