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StartseiteCorsoEntmündigung im Streaming?01.10.2020

Netflix & Co.Entmündigung im Streaming?

Streamingdienste sind die Krisengewinner der Pandemie. Ihre Nutzung kann aber auch zu einer Realitäts-Verzerrung führen: Autor Markus Kleiner kritisiert, dass ihr personalisiertes, algorithmisches System Verhalten bestimmen kann: "Sie tragen zu unserer Selbstentmündigung bei", sagte Kleiner im Dlf.

Marcus Kleiner im Corsogespräch mit Kolja Unger

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Die Logos der Streaminganbieter Netflix, Disney+ und Amazon Prime Video sind auf einem Fernseher zu sehen. | Verwendung weltweit (Daniel Reinhardt / dpa)
Durch personalisierte Streaming-Oberflächen bekomme man nur einen Ausschnitt der Realität zu sehen, warnt Medienwissenschaftler Marcus Kleiner (Daniel Reinhardt / dpa)
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In seinem Buch "Streamland – Wie Netflix, Amazon Prime & Co. unsere Demokratie bedrohen" kritisiert Autor und Medien- und Kulturwissenschaftler Marcus S. Kleiner das System Streaming. Problematisch sei, dass sich die Nutzerinnen und Nutzer "für die selbstbestimmte Entmündigung entscheiden", da Streamingdienste durch die Personalisierung lebten und bestimmten, was wir sehen: "In jeder Sekunde, in der wir streamen, werden unsere Daten, unser Streamingverhalten aufgezeichnet und algorithmisch ausgewertet", so Kleiner. Dadurch bekomme man immer wieder neue Empfehlungen, wüsste gar nicht warum und würde so zu einem "Konsumobjekt".

Das Logo von Spotify wird auf einem Smartphone angezeigt. (picture alliance/onw-images/Marius Bulling) (picture alliance/onw-images/Marius Bulling)Streaming-Dienste - Wie Algorithmen Musik vorschlagen 
Die Algorithmen der Streamingdienste schlagen den Nutzern personalisierte Musik vor. Doch das funktioniert nicht für alle Menschen gleich gut, erklärt Informatiker Markus Schedl im Dlf.

"Daten bedeuten Macht"

Er kritisiere in erster Linie das System, weniger die Inhalte, so der Autor:  "Es geht wesentlich darum, dass Daten heutzutage Macht bedeuten. Wer die meisten Daten sammelt, hat eine große Macht über die Darstellung von Wirklichkeit. Durch personalisierte Streaming-Oberflächen bekomme man nur einen Ausschnitt der Realität zu sehen. Ein Problem sei auch, dass sich viele nicht mehr darüber empören würden, was mit unseren Daten passiere und dass uns die Digitalwirtschaft "Wirklichkeitsbrillen aufsetzt, die gar nicht unsere eigenen sind", meinte Kleiner. 

Leben in einer "On demand-Gesellschaft"

Er selbst könne nicht den Weg weisen, wie man aus dieser Krise heraus komme, betonte Kleiner. Er wolle nur den Status Quo aufzeigen und auch ein Generationsbild aufzeigen: Viele Menschen seien geprägt durch ihr Leben in den digitalen Medien, lebten in einer "On-demand-Gesellschaft" und erwarteten immer nur, dass ihnen so schnell wie möglich alles zustehe, was sie wissen wollten.

Um diese Situation letztlich zu verändern und Streamingdienste zu nutzen, um die Demokratie nicht zu gefährden, sondern zu stärken, sei es wichtig, dass vier Instanzen miteinander kommunizieren: Die Streamingunternehmen, die Politik, die Abonentinnen und Abonenten und der Verbraucherschutz. "Und nur wenn die miteinander kooperieren und die Streaminganbieter bereit wären, viel mehr Transparenz über die algorithmische Auswertung des Publikums zu gewähren, könnten wir die Streaminmgverhältnisse verändern", so Kleiner im DLF.

Marcus S. Kleiner: "Streamland - Wie Netflix, Amazon Prime & Co. unsere Demokratie bedrohen"
304 S., Droemer Verlag, Oktober 2020, kostet 20,00 Euro.

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