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StartseiteEssay und DiskursReligiöse Deutungsmuster und Rituale der Klimabewegung19.04.2020

Neo-Gnostiker Religiöse Deutungsmuster und Rituale der Klimabewegung

Durch den Klimawandel kommen völlig neue Probleme auf die Menschheit zu. Die Rituale und Denkmuster der Klimabewegung folgen indes sehr alten religiösen Formen. Es ist fraglich, ob sie für die neuen Herausforderungen taugen.

Von Karl-Heinz Kohl

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Greta Thunberg hält mit jungen Demonstrierenden ein grünes Banner. Die anderen Jugendlichen rufen etwa. Thunberg schaut zur Seite und winkt. (imago-images / EMPICS 50826684)
Klimaaktivistin Greta Thunberg auf einem Klimaprotest in Bristol (imago-images / EMPICS 50826684)
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Der Ethnologe Karl-Heinz Kohl schärft in diesem Essay unseren Blick für die vielen überraschenden Parallelen zwischen der Klimabewegung und alten religiösen Ritualen und Konzepten: Ob es um öffentliche Demonstrationen, die Verweigerung der Schulpflicht oder Ernährungstrends geht - immer zeigen sich historische Tiefenschichten mit deutlichen Ähnlichkeiten. Das gilt sogar für die CO2-Kompensation bei Flugreisen oder den Zweifel daran, ob es moralisch sei, in dieser bedrohten Welt mit ungewisser Zukunft noch Kinder zu zeugen.

Dossier: Klimakrise (Sean Gallup / Getty Images)Dossier: Klimakrise (Sean Gallup / Getty Images)

Und die Führungsfigur, Greta Thunberg? Sie sei eine typische außeralltägliche Prophetenfigur, um die sich Narrative gruppieren, ähnlich denen um Jesus oder Johanna von Orléans, zeigt Karl-Heinz Kohl. Selbst die Verleumdung von Greta Thunberg als geisteskranker, von außen gesteuerter, unlauterer Führungsgestalt folgt den historischen Schmutzkampagnen gegen so manchen Propheten. Abgesehen davon, dass der fundamentale Dualismus von "wir" und "die" auch hier wieder aufgegriffen wird.

Es ist keine Klimahysterie

Dabei ist es strenggenommen unerheblich, ob die Inhalte der historischen und gegenwärtigen Bewegungen wirklich inhaltlich verwandt sind. Denn die neuere ethnologische Forschung zeigt, so argumentiert Karl-Heinz Kohl unter Rückgriff auf Frits Staal und Claude Lévi-Strauss zugleich, dass der Inhalt von Ritualen geradezu austauschbar sein kann. Nicht zufällig habe selbst der dezidiert atheistische Kommunismus auf katholische Prozessions-Rituale zurückgreifen können, ob nun bewusst oder unbewusst.

Das alles bedeutet aber auf keinen Fall, dass die Inhalte der Klimabewegung zu vernachlässigen seien oder gar als Klimahysterie tituliert werden könnten, argumentiert Karl-Heinz Kohl. Denn die Ziele der Bewegung sind rational und entsprechen dem Stand der naturwissenschaftlichen Forschung. Karl-Heinz Kohl ist nur skeptisch, ob man Menschen zu rationaler Argumentation und zu Engagement bewegt, indem man anhand alter dualistischer Muster argumentiert und eine apokalyptische Grundstimmung erzeugt.

Karl-Heinz Kohl ist Ethnologe und Religionswissenschaftler. Von 1996 bis 2016 als Professor an der Goethe-Universität Frankfurt tätig, leitete er dort zugleich das Frobenius-Institut für kulturanthropologische Forschung. Daneben lehrte er an der FU Berlin, an der Johannes-Gutenberg-Universität Mainz, an der New School for Social Research in New York und an der Ludwig-Maximilians-Universität München.


Wer den Blick des Ethnologen auf die eigene Gesellschaft richtet und den Versuch unternimmt, die Rituale und Zukunftsängste der Klimabewegung auf ihre historischen Tiefendimensionen hin zu untersuchen, geht damit ein Risiko ein. Schnell dürfte der Vorwurf bei der Hand sein, er setze die Inhalte der Forderungen, die die jungen Menschen an die Politik richten, herab oder degradiere sie zu bedeutungslosen säkularen Schwundstufen religiöser Rituale und Glaubensvorstellungen. Das wäre natürlich falsch. Die Botschaften der Klimabewegung sind für sich durchaus rational und entsprechen dem heutigen Erkenntnisstand der wissenschaftlichen Forschung. Und dennoch leben in den öffentlichen Veranstaltungen der Klimabewegung religiöse Rituale fort, ohne dass beide Denksysteme dieselben Zwecke verfolgen müssten. Das zeigt ein Blick in die Geschichte und Theorie der Ritualforschung.

Rituale folgen einem strengen Regelwerk

1979 veröffentlichte der niederländische Indologe Frits Staal unter dem Titel "The meaninglessness of rituals" in der internationalen religionswissenschaftlichen Zeitschrift "Numen" einen Aufsatz, der die Ritualforschung revolutionierte: Staal hatte 1975 in einem indischen Dorf ein vedisches Feuerritual dokumentiert, das sich seit 3.000 Jahren kaum verändert hatte, wie er anhand von Sanskrit-Quellen aus dem achten vorchristlichen Jahrhundert nachweisen konnte. Das war umso erstaunlicher, als sich das Ritual ursprünglich auf ein Rinderopfer bezog, obwohl die Tötung dieser von Hindus heilig gehaltenen Tiere dort schon lange untersagt ist. Rituale könnten weder anhand ihres jeweiligen Zwecks noch anhand ihrer Funktion definiert werden, so lautete daher die Schlussfolgerung von Frits Staal. Rituale seien starre, unveränderliche und durch ständige Wiederholungen gekennzeichnete Abfolgen von Handlungen, die einem strengen Regelwerk folgten, für sich genommen aber bedeutungslos seien.

Seine Behauptung von der grundsätzlichen "Bedeutungslosigkeit" des Rituals ist dennoch kritisiert worden. Ihr wurde entgegengehalten, dass auch Rituale über eine Syntax verfügten, die mit der sprachlichen Grammatik vergleichbar sei. Sie ermögliche es, durch Neuanordnungen und Verschiebungen einzelner Elemente alternierende Bedeutungen zu erzeugen, ohne dass deshalb am Gesamtkorpus der rituellen Handlungen Veränderungen vorgenommen werden müssten. Dabei ist es allerdings weitgehend den Akteuren überlassen, welcher Art diese Bedeutungen sind. Sie können sowohl religiöser als auch nicht-religiöser Art sein.

Umdeutung von Ritualen

Wie fließend diese Übergänge sein können, lässt sich an den großen politischen und sozialen Bewegungen des frühen 20. Jahrhunderts ablesen. Zu den Jahrhunderte alten Traditionen der russisch-orthodoxen Kirche zählte und zählt auch heute wieder, dass bei den Hauptfesten des Kirchenjahres die Ikonen christlicher Heiliger und Märtyrer aus den Kirchen geholt und in Prozessionen durch die Straßen getragen werden. Nach der siegreichen Oktoberrevolution des Jahres 1917 eignete sich die Kommunistische Partei dieses Ritual an. Bei den öffentlichen Aufmärschen zur Erinnerung an dieses politische Ereignis nahmen die übergroßen Porträts von Marx, Engels, Lenin und Stalin den Platz der alten Heiligenbilder ein. Die Führer der kommunistischen Partei hatten sich vom alten Glauben weit weniger entfernt, als man vermuten möchte.

Fridays-for-Future-Bewegung  - ein Generationenphänomen

Auf das Gemeinschaftserlebnis, das Prozessionen, Aufmärsche und Demonstrationen erzeugen, kann und mag auch die Klimabewegung nicht verzichten. Personenporträts werden bei den Umzügen der Fridays for-Future‑Bewegung zwar bisher nur selten mitgetragen, dafür halten die Demonstranten aber Schilder mit Parolen und wohl bewusst kindlich gehaltenen Zeichnungen in die Höhe. Kritiker haben von einem neuen Kinderkreuzzug gesprochen. Der Verweis trifft aber nicht ganz. Denn es waren fanatische Prediger, die im 13. Jahrhundert Kinder zur Befreiung des Heiligen Grabes aufriefen, nachdem dies den Ritterheeren nicht gelungen war, und damit faktisch Zehntausende von jungen Leuten in den Tod trieben. Bei der Fridays-for-Future-Bewegung scheint es sich dagegen tatsächlich um ein Generationenphänomen zu handeln. Einen wesentlichen Teil ihres Zugehörigkeitsgefühls beziehen ihre Anhänger daraus, dass sie sich ostentativ von der Generation ihrer Eltern und der ihrer Großeltern abgrenzen.

"Heilige" Wochentage sind ein religiöses Phänomen 

Hierzu zählt auch die Verweigerung der Schulpflicht an dem Wochentag, dem die Bewegung ihren Namen verdankt. Dass sie damit an eine andere religiöse Tradition anknüpfen, dürfte den Streikenden allerdings kaum bewusst sein. In jeder der drei Weltreligionen, die sich auf die hebräische Bibel zurückbeziehen, wird einer der sieben Wochentage in Erinnerung an die Schöpfungstat Gottes geheiligt und zum Tage der Ruhe und Besinnung erklärt. Im Judentum ist es der Sabbat, im Christentum der Sonntag und im Islam der Freitag. Seit die Fridays-for-Future‑Bewegung ins Leben gerufen wurde, teilen ihre Anhänger diesen Tag mit den Muslimen in aller Welt. Doch verbringen sie ihn nicht mit Gebeten an deren Schöpfer, sondern damit, gemeinsam an die Mächtigen der Welt zu appellieren, der drohenden Katastrophe entgegenzuwirken.

Religionshistorisch ist das Aussetzen der Alltagsgeschäfte in solchen kleinen periodischen Abständen im Übrigen relativ neu. In Griechenland wie auch im alten Rom kannte man zwar unzählige Feiertage, die einzelnen Göttern geweiht waren, doch beharrte keine andere Religionsgemeinschaft so auf der strikten Einhaltung eines wöchentlichen Ruhetags wie die über das Reich verstreuten jüdischen Gemeinden. Der Religionsphilosoph Franz Rosenzweig hat einmal die Vermutung geäußert, dass die mit der Sabbatfeier verbundene strikte Selbstabgrenzung der jüdischen Diasporen von ihrer sozialen Umwelt mit zur Entstehung des Antijudaismus – des antiken Vorläufers des modernen Antisemitismus – wesentlich beigetragen habe.

Speisevorschrift als religiöser Grundsatz - symbolische Grenzen auch beim Vegetarismus und Veganismus

In ähnlicher Weise wie gemeinsame Fest- und Feiertage dienen in religiösen Gemeinschaften auch Speisevorschriften der Bestärkung der Gruppenidentität. Zu den radikalsten Vorschriften dieser Art zählen die der indischen Jainas. Mit ihrer Hilfe versuchen sie auch äußerlich zum Ausdruck zu bringen, wie sehr sie sich von allen anderen hinduistischen Gemeinschaften unterscheiden. Da zu ihren religiösen Grundsätzen die Achtung und Schonung alles tierischen Lebens gehört, ernähren sie sich nicht nur strikt vegetarisch, sondern vermeiden selbst den Verzehr von Pflanzen, die unter der Erde wachsen, weil durch deren Anbau Würmer und anderes Kleingetier getötet werden könnten. Über einen umfänglichen Katalog von religiösen Speisegeboten und -verboten verfügt auch das Judentum. Im Buch Leviticus – dem 3. Buch Moses des Alten Testaments der Christen - nehmen sie zusammen mit den rituellen Reinheitsgeboten und anderen Vorschriften an die 20 Kapitel ein. Wie weit sie den Alltag bestimmten, zeigt das emotional unmittelbar einleuchtende Verbot, ein Zicklein in der Milch der eigenen Mutter zu kochen. Seine rabbinischen Auslegungen haben dazu geführt, dass in den Haushalten orthodoxer Familien zwei Arten von Koch- und Essgeschirren geführt und säuberlich voneinander getrennt werden müssen: die für die Zubereitung und den Verzehr von Fleisch und die für den Verzehr von Milcherzeugnissen bestimmten.

Zugehörigkeiten zu Wir-Gruppen werden zunehmend auch bei uns durch das zum Ausdruck gebracht, was man isst und was zu essen man sich verbietet. Neben der Tierliebe wird der Verzicht auf Fleischspeisen heute vor allem mit den Umweltschäden begründet, die durch die Massenhaltung von Tieren entstehen. Eine noch radikalere Variante ist die gänzliche Enthaltung von Nahrungsprodukten tierischen Ursprungs. Doch handelt es sich beim Vegetarismus und beim Veganismus zugleich um soziale Marker, die dabei helfen, symbolische Grenzen zu ziehen. Nach innen entsprechen die Speisegebote dem gemeinsamen Mahl, das als Gemeinschaftshandlung ebenfalls in vielen Religionen eine zentrale Rolle spielt. Im katholischen Christentum stellt der Ausschluss vom gemeinsamen Abendmahl noch heute eine der höchsten Kirchenstrafen dar.

Entsagung hat neuen, kollektiven Stellenwert

Der Übergang vom rituellen Verzicht auf bestimmte Speisen zur Askese ist fließend. Als ein Akt der Enthaltsamkeit findet sich das Fasten in vielen Religionen. Es kann sich dabei um jahreszeitlich begrenzte Verbote handeln, die sich auf bestimmte Nahrungsmittel beziehen, oder auch auf einen Nahrungsverzicht, der sich viele Tage oder manchmal sogar Wochen erstreckt. Als Mittel zur Erhaltung individueller Gesundheit ist das Fasten in der modernen Konsumgesellschaft inzwischen so üblich geworden, dass der liturgische Kalender der Kirche, aus dem es einmal hervorgegangen ist, weitgehend in Vergessenheit geraten zu sein scheint. Mit Blick auf die Umweltschädigung wird dieser Form der Entsagung heute allerdings ein neuer, kollektiver Stellenwert zugeschrieben. Sie wird zu einer Art von Bußhandlung, um das schlechte Gewissen zu beruhigen. Dieser Hang äußert sich auch darin, dass inzwischen zahlreiche Anhänger der Klimaschutzbewegung ihren Bekleidungsbedarf in Second-Hand-Läden decken. Der in härenen Gewändern und schmutzigen Kutten, wirren Haaren und wallenden Bärten zum Ausdruck gelangende religiöse Verzicht gehörte in der Geschichte des Christentums zu den äußeren Kennzeichen der Eremiten und Mönche, die sich die gottgefällige Abtötung aller sinnlichen Triebe durch Flagellantentum und bisweilen auch Selbstverstümmelungen zum Ziel gesetzt hatten.

Binären Grundoppositionen in Religionsgeschichte - und Gegenwart

Ähnliche Eigenschaften wie die von Frits Staal untersuchten zweckfreien und selbstreferentiellen rituellen Handlungen weisen einige Denkmuster auf, die im Prinzip sehr einfach und so strukturiert sind, dass sie ebenfalls mit den unterschiedlichsten religiösen wie nicht-religiösen Bedeutungen versehen werden können. In aller Regel bauen sie auf binären Grundoppositionen auf, mit deren Hilfe sich komplementäre Gegensatzpaare und dynamische Widerspruchsmodelle konstruieren lassen, deren einzelne Teile sich dialektisch aufeinander beziehen. Es gehört zu großen Verdiensten des Ethnologen Claude Lévi-Strauss, auf das universelle Vorkommen dieser Denkmuster hingewiesen zu haben. Sie finden sich nicht nur in den totemistischen Klassifikationssystemen, mythischen Überlieferungen und Kosmologien indigener Völker, sondern haben auch in der vorderasiatischen und europäischen Religionsgeschichte eine zentrale Rolle gespielt. In den Überlegungen und Argumentationen der Vertreter der Klimabewegung erfahren sie heute eine Wiederkehr.

Zu den ältesten uns schriftlich überlieferten dualistischen Religionssystemen zählt der Zoroastrismus, dessen Namensgeber seine Lehren um 560 vor Christus im Gebiet des heutigen Afghanistan und Iran als Wanderprediger verbreitet haben soll. In ihrem Mittelpunkt steht der Kampf des Schöpfergottes Ahura Mazda, der das Prinzip des Guten und Reinen verkörpert, gegen seinen Widersacher Ahriman, der für alles Böse und Unreine steht. Sobald die Macht Ahrimans gebrochen sei, so verkündete Zarathustra, werde es zu einem großen Weltgericht kommen und ein neues Zeitalter der Wahrheit und gerechten Ordnung anbrechen. Dieses dualistische Weltbild, das sich im Parsismus bis heute erhalten hat, sollte auch viele der von den Kirchenvätern als häretisch abgelehnten Ausrichtungen des frühen Christentums prägen.

Zu den Dualismen des gnostischen Weltbilds gehört auch die Entgegensetzung der weiblich konnotierten, unreinen Materie mit dem männlich konnotierten, reinen Geist. Erst wenn dieser aus seiner Vermengung mit dem Stofflichen befreit sei, würde auch die Menschheit von Leid und Sterblichkeit erlöst werden. So bezeichnete zum Beispiel der Gnostiker Marcion im zweiten Jahrhundert nach Christus den Mutterleib als "Kloake" und betrachtete die "ekelerregenden" Umstände von Zeugung, Schwangerschaft und Geburt als Beweis für die "Inferiorität des Weltschöpfers". Seinen Anhängern untersagte er den Genuss von Fleisch und gebot ihnen absolute sexuelle Abstinenz. Auch das Eingehen einer Ehe war ihnen untersagt. Um die verdorbene Schöpfung nicht weiter fortzuführen, sollten die Menschen sich nicht mehr fortpflanzen. Andere Gruppen wie die Simonianer oder die Barbelo-Gnostiker predigten dagegen den umgekehrten Weg. Sie ergingen sich in Orgien und anderen verfemten Sexualpraktiken, um das mit dem göttlichen Geist gleichgesetzte Sperma aus seiner Umklammerung durch die Materie zu lösen und dem himmlischen Urquell wieder zuzuführen. Sich fortzupflanzen war aber auch bei ihnen verboten.

Einen ähnlichen Dualismus weist auch das Weltbild von Teilen der gegenwärtigen Klimabewegung auf. Von dem der Gnostiker unterscheidet er sich nur darin, dass er die Kategorien von Gut und Böse anders verteilt. Es geht der Klimabewegung um den Fortbestand der materiell-organischen Substanz unseres Planeten. Dieser Fortbestand wird heute durch die Menschheit selbst bedroht. Der greif- und sichtbaren belebten Materie werden die unsichtbaren toxischen Treibhausgase entgegengestellt, von denen jeder Mensch im Verlauf seines Daseins eine bestimmte Menge hervorbringt. Die enorme Zunahme der Weltbevölkerung, die sich allein seit 1970 verdoppelt und ihren Zenit noch lange nicht erreicht hat, wird daher als eine der größten Gefahren für das Leben überhaupt betrachtet. Es ist von daher gesehen nur logisch, dass es innerhalb der Klimabewegung eine zunehmend größer werdende Fraktion gibt, die in der Verweigerung der Erzeugung eigenen Nachwuchses ein Mittel, ja sogar eine Notwendigkeit zur Einschränkung der Klimaschäden sieht.

Ablasshandel als Vorbild für Ausgleich einer negativen Ökobilanz

Durch die in den vergangenen Jahren immer spürbarer gewordenen Folgen der Erderwärmung ist die Angst davor gestiegen, dass die von Wissenschaftlern vorausgesagten großen Katastrophen noch zu den eigenen Lebzeiten eintreffen könnten. Hatte man nach den ersten Prognosen des Club of Rome in den frühen siebziger Jahren noch auf die Anstrengungen der Einzelstaaten und der Vereinten Nationen gesetzt, so sieht sich heute in den wohlhabenden Staaten der nördlichen Hemisphäre jeder Bürger dazu aufgefordert, seinen Beitrag zur Reduktion der Treibhausgase zu leisten. Als Maßstab gilt dabei der persönliche CO2-Fußabdruck. Jeder kann ihn mittlerweile nach bestimmten Parametern für sich selbst berechnen. Der Vergleich mit den Sündenregistern der katholischen Kirche liegt hier nahe, in deren modernisierte Fassung seit 2008 auch "Verbrechen gegen die Umwelt" Eingang gefunden haben. Steht die Institution der Beichte und der Absolution der Mehrzahl der Menschen auch nicht zur Verfügung, so können sie doch über ihre Übertretungen Buch führen. Der Verzicht auf Urlaubs-Flugreisen in ferne Länder oder gar auf ein eigenes Auto fällt allerdings vielen schwer. Doch gibt es inzwischen einige Möglichkeiten des Ausgleichs einer negativen Ökobilanz. Hierzu zählen etwa Spenden an Organisationen, die sich großen Umweltprojekten widmen, wie zum Beispiel der Wiederaufforstung der tropischen Regenwälder. Wie populär diese Möglichkeit zur Kompensation des schlechten Gewissens geworden ist, zeigt der Erfolg von Unternehmen wie myclimate oder atmosfair, die sich auf das Einsammeln und die Umverteilung solcher Ausgleichszahlungen spezialisiert haben.

Als historisches Vorbild hierfür kann man durchaus auch den großen Ablasshandel ansehen, den die katholische Kirche zu Beginn des 16. Jahrhunderts in ganz Europa betrieb, um das ehrgeizige Projekt des Baus des Peterdoms in Rom zu finanzieren. Wer bereit war, den Vertretern des Klerus einen bestimmten Geldbetrag zu zahlen, dem konnten seine minderen Sünden sofort vergeben werden. Das System der Bußzahlungen nahm freilich bald solche Ausmaße an, dass man gegen Geld selbst die noch im Fegefeuer schmorenden Verstorbenen von ihren Sünden freikaufen konnte. Bekanntlich waren es die Auswüchse des kirchlichen Almosen- und Ablasshandels, die zu einem der Auslöser der reformatorischen Bewegungen des 16. Jahrhunderts wurden.

Charismatische Persönlichkeiten an der Spitze von Bewegungen - wie Greta Thunberg

Bereits Max Weber hat darauf hingewiesen, dass für den Erfolg religiöser und politischer Bewegungen, die auf eine radikale Umwälzung bestehender Verhältnisse abzielen, charismatische Persönlichkeiten notwendig sind. Diese halten sich für gottgesandt oder in anderer Weise für auserwählt, während ihre Anhänger daran glauben, dass sie mit besonderen Kräften begabt und frei von allen eigensüchtigen Interessen seien. Oft als Retter oder Heilsbringer verehrt, verkörperten sie in jeder Hinsicht das "Außeralltägliche". Als Prototypen solcher "rein persönlichen Charismaträger" galten Max Weber die alttestamentlichen Propheten. Daneben nennt Weber aber auch Schamanen, Magier und moderne Politiker.

Eine solche charismatische Figur hat die Klimabewegung in der jungen schwedischen Umweltaktivistin Greta Thunberg gefunden. Ihre "Außeralltäglichkeit" im Sinne der Weber’schen Theorie besteht auch darin, dass sie keinem der Bilder entspricht, die man sich von dem Anführer oder der Anführerin einer solchen Bewegung eigentlich machen würde. Allerdings sind ihr die Eigenschaften und Allüren von Mädchen ihres Alters ebenso fremd. Wer hätte sie schon je kichern sehen? Stattdessen zeigt sie eine starre, meist zornige Miene, wenn sie mit dem Ernst eines biblischen Propheten das bevorstehende Unheil verkündet. Und sie macht dabei den Eindruck, als sei sie von ihrer Botschaft regelrecht besessen. Fast glaubt man sich bei ihren Auftritten an das Reden in fremden Zungen erinnert, das weltweit zu den Kennzeichen des ekstatischen Prophetismus zählt.

Unschuld des Kindes mit Ernsthaftigkeit des Erwachsenen geeint

Das ist nicht die einzige durch religiöse Überlieferungsmuster vorgegebene Rolle, die Greta Thunberg übernimmt. Von einigen Kommentatoren ist sie mit Johanna von Orléans verglichen worden, der vor genau 100 Jahren heiliggesprochenen Nationalheldin Frankreichs. Tatsächlich waren beide nahezu gleich alt, als sie ihre Berufung erlebten und ihre Botschaft zu verkündigen begannen. Jeanne d‘Arc wusste ihre nähere Umgebung so von sich zu überzeugen, dass sich ihr selbst hart gesottene Krieger anschlossen. Die Unschuld und Reinheit der Siebzehnjährigen wurde dabei als Beweis für die Wahrheit ihrer Visionen gewertet. Außerdem trat Jeanne d’Arc selbstbewusst am Hof des Dauphins auf und kündigte in einem Schreiben an den englischen König an, sie werde ihn aus Frankreich vertreiben. Beides erinnert sehr an den Umgang der schwedischen Umweltaktivistin mit den Mächtigen der Welt, die sie zu sich einladen, um sich von ihr die Leviten lesen zu lassen.

Selbstbewusstsein und prophetische Überzeugungskraft zeigt Greta Thunberg auch, wenn sie sich in der Öffentlichkeit auf die Ergebnisse und die Prognosen wissenschaftlicher Forschungen zum Klimawandel beruft. Dabei schreibt sie sich bei deren Auslegung eine Deutungsmacht zu, die an den Auftritt des zwölfjährigen Jesus im Tempel erinnert. Drei Tage habe er dort im Disput mit den Schriftgelehrten verbracht, die ihm aufmerksam zuhörten und sich über seinen Verstand und seine Antworten wunderten, während seine Eltern ihn in der Stadt vergeblich suchten. Die im Lukas-Evangelium wiedergegebene Episode steht selbst wiederum in der weit älteren Tradition des "puer senex": des "greisen Knaben", der die Unschuld des Kindes mit Ernsthaftigkeit des Erwachsenen und der Weisheit des Alters in sich vereint.

Von sich un der Sendung überzeugt

Aus dem Überlieferungskorpus des Neuen Testaments bezogen scheint auch die Unbedingtheit des "Ich", mit der Greta Thunberg sich an ihre Zuhörer wendet. Die häufig zitierten Worte, mit denen sie beim New Yorker UN-Klimagipfel im September 2019 die führenden Politiker der Welt anklagte, weisen einen ähnlichen Duktus auf wie die Ansprachen Jesu in den Evangelien, die mit einem apodiktischen "Ich aber sage Euch" eingeleitet werden, auf die auch oft ein "Wehe" folgt. Greta Thunbergs Botschaft ist dann aber doch eine andere. Nicht vom kommenden Reich Gottes ist die Rede, sondern von der bald bevorstehenden Apokalpyse, wenn sie mit Tränen und angeschwollener Zornesfalte ausführt:

"Wir stehen am Anfang eines massenhaften Artensterbens und alles, worüber Ihr reden könnt, sind das Geld und die Märchen von einem für immer anhaltenden wirtschaftlichen Wachstum. Wie könnt Ihr es wagen? Wenn Ihr Euch dazu entscheidet, uns im Stich zu lassen, dann sage ich: Wir werden Euch das nie vergeben!"

Von sich selbst und der eigenen Sendung überzeugt zu sein, zählt zu den Kennzeichen charismatischer Persönlichkeiten. Denn nur wer von sich selbst überzeugt ist, kann auch andere überzeugen. Dass Greta Thunberg diese besondere Gabe in einem Übermaß besitzt, ist verschiedentlich mit ihrer angeblichen oder auch wirklichen autistischen Erkrankung in Verbindung gebracht worden. Auch hier ließen sich wieder Bezüge zur Religionsgeschichte herstellen, nämlich zur Figur des Heiligen Narren, der den Herrschenden im Namen Gottes ungestraft die Wahrheit sagen darf. "Wir sind Narren um Christi willen", heißt es etwa in Paulus' erstem Korintherbrief in Aufnahme einer antiken Tradition, die bis zu den Vorsokratikern zurückreicht. Ausdrücken wollte er damit freilich nur, dass Christen sich wie Narren aufführen müssten, um mit ihren Mahnungen bei Anderen Gehör zu finden.

Hieran dürften diejenigen allerdings nicht gedacht haben, die hinter Greta Thunbergs Botschaft eine Geisteskrankheit vermuten. Andere gehen noch weiter, wenn sie ihre Eltern eines Komplotts beschuldigen oder gar an eine globale Verschwörung glauben. Doch zählen solche Unterstellungen und andere Anfeindungen ebenfalls zum Erscheinungsbild des prophetischen Erweckungspredigers und seiner ihm ergebenen Anhänger. Weit davon entfernt, in ihnen Zweifel zu erwecken, schweißen sie seine Gefolgschaft nur noch enger zusammen. Auf soziologischer Ebene kommt hier wieder das dualistische Denken zum Tragen, das streng zwischen "uns" und "denen", der eigenen Wir-Gruppe und allen anderen Gruppen unterscheidet. Dies erweckt wiederum den verstärkten Widerstand der Gegenseite, der unter bestimmten Umständen auch in Gewalt umschlagen kann. Alle großen religiösen und politischen Bewegungen, in deren Mittelpunkt millenaristische Erwartungen standen und die sich um eine charismatische Persönlichkeit scharten, haben daher auch ihre Märtyrer hervorgebracht.

Differenziertes Denken und Handeln ist gefordert

Endzeiterwartungen und apokalyptische Zukunftsängste sind heute weltweit verbreitet. Sie rühren nicht allein vom Klimawandel her. Sie sind auch eine Reaktion auf die großen Umwälzungen, die wir zur Zeit erleben; die digitale Revolution mit ihren ökonomischen und sozialen Folgen, die Verschiebung der globalen Machtgewichte, die Krise der westlichen Demokratien und die von den Bürgern der reichen Staaten als Bedrohung empfundenen Migrantenströme aus Afrika, Asien und Südamerika.

"Ich will, dass ihr in Panik geratet", so lautet der Titel der deutschen Ausgabe von Greta Thunbergs Reden zum Klimaschutz. Angst ist aber bekanntlich ein schlechter Ratgeber. Und wenn sie gar zur Panik zu werden droht, greift man gerne auf die altbewährten Mittel zu ihrer Bewältigung zurück. Die erscheinen umso attraktiver, je einfacher sie sind. Eigene wie fremde religiöse Traditionen stellen ein großes Repertoire von solchen Verhaltens- und Denkmustern zur Verfügung. Nach einer Formel des Berliner Religionsphilosophen Klaus Heinrich haben sich Religionen schon immer der Dialektik der Angsterzeugung bedient, um Angst zu bewältigen. Ob aber die Beschwörung bald bevorstehender Apokalypsen das richtige Mittel ist, um rationale Strategien zur Behebung der Ursachen der gegenwärtigen Krisen zu entwickeln, darf bezweifelt werden. Differenziertes Denken und Handeln ist dafür gefordert, nicht aber ein Argumentieren entlang der alten Dualismen, die in der Klimabewegung heute eine Wiederauferstehung erfahren.

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