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StartseiteHintergrundReligiöse Rechte in Russland und den USA19.11.2019

Netzwerk konservativer ChristenReligiöse Rechte in Russland und den USA

In den USA sehen viele Russland als Bedrohung. Bestimmte Kreise aber pflegen intensiven Austausch: Angehörige der ultra-konservativen "Christian Right"-Bewegung verfolgen hier wie dort gemeinsame Ziele. Sie sind gemeinsam gegen Abtreibung und lehnen Homosexualität ab. Ihr Unterstützerkreis wächst.

Von Gesine Dornblüth

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Abtreibungsgegner u.a. mit "Pro Life" Plakaten in den USA (Getty Images/ Michael Thomas)
Abtreibungsgegner demonstrieren vor dem geplanten Parenthood Reproductive Health Services Center am 31.05.2019 in St Louis, Missouri, USA (Getty Images/ Michael Thomas)
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Der Vizepräsident der USA, Mike Pence, hat sich selbst einmal so beschrieben:

"Ich bin Christ, konservativ und Republikaner, in der Reihenfolge."

Vor zwei Jahren sprach Pence in Washington beim "Weltgipfel zum Schutz verfolgter Christen", einer Konferenz Evangelikaler, die die Evolutionstheorie ablehnen, Abtreibung verteufeln und für die traditionelle heterosexuelle Familie eintreten.

"Alle, die ein gottgefälliges Leben in Jesus Christus führen wollen, werden verfolgt. Die Realität zeigt uns: In der ganzen Welt werden keine Gläubigen mehr angefeindet und gehasst als Anhänger Christi."

Für Schlagzeilen sorgte Pence aber nicht mit diesem Auftritt vor den Evangelikalen, sondern mit einem anschließenden privaten Treffen mit einem aus Moskau angereisten Teilnehmer der Konferenz, dem für Außenbeziehungen der russisch-orthodoxen Kirche zuständigen Erzbischof Hilarion. Denn eine Mehrheit der Amerikaner sieht Russlands Politik als Bedrohung, das ist – zumindest offiziell – weitgehend Konsens zwischen Republikanern und Demokraten.

Die USA haben ihre offiziellen Kontakte zu russischen Funktionsträgern seit der Krim-Annexion und erst Recht seit Russlands Einmischung in die US-Wahl 2016 auf ein Minimum heruntergefahren. Doch das Netzwerk der sogenannten "christian right", also der religiösen Rechten, in den USA und in Russland bestand die ganze Zeit fort. Und unterhalb der Regierungsebene wächst es.

Grauhhariger Mann mit Bart in einem roten Sessel vor einem Bücherregal (Deutschlandradio/ Gesine Dornblüth)Allan Carlson, Mitgründer des "World Congress of Families", gilt als Schlüsselfigur der religiösen Rechten in den USA (Deutschlandradio/ Gesine Dornblüth)

Allan Carlson als Schlüsselfigur der religiösen Rechten

Eine Schlüsselfigur in diesem Netzwerk ist Allan Carlson. Der Rentner lebt mit seiner Familie und zwei Hunden auf einer Farm bei Rockford im US-Bundesstaat Illinois. Er hat vor rund 25 Jahren gemeinsam mit russischen Partnern den "World Congress of Families" gegründet, eine internationale Organisation mit Hauptsitz in den USA.

Carlson ist Historiker und Lutheraner. Bereits in den 1980er-Jahren arbeitete er für einen erzkonservativen US-amerikanischen Thinktank, das Rockford Institute, und verfasste Artikel zu der, wie er es nennt, "natürlichen Familie". In den 1990er-Jahren bekam er einen Anruf aus Moskau. Der russische Soziologe Anatolij Antonow, damals Professor an der Moskauer Staatlichen Universität, MGU, interessierte sich für Carlssons Ideen.

"Wir fragten uns: In den USA und in Westeuropa sinkt die Geburtenrate, Ehen sind nicht mehr populär, und in Russland geschieht etwas Ähnliches. Wir wollten die Gründe dafür erforschen. Dabei hatten wir von Anfang an eine gemeinsame Grundannahme: Dass es ein traditionelles Familiensystem gibt, das  universell ist für die Menschheit."

In den 1990er-Jahren begannen die Vereinten Nationen, sich intensiver mit Bevölkerungspolitik und der Notwendigkeit von Familienplanung zu beschäftigen. Carlson und Antonow sahen das mit Sorge. Sie waren sich einig: Sie müssten versuchen, diesen Prozess aufzuhalten und eine weltweite Geburtenkontrolle verhindern. 1995 trafen sie sich zum ersten Mal in Moskau und sammelten Gleichgesinnte. Daraus entstand der "World Congress of Families". Alle paar Jahre trafen sie sich fortan zu gleichnamigen Kongressen, zunächst in Prag, Genf, Mexiko, Warschau.

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Kampf gegen eine "liberale Diktatur"

Schnell kamen einige Hundert. Sie sprachen über den Erhalt der traditionellen Familie von Mann und Frau, über die Notwendigkeit, Kinder in die Welt zu setzen, sie wetterten gegen die Rechte sexueller Minderheiten und gegen eine, wie sie es nennen, "liberale Diktatur", die sich in der Welt ausbreite.

Auf russischer Seite stießen bald potente Förderer hinzu. Allen voran Wladimir Jakunin, damals Chef der russischen Staatsbahn und enger Vertrauter Wladimir Putins. Später gründete er einen Thinktank in Berlin, er besteht bis heute.

"Jakunin ist ein starker russischer Nationalist. Er war kein Fan der amerikanischen Außenpolitik, aber ich habe versucht, heikle Themen ihm gegenüber auszusparen. Auch seine Frau Natalia mit ihrer Stiftung 'Heiligkeit der Mutterschaft' wurde sehr aktiv in unserer Sache. Sie haben Ausgaben in Russland bezahlt. Wir haben aber niemals direkt Geld von ihnen genommen."

Lächelnder Mann auf einer Straße, im Hintergrund parkende Autos (Deutschlandradio/ Gesine Dornblüth)Aleksej Komow vom World Congress of Families in Moskau (Deutschlandradio/ Gesine Dornblüth)

"Wir hatten freie Zeit und beschlossen, etwas Nützliches zu tun"

Auf russischer Seite übernahmen zu der Zeit jüngere Leute die Koordination des "World Congress of Families": Aleksej Komow und seine Frau Irina. Komow ist heute Mitte 40. Er hat einen Studienabschluss einer britischen Hochschule in Betriebswirtschaft und hat bis 2008 mit seiner Frau internationale Unternehmen beraten.

"Dann kam die Finanzkrise 2008. Wir hatten auf einmal freie Zeit und beschlossen, etwas Nützliches zu tun. Wir sind russisch-orthodox geworden und zu Erzpriester Dmitrij Smirnov gegangen, dem Oberhaupt der Kommission des Patriarchen für Familie und den Schutz der Mutterschaft. Wir haben ihn gefragt: Wie können wir helfen? Er hat gesagt: Es gibt da so eine Organisation, den ‚Weltkongress der Familien‘. Redet doch mal mit denen, vielleicht könnt ihr zusammenarbeiten. Das haben wir dann gemacht."

Komow brachte neuen Schwung in die Bewegung. Wenn auf russischer Seite bis dahin vor allem Soziologen das Netzwerk der Abtreibungsgegner organisiert hatten, trat nun auch hier die religiöse Komponente stärker in den Vordergrund. Obwohl die Komows und Carlson unterschiedlichen Konfessionen angehörten, verstanden sie sich gut.

Komow nahm sich Großes vor. 2014 sollte der "World Congress of Families" in Moskau tagen. Das politische Umfeld schien günstig. Russlands Präsident hatte eine konservative Wende ausgerufen. In seiner Rede zur Lage der Nation Ende 2013 sprach Putin von Russlands Anspruch auf eine Führungsrolle in der Welt und begründete das mit den konservativen Werten, die Russland vertrete:

"Die Welt entwickelt sich immer widersprüchlicher und dynamischer. Unter diesen Bedingungen wächst die historische Verantwortung Russlands. Wir wissen, dass immer mehr Menschen in der Welt unsere Position teilen, traditionelle Werte zu verteidigen: Die traditionelle Familie, ursprüngliches menschliches Leben, religiöses Leben."

Versammlungsteilnehmer vor einem historischen Gebäude in Verona, Plakat mit Joseph, Maria und dem Jesuskind im Vordergrund (Imago/Zuma Prtess/ Valeria Ferraro)Teilnehmer des World Congress of Families im März 2019 in Verona (Imago/Zuma Prtess/ Valeria Ferraro)

Russland als Speerspitze der Bewegung

In Carlsons "World Congress of Families" sah man Russland als Speerspitze der Bewegung. Die Tagung in Moskau war geeignet, das zu unterstreichen. Doch dann annektierte Russland die Krim, entfachte einen Krieg in der Ostukraine, und eine russische Flugabwehrrakete schoss ein malaysisches Passagierflugzeug mit 298 Menschen an Bord ab. Viele westliche Staaten verhängten deshalb Sanktionen gegen Russland, allen voran die USA. Unter anderem gegen den Eisenbahnchef und Putin-Vertrauten Wladimir Jakunin, einen der Financiers des "World Congress of Families" auf russischer Seite.

Das Treffen in dem Jahr in Moskau sei an den Sanktionen fast gescheitert, erzählt Allan Carlson.

"Wir mussten uns als Sponsoren zurückziehen. Das Gesetz sah strenge Strafen vor, wenn man gegen die Sanktionen verstieß." 

Doch nun zahlten sich Aleksej Komows gute Verbindungen aus. Der ehemalige Unternehmensberater holte Konstantin Malofejew ins Boot, einen orthodoxen russischen Oligarchen, der davon träumt, eine Art christliches Zarenreich wiederherzustellen. Gemeinsam mit Bahnchef Jakunin gab er das Geld für den Kongress 2014 in Moskau. Ein pikantes Detail: Auch der Oligarch Malofejew wurde wenig später auf die Sanktionsliste der USA gesetzt. Er hatte Separatisten auf der Krim und im Donbass finanziert.

Ein Kongress trotz Sanktionen

Eine weitere schon damals von den USA mit Sanktionen belegte Person nahm an dem Kongress teil: Jelena Misulina, damals Abgeordnete der russischen Staatsduma. Dann wurde noch der Name der Veranstaltung geändert, offiziell hieß sie nun "Internationales Festival Für das Leben". Allan Carlson:

"Der 'World Congress' fand also trotzdem statt, und dabei sah es so aus, als hätte unsere Organisation gar nichts damit zu tun. Die Russen sind ziemlich gut in so was! Ich war aber nicht da.

Ein paar Kollegen und Freunde sind gefahren, aber als Vertreter anderer Organisationen."

Einer von ihnen war Mike Donnelly. Er hat sein Büro in Washington in Fußnähe des Capitol Hill.

"Wir haben ja nicht mit den Leuten auf der Sanktionsliste zusammengearbeitet. Wir haben nur an einer Konferenz teilgenommen, bei der sie auch waren. Juristisch ist daran nichts auszusetzen."

Mann auf einer Treppe vor einem Haus (Deutschlandradio/ Gesine Dornblüth)Mike Donnelly von der Home School Legal Defense Association in Washington vor seinem Büro in der Nähe des Capitol Hill (Deutschlandradio/ Gesine Dornblüth)

Homeschooling als Symbol der Freiheit

Donnelly, heute Anfang 50, sprach damals in Moskau über sogenanntes Homeschooling. Er arbeitet für die "Home School Legal Defense Association". Die US-amerikanische religiöse Lobby-Organisation kämpft weltweit dafür, dass Eltern ihre Kinder zuhause unterrichten dürfen. In den USA ist Homeschooling erlaubt und besonders in religiösen Kreisen beliebt. Auch Russland hat Hausunterricht in den 1990er Jahren legalisiert.

In Deutschland ist Hausunterricht verboten. Die Schulpflicht verhindere die Bildung von Parallelgesellschaften und fördere Toleranz, das haben deutsche Gerichte wiederholt bestätigt. Für Donnelly ist das ein Beleg dafür, dass Deutschland ein unfreies Land sei. Anders als Russland.

"Natürlich kann man in Russland einiges kritisieren. Für mich aber zählt, ob Familien das Recht haben, zu entscheiden, wie ihre Kinder unterrichtet werden. Und da sehe ich Freiheit."

Samantha Field setzt sich[*] bei der "Coalition for Responsible Home Education" für verantwortungsvolles Homeschooling ein. Ihrer Ansicht nach berauben Donnelly und seine Mitstreiter die Kinder ihrer Rechte und verhindern ihre Entwicklung zu mündigen Bürgern.

"Organisationen wie die 'Home School Legal Defense Association' zielen vor allem darauf ab, Eltern die absolute Kontrolle über ihre Familien zu geben. Sie sehen Kinder nicht als Individuen, sondern als Eigentum der Eltern."

Samantha Field ist nicht generell gegen Hausunterricht. Sie warnt aber davor, dass er von religiösen Fanatikern missbraucht wird. Über Donnellys Lobby-Organisation sagt sie:

"Das ist eine weit rechts stehende theokratische Gruppierung. Sie verfolgt seit Jahrzehnten eine extrem konservative christlich-fundamentalistische Politik. Sie ist extrem homophob. Sie richtet sich gegen Wissenschaft und will eine allein religiös legitimierte Herrschaftsform."

Mike Pence am Rednerpult, im Hintergrund ein Kreuz in einem Schriftzug (picture alliance/ newscom/ Rodger Mallison)US-Vize-Präsident Mike Pence bezeichnet sich selbst als konservativen Christen (picture alliance/ newscom/ Rodger Mallison)

Homeschooling verbindet religiöse Rechte

Homeschooling ist das Thema geworden, bei dem religiöse Rechte aus Russland und den USA trotz der politischen Spannungen zwischen ihren Ländern intensiv zusammenarbeiten.

Donnellys Partner in Russland sind Aleksej Komow und seine Frau, dasselbe Ehepaar, das auch den "World Congress of Families" in Russland koordiniert. Die Netzwerke überschneiden sich. Donnelly organisierte 2018 zwei Homeschooling Konferenzen in Moskau und St. Petersburg. Zu denen fuhr auch Allan Carlson, der Gründer des "World Congress of Families", der 2014 lieber fortgeblieben war. Erneut nahm Jelena Misulina teil, die mit US-Sanktionen belegte ehemalige Duma-Abgeordnete, mittlerweile Senatorin im Föderationsrat. Der Russe Aleksej Komow erzählt, er und seine Frau hätten das Thema Homeschooling vor gut drei Jahren für sich entdeckt:

"Bisher werden 1.500 Kinder in Russland zuhause unterrichtet. Der Kreis wächst schnell, meine Frau und ich erarbeiten das Curriculum. Davon leben wir. Wir haben vier Kinder, drei davon lernen schon nach unserem Programm. Es heißt 'Klassische Gespräche'."

Christliche Weltanschauung ohne Darwin

Oder im amerikanischen Original: "Classical conversations". Komow und seine Frau übersetzen es. Das Curriculum will eine christliche Weltanschauung vermitteln. Darwins Evolutionstheorie zum Beispiel kommt darin nicht vor. Komow:

"Darwin ist längst von seriösen Forschern widerlegt. Die Daten der Genetik und anderer Wissenschaften belegen, dass die Welt einen intelligenten Schöpfer hatte. Deshalb bildet sich jetzt in Russland eine neue Forschungsbewegung. Im Westen heißt sie 'Intelligent Design‘. Da zeigen Forscher, dass viele Fakten mit der Evolutionstheorie Darwins nicht zu erklären sind. Man kann sie viel besser mit der Schöpfungstheorie erklären.

Der Darwinismus wurde schon in der Sowjetunion von Atheisten benutzt, um das Christentum anzugreifen. Er gehört zur derzeit dominierenden liberal-atheistischen Weltsicht."

Es ist dasselbe Gedankengut, das auch amerikanische Evangelikale verbreiten. Samantha Field von der "Coalition for Responsible Home Education" erfüllt es mit großer Sorge, dass sich solche reaktionären Ideen international ausbreiten, über das Homeschooling und über den "World Congress of Families".

"Sie wollen keine säkularen Regierungen"

Dass der Anwalt Mike Donnelly Russland als Ort der Freiheit lobt, findet Samantha Field nur folgerichtig.

"Sie wollen eine konservative christliche autoritäre Regierung. Das ist ihr Ziel, in den USA und im Ausland. Sie glauben, solange eine Regierung christlich ist, kann sie ruhig autoritär sein. Sie wollen keine säkularen Regierungen."

Die Russin Veronika Krascheninnikowa, USA-Expertin mit Nähe zum Apparat des russischen Präsidenten, schätzt die Bewegung ganz ähnlich ein. Über den "World Congress of Families" sagt sie:

"Die mögen sich konservative Organisation nennen. Aber unter dem Deckmantel der Förderung von Familienwerten verbreiten sie die radikalsten Ideen zur Schaffung einer Gesellschaft, die einem faschistischen Regime genehm wäre. Das sind feudale, mittelalterliche Kreise, die die Russen zu einer gehorsamen Gesellschaft machen wollen, in der die Menschen eine biologische Masse darstellen, mit der man machen kann, was man möchte."

Bewegung ist alles andere als eine Einbahnstraße

Krascheninnikowa sieht vor allem eine Gefahr, die, aus den USA kommend, unter anderem Russland bedrohe. Aber die Bewegung ist alles andere als eine Einbahnstraße. Denn auch die russische Politik hat den "World Congress of Families" mehrfach unterstützt. Nicht nur stellte die Präsidialadministration 2014 den Kreml für die Eröffnungszeremonie des internationalen Treffens zur Verfügung; die politische Unterstützung geht weiter.

In den letzten Jahren tagte der Familienkongress in verschiedenen europäischen Ländern, in denen prorussische und rechtspopulistische Kräfte stark sind: in Ungarn, in der Republik Moldau, 2019 im italienischen Verona. In Italien wurden diverse Grußworte von offiziellen Stellen in Moskau verlesen: eines von der russischen Staatsduma, eines vom Föderationsrat, eines vom Patriarchen der russisch-orthodoxen Kirche, der eng mit dem russischen Präsidenten verbunden ist.

Aleksej Komow, der russische Vertreter des "World Congress of Families", beteuert:

"Wir bekommen keinerlei Unterstützung außer diesen Grußschreiben. Keinerlei Unterstützung von russischen Staatlichen Strukturen.  Weder finanziell, noch organisatorisch oder administrativ."

Alina Polyakova hält das für plausibel. Sie forscht an der "Brookings Institution", einem Thinktank in Washington, zu der Frage, mit welchen Mitteln Russlands Führung versucht, westliche Demokratien zu destabilisieren. Polyakova meint, es gäbe viele Akteure, die formal nicht mit der russischen Regierung verbunden seien, von denen der Kreml aber profitiere.

"Das ist so eine Art Freelancing. Da ringen diverse Individuen um die Gunst des Kremls. Sie machen solche Projekte in Eigenregie, nicht, weil sie jemand beauftragt hat, sondern weil sie denken, sie könnten eines Tages finanziell davon profitieren, könnten Zugang zu öffentlichen Aufträgen bekommen."

Die Vorstellung, der Kreml gebe Leuten wie Komow direkte Anweisungen, sei falsch, so Polyakova.

"Wenn ein Netzwerk irgendwann dann doch eine große Sache wird,  dann ist das aus Sicht des Kreml großartig. Bis dahin schaut er erst mal zu."

Das Netzwerk "World Congress of Families"

Im Fall des "World Congress of Families" ist zumindest zu beobachten, dass sich in dem internationalen Netzwerk Positionen der russischen Propaganda breit machen, die weit über Familienpolitik hinausreichen. Der Mitgründer Allan Carlson äußert im Gespräch mit dem Deutschlandfunk Verständnis für die Außenpolitik des Kreml. Zum Beispiel in Bezug auf die Ukraine.

"Russland hat ein besonderes Interesse an der Ukraine. Das müssen wir anerkennen. Wenn ich den ukrainischen Politikern etwas raten sollte, dann wäre das, den russischen Bären nicht zu reizen."

Carlson räumt ein: Vielleicht werde sein Netzwerk von der russischen Regierung benutzt.

"Ich sehe die Gefahr. Aber ich denke - bei jeder Kollaboration profitieren beide Seiten."

Der Russe Aleksej Komow bedauert, dass die russische Regierung das Netzwerk des "World Congress of Families", die guten Verbindungen in die USA, nicht stärker nutze.

"Ich hätte zum Beispiel gern, dass das russische Außenministerium die Verfolgung von Christen stärker thematisiert."

Genau darüber hat US-Vizepräsident Mike Pence bereits gesprochen, als er sich mit dem Vertreter der russische-orthodoxen Kirche, Erzpriester Hilarion, traf.

[*] Korrekturhinweis: In der ursprünglichen Fassung wurde Frau Field als Anwältin bezeichnet; sie ist dies aber nicht im juristischen Sinne.

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