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StartseiteCampus & KarriereNetz und Schule18.04.2011

Netz und Schule

Nachgefragt am Carlo-Schmid-Gymnasium Tübingen

Am Anfang ging es dem Verein "Schulen ans Netz e.V." darum, möglichst viele Bildungsstätten mit Rechnern und einem Internetanschluss zu versorgen. Heute sind Schulen ohne Zugang zum Netz undenkbar. Und so haben sich die Aufgaben des Vereins gewandelt.

Von Thomas Wagner

Das Carlo-Schmid-Gymnasium richtete bereits Anfang der 90er-Jahre eine Schüler-AG fürs Internet ein. (Stock.XCHNG / Norbert Machinek)
Das Carlo-Schmid-Gymnasium richtete bereits Anfang der 90er-Jahre eine Schüler-AG fürs Internet ein. (Stock.XCHNG / Norbert Machinek)

"Im Russisch-Unterricht, da musste ich was rausfinden wegen der Kernschmelze und dann auf Russisch kurz vorstellen."

"Ich musste mal in Englisch neulich wegen verschiedener amerikanischer Ureinwohnerstämme recherchieren. Die Gepflogenheiten von denen und so."

Ilja Sevastianov und Luis Rüttiger - zwei Zwölftklässler am Carlo-Schmid-Gymnasium Tübingen: Mal schnell was für Religion, Gemeinschaftskunde oder eines der anderen Fächer im Internet recherchieren - klar, das ist für die beiden eine Selbstverständlichkeit. Doch dabei nutzen sie die Computerräume, die die Schule bereitstellt, gar nicht so häufig.

"In der Woche gehen wir zweimal dorthin, wenn es hochkommt. Also wenn man ein iPhone hat, ist man zu jeder Zeit und überall online. Da braucht man den Computerraum gar nicht mehr. Du holst ein iPhone raus, gibst irgendwas ein - und dann hast Du es schon."

Das war vor 15 Jahren, als der Verein "Schulen ans Netz" gegründet wurde, undenkbar: Damals ging es darum, die Schulen mit Internetanschlüssen und Rechnern zu versorgen. Was heute eine Selbstverständlichkeit ist, nämlich der eigene PC zuhause, war damals eher die Ausnahme. Das Carlo-Schmid-Gymnasium war eine der ersten Schulen, die Anfang der 90er-Jahre Schülerarbeitsgemeinschaften fürs Internet einrichteten und bereits 1992 ihre eigene Website ins Netz stellte. Wenn Informatiklehrerin Ursula Schweizer sich heute an den Kauf der ersten Rechner erinnert, klingt das wie eine Erzählung aus dem Mittelalter der Informationstechnologie:

"Als ich angefangen habe hier 1988, da war ein Raum mit ein paar PCs vom Typ Commodore - irgendetwas ohne Festplatten. Da hat man noch Disketten eingeschoben, um das Betriebssystem zu starten. Und da war das einfach nicht üblich, dass man die zuhause hatte. Und da war der Run auf die Computer ganz anders als heutzutage."

Auch Ilja Sevastianov war noch vor zwei, drei Jahren wesentlich häufiger im Computerraum der Schule.

"Ja, früher gab es dieses Fach ITG, Informationstechnische Grundbildung, genau. Und da hat man dann ganz viel mit Computern gemacht. Da hat man irgendwie Websites erstellt, HTML, alles Mögliche. Und ab der zehnten Klasse macht man das eigentlich überhaupt nicht mehr."

Da muss auch Informatiklehrerin Ursula Schweizer zustimmend nicken: Denn obwohl das Internet in den vergangenen Jahren einen immer größeren Stellenwert im Lebensalltag eingenommen hat, trägt der Lehrplan dieser Entwicklung in keiner Weise Rechnung:

"Ich würde mir wünschen, dass für die Oberstufe die Informatik eine stärkere Anrechnungsbedeutung bekommt, zum Beispiel gleichwertig zu einer Naturwissenschaft. Weil das nicht so ist, ist die Informatik vom Unterricht her nicht so attraktiv, wie sie sein sollte, weil sie in der Schule von den Anrechnungsmodalitäten nicht richtig anerkannt wird. Die Politiker sagen immer: Informatik ist wichtig, muss selbstverständlich sein, aber nicht so, dass man dadurch einen anderen Kurs ersetzen könnte. Man muss ihn zusätzlich machen. Und das finde ich ganz, ganz schlecht!"

Und dann wäre da noch die Ausstattung: Zwei Computerräume, zusätzlich 30 gebrauchte Notebooks für den naturwissenschaftlichen Unterricht in den Klassen acht bis zehn - eigentlich nicht so ganz schlecht, meint Informatiklehrerin Ursula Schweizer. Das ringt Ilja Sevastianov und Luis Rüttiger aber eher ein müdes Lächeln ab, gehören sie doch zu denjenigen, die zuhause wesentlich modernere Rechner stehen haben:

"Die Ausstattung - naja. Da funktionieren nicht alle Rechner. Da werden auch immer wieder Sachen beschädigt oder gestohlen."

Und auch Ursula Schweizer könnte sich eine modernere Netzinfrastruktur vorstellen. Sie muss dabei aber feststellen, dass der Wunsch nach Innovation in der Schule schnell mit den Mühlen der Bürokratie kollidiert:

"Ich würde gerne im Flurbereich ein paar Rechner installieren, wo die Schüler einfach rangehen können. Das scheitert aber an feuerpolizeitechnischen Auflagen, weil die Brandschutzlast im Flurbereich zu groß ist. Und ich wünsche ich mir deshalb klarere Regeln, was geht und was nicht geht, und wie man etwas mit finanziell sinnvollem Aufwand erreichen kann."

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