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StartseiteMusikjournalNDR verkleinert seinen Chor10.05.2021

Neuausrichtung zum VokalensembleNDR verkleinert seinen Chor

Vergangenes Jahr plante der Norddeutsche Rundfunk, seinen Chor zu privatisieren. Gegen das Vorhaben protestierten nicht nur die Chormitglieder, sondern auch Studierende und die Deutsche Orchestervereinigung. Jetzt hat der Verwaltungsrat des NDR entschieden: Der Chor wird zu einem kleineren Vokalensemble.

Gerald Mertens im Gespräch mit Jochen Hubmacher

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Eine Gruppe von schwarz gekleideten Sängerinnen und Sängern steht halb vor einer Glasfassade, halb vor einer weißen Wand. Im Jahr 2018 posierte der NDR Chor in der Hamburger Elbphilharmonie. (NDR / Michael Zapf)
Besteht seit 75 Jahren: der NDR Chor, der jetzt zum Ensemble schrumpfen wird. (NDR / Michael Zapf)
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Jochen Hubmacher: Ein großer Aufschrei ging vergangenes Jahr durch die Musikszene und die Medien. Was war passiert? Der Norddeutsche Rundfunk hatte angekündigt, dass er sparen muss: 300 Millionen Euro in den nächsten vier Jahren. Und daher sollte auch der renommierte NDR Chor in eine GmbH überführt, also privatisiert werden. Frei werdende Stellen zukünftig nicht mehr besetzt und neue Sängerinnen und Sänger nur noch auf 50-Prozent-Basis beschäftigt werden. Großer Protest regte sich allerorten. Die Deutsche Orchestervereinigung als Gewerkschaft der Musiker befürchtete eine kalte Abwicklung des Chors. 16 prominente Chordirigenten wendeten sich in einem Protestbrief gegen das geplante Outsourcing. Dann wurde es eine Weile still um die Angelegenheit. Heute kam die Meldung, dass der Verwaltungsrat des Norddeutschen Rundfunks dem Tarifvertrag zur Neuausrichtung des NDR Chores zugestimmt hat. Dieser werde in den kommenden Jahren zu einem Ensemble aus 21 festangestellten Sängerinnen und Sängern umgebildet, erklärte der Sender. Das heißt verkleinert von 27 auf 21. Vom Sommer an soll der Chor zudem auch noch einen neuen Namen tragen: "NDR Vokalensemble", und er soll auch eine künstlerische Neuausrichtung bekommen. Den neuen Markenkern sollen A-cappella-Werke und Ensemble begleitete Chormusik von der Renaissance bis zur Moderne bilden. In Berlin bin ich jetzt mit Gerald Mertens verbunden, er ist der Geschäftsführer der Deutschen Orchestervereinigung DOV. Guten Abend, Herr Mertens. Die DOV hat diesen Tarifvertrag mitverhandelt. Wie zufrieden sind Sie mit dem Ergebnis?

Gerald Mertens: Naja, am Ende des Tages ist es ein Kompromiss. Und ich bin mit dem Kompromiss eigentlich soweit zufrieden. Man sagt ja so schön: Bei einem guten Kompromiss sind am Ende des Tages alle Beteiligten damit unzufrieden. Also jeder hat hier sich ein bisschen bewegt: Der Norddeutsche Rundfunk hat sich bewegt, wir haben uns auch bewegt. Unsere Position war ursprünglich natürlich, den Chor in seiner Gänze zu erhalten, das heißt auch, alle Stellen zu erhalten. Wir haben dann gesagt: Wenn, dann muss auf jeden Fall die Privatisierung, also die geplante Umwandlung einer GmbH, vom Tisch. Das haben wir geschafft. Was wir nicht geschafft haben, ist, dass wir mindestens eine Besetzung mit 70 Prozent einer Vollzeitstelle durchsetzen können. Am Ende sind es nur 60 Prozent geworden. Aber immerhin. Ich glaube, wir haben einen ganz vernünftigen Kompromiss geschaffen, um die Zukunft des Chores auch in einer kleineren Form zu sichern.

Keine Zukunft für Berufsanfänger

Jochen Hubmacher: Im vergangenen Jahr waren Sie in einem Interview mit den Kollegen von Deutschlandfunk Kultur, als diese geplanten Veränderungen quasi ruchbar wurden und haben da einen für Sie besonders heiklen Punkt angesprochen.

Gerald Mertens: Gerade im Moment, wo wir ja auch sehr viele Freischaffende beschäftigungslos – durch Corona bedingt – haben, sieht man ja, wie prekär die Lage ist. Und wir befürchten, dass durch diese geplante Strukturveränderung die Arbeitsverhältnisse sehr unattraktiv werden. Und das ist letztlich für Berufsanfänger keine Zukunft.

Gerald Mertens, Geschäftsführer Deutsche Orchestervereinigung, DOV, verliest eine Resolution bei einer Protestaktion von rund 150 Berufsmusikern aller grossen öffentlich geförderten Orchester Deutschlands. (imago / Kristina Schäfer)Gerald Mertens, Geschäftsführer Deutsche Orchestervereinigung, DOV (imago / Kristina Schäfer)NDR-Chor vor der Privatisierung Im vergangenen Jahr befürchtete Gerald Mertens eine "kalte Abwicklung" des  Chores. Er kündigte an, mit Ausdauer gegen die Privatisierung zu protestieren.

Jochen Hubmacher: Jetzt wird heute Achim Dobschall, der Leiter des Bereichs NDR Orchester, Chor und Konzerte, mit den Worten zitiert: 'Wir haben mit dieser Struktur eines festangestellten Ensembles in Teilzeit zu 60 Prozent die Möglichkeit, Solisten, die gerne solistisch tätig sind, hier dann aber auch im Ensemble zu verpflichten. Und sie haben die Möglichkeit, beide Profile miteinander zu verbinden.' Jetzt frage ich mich: Diese Möglichkeit hat es ja eigentlich schon die ganze Zeit gegeben. Auch bei Leuten, die full-time in einem Rundfunkchor beschäftigt sind, gibt es immer die Möglichkeit, auch freiberuflich tätig zu sein. Aber ist das nicht einigermaßen zynisch? Gerade in diesen Zeiten, in denen es für freiberufliche Sängerinnen und Sänger so gut wie keine Verdienstmöglichkeiten gibt, jetzt ausgerechnet dieses neue Modell des Norddeutschen Rundfunks als etwas ganz Tolles, Zukunftsweisendes zu verkaufen, das den Leuten da draußen mehr Freiheit verschafft?

Zielkonflikt für Sängerinnen und Sänger

Gerald Mertens: Also die Bewertung dieser Aussage, die muss ich eigentlich Ihnen oder Dritten überlassen. Ich persönlich bin der Meinung, dass wir schon einen vernünftigen Kompromiss geschaffen haben. Denn wir wissen, von den sieben Chören, die es ja noch in der ARD und auch in der Rundfunkorchester und Chöre GmbH in Berlin, also insgesamt sieben Berufschöre im Rundfunk in Deutschland noch gibt, dass es ist immer auch ein Thema ist: Komme ich als Chorsänger, die ja super top-ausgebildet sind – das sind sehr hohe Hürden, überhaupt in einen Chor reinzukommen –, komme ich da auch noch solistisch überhaupt ins Geschäft? Und es ist immer ein Zielkonflikt zwischen natürlich der Beschäftigung im Chor und dann solistischen Angeboten in Passionen, in Kirchenkonzerten oder auch darüber hinaus. Und ich glaube, beim NDR Chor ist es jetzt uns gelungen, hier wirklich einen Kompromiss zu schaffen, weil der NDR sich in dem neuen Tarifvertrag auch verpflichtet hat, bestimmte Teile des Jahres dann Chor-frei zu lassen. Also dass der Sänger, der neu im Chor anfängt, weiß: In der Vorweihnachtszeit oder auch in der Passionszeit habe ich bestimmte Wochenenden wirklich verfügbar, an denen ich mich dann auch solistisch verpflichten kann. Das war in der Vergangenheit nicht so, und ist auch bei anderen Rundfunkchören nicht so, also hier haben wir schon wirklich ein neues Instrument geschaffen, dass sich der Sänger, der jetzt zukünftig zum NDR Vokalensemble geht, auch drauf verlassen kann, dass er seine solistische Tätigkeit dann auch ausüben kann. Und insgesamt hoffen wir natürlich, dass dieser Corona-Einschnitt, der die Freiberufler wirklich völlig aus dem Berufsleben rausgepickt hat, dass dieser Corona-Zwischenfall wirklich ein einmaliger war und dass wir zukünftig wieder doch auch mit solistischer Tätigkeit und Freiberuflichkeit besser zurande kommen.

Idee der Chor-Akademie gescheitert

Jochen Hubmacher: Die DOV hatte vergangenes Jahr ja vorgeschlagen, dass man im Gegenzug zu einer Verkleinerung des NDR Chors eine Norddeutsche Chor-Akademie gründet, um gerade dem Chor-Nachwuchs eine Chance zu geben. Was ist daraus geworden?

Gerald Mertens: Wir haben ausgehend von dieser Idee mit den Vertretern der Hochschulen gesprochen, hatten da also auch entsprechende Kontakte. Aber das hätte vorausgesetzt, dass auch der Norddeutsche Rundfunk hier noch sich bewegt hätte. Wir hätten einfach ein bisschen mehr finanziellen Background haben müssen. Und da sind wir auch wieder in einem Zielkonflikt gewesen, weil der Norddeutsche Rundfunk gesagt hat: Unsere Mittel sind begrenzt. Wir können, so sinnvoll wir das vielleicht auch empfinden, dem leider nicht näher treten. Und dann mussten wir diese Idee, die ich nach wie vor für zielführend halte, leider begraben.

Jochen Hubmacher: Jetzt heißt das ja: Aus 27 Festangestellten werden jetzt 21 Sängerinnen und Sänger, die festangestellt werden. Welche künstlerischen Konsequenzen hat es, wenn der deutsche Norden jetzt keinen professionellen Konzertchor mehr hat?

Stärkung der Chorszene?

Gerald Mertens: Ja, das ist eine schwierige Frage, weil der NDR Chor war ja auch in der Vergangenheit mit 27, 28 Vollzeitstellen schon eigentlich zu klein, um große Chorsymphonik zu machen. Man hat sich da schon immer beholfen, entweder mit Aushilfssängern oder mit der Zusammenarbeit mit anderen Chören, also beispielsweise dem WDR Chor oder auch dem BR Chor, in der Elbphilharmonie hat man sowas gemacht. Also man musste da schon immer Kompromisse eingehen und das ist für die Chorszene sicherlich schwierig, weil das große Vorbild eines professionellen Konzertchores wird damit weniger in Norddeutschland. Auf der anderen Seite – und das ist eine neue Spezifik – kann jetzt der Chor auch sein Profil wirklich weiterentwickeln und sich irgendwo zwischen RIAS Kammerchor und SWR Vokalensemble, also zwischen der Spezifik für Alte Musik und der Spezifik für Neue Musik dann auch neu positionieren. Und ich glaube, dass ist am Ende des Tages bei allen Problemen, die wir damit natürlich auch haben, auch eine Stärkung der Chorszene, gerade für diese kleineren Formate.

Jochen Hubmacher: Es ist immer auch eine Frage der Betrachtung. Der NDR verkleinert seinen Chor, ein Outsourcen in eine GmbH ist jedoch vom Tisch. Über die Konsequenzen dieser Entscheidung habe ich mich mit Gerald Mertens unterhalten. Er ist der Geschäftsführer der Musiker Gewerkschaft DOV. Vielen Dank, Herr Mertens.

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