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StartseiteUmwelt und VerbraucherAluminium in Deos weniger schädlich als gedacht22.07.2020

NeubewertungAluminium in Deos weniger schädlich als gedacht

Bei Deos nimmt die Haut deutlich geringere Mengen Aluminium auf, als bisher angenommen, sagt Thomas Tietz vom Bundesinstitut für Risikobewertung im Dlf. Wer seine Gesamtaufnahme von Aluminium verringern möchte, der sollte laut Tietz vor allem bei Lebensmitteln genauer hinschauen.

Thomas Tietz im Gespräch mit Stefan Römermann

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Regale mit Deodorants in einem Drogeriemarkt. (dpa / picture alliance / Norbert Försterling)
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Auf vielen Deos steht inzwischen ein Hinweis. Mal größer, mal kleiner heißt es da: "ohne Aluminium" oder "ohne Aluminiumsalze". Schließlich haben verschiedene Wissenschaftler und auch das Bundesinstitut für Risikobewertung seit einigen Jahren vor möglichen Gesundheitsgefahren durch Aluminium in Deos gewarnt. Diese Woche hat das Bundesinstitut aber offiziell Entwarnung gegeben, zumindest was die Deos betrifft. Denn tatsächlich sei die Menge an Aluminium, das über die Haut aufgenommen werde, niedriger als bisher vermutet, sagt Thomas Tietz vom Bundesinstitut für Risikobewertung. Das gehe aus neuen Studien hervor.

Bisher hatte das Bundesinstitut sich dafür ausgesprochen, auf aluminiumhaltige Deos zu verzichten, wenn die persönliche Gesamtaufnahmemenge von Aluminium zu hoch erscheine. "Diese Empfehlung ist so jetzt nicht mehr gültig, da nach den neuen Studiendaten der Anteil, den die Aluminium-Aufnahme aus Antitranspirantien zur Gesamtaufnahme beiträgt, als sehr gering einzuschätzen ist", so Tietz.

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Das Interview in voller Länge

Stefan Römermann: Warum steckt überhaupt Aluminium in Deos?

Thomas Tietz: Dazu ist zuerst mal zu sagen, dass tatsächlich ein Unterschied zwischen Deodoranz und Antitranspiranz besteht, denn Antitranspirantien, das sind die, die in aller Regel Aluminiumsalze enthalten, die tatsächlich verhindern sollen, dass Sie schwitzen, dass Sie transpirieren, während die Deodorantien das Schwitzen selbst nicht verhindern können, sondern nur dafür da sind, den Körpergeruch zu überdecken und gegebenenfalls durch beispielsweise Alkoholgehalt oder so Bakterien abzutöten, die zu schlechten Gerüchen führen können.

Römermann: Und in diesen Antitranspirantien?

Tietz: Das Aluminium in den Antitranspirantien, das sorgt dafür, dass sich die Schweißkanälchen zusammenziehen. Und zudem führt es dazu, dass mit Bestandteilen des Schweißes Pfropfe in den Schweißkanälen gebildet werden, und zusätzlich sind die Aluminiumsalze auch noch antibakteriell wirksam. Das ist das Rundum-Programm. Das sorgt dafür, dass Sie weniger schwitzen, und tötet auch noch die Bakterien ab.

Empfehlung geändert

Römermann: … klingt etwas wild, aber sie verstopfen die Poren.

Tietz: Die Schweißkanäle, die Kanäle, die Schweißdrüsen letzten Endes, aus denen der Schweiß austritt.

Römermann: Das an sich ist aber auf jeden Fall ungefährlich?

Tietz: Das ist unproblematisch, wenn Sie das jetzt nicht am ganzen Körper machen. Natürlich hat Schwitzen auch eine gewisse Funktion, um sich zu kühlen beispielsweise. In der Regel trägt man das ja nur an kleinen Stellen auf dem Körper auf und damit ist das unproblematisch.

Römermann: Vor einem halben Jahr hatte ja Ihr Institut noch ganz offiziell gewarnt. Ich zitiere: "Wer seine Aluminium-Aufnahme reduzieren will, der sollte sparsam mit Aluminium-haltigen Antitranspirantien und mit Zahnpasta umgehen." Was hat sich denn da jetzt geändert?

Tietz: Das ist unsere Aussage seit 2014 und eigentlich auch schon vorher. Wir haben bewertet auf der Grundlage der vorhandenen Studien, welche Mengen an Aluminium aus Antitranspirantien möglicherweise aufgenommen werden in den Körper, und haben dazu herausgefunden, dass das sehr hohe Mengen sein können, auf der Grundlage der vorhandenen Studien, haben aber auch immer gesagt, dass die Studien gewisse Mängel aufweisen, gewisse Unsicherheiten haben, und dass wir gern bessere Studien hätten. Die Kosmetik-Industrie hat in den Jahren zwischen 2014 und 2019 zwei Studien gemacht oder in Auftrag gegeben, die von einer Expertenkommission der Europäischen Kommission bewertet wurden, und diese Bewertung ist Ende 2019 herausgekommen, ist von denen veröffentlicht worden. Dazu hatten wir dann auch eine ganze Reihe Detailfragen, haben uns auch mit den Autoren der Studie getroffen und diese neue Studie ist deutlich anwendungsnäher. Sie verwendet tatsächlich ein Auftragsmittel, das wirklich dem Antitranspiranz, was wir tagtäglich benutzen würden, sehr, sehr ähnlich ist, und macht auch einige andere Dinge besser als in vorherigen Studien, und aus dieser Studie geht hervor, dass tatsächlich deutlich geringere Mengen über die Haut aufgenommen werden, als man bisher angenommen hat.

Ergebnisse gelten wohl auch für rasierte Achseln

Römermann: Es wird zwar tatsächlich Aluminium, wenn ich Deo auftrage, unter Umständen in den Körper gelangen, aber es ist nicht so schlimm, es ist nicht so viel, wie Sie bisher gedacht haben?

Tietz: Genau. Man findet im Blut und dann nachgehend im Urin ungefähr Faktor 25 weniger Aluminium, als man bisher angenommen hat. Dann kommt noch ein bisschen was dazu, was man in den Faeces gefunden hat, so dass in Summe ungefähr die Aufnahmemenge, die wir jetzt abschätzen können, etwa Faktor zehn niedriger ist, als man bisher gedacht hat.

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Römermann: Bei den Warnungen hieß es ja auch, wer sich die Achseln frisch rasiert hatte, der sollte vielleicht besonders aufpassen mit diesen Aluminium-haltigen Deos. Das hat sich dann jetzt auch erledigt, oder ist das ein Spezialfall, wo man trotzdem noch vorsichtig sein sollte?

Tietz: Die Daten zu verletzter Haut, das gibt diese Studie leider nicht her. Allerdings die Frauen, die an der Studie teilgenommen haben, waren auf der Haut rasiert, und trotzdem ist nur diese sehr geringe Menge übergegangen, so dass man sagen kann, dass zumindest von normaler Rasur, wenn man sich jetzt nicht tief schneidet oder so, keine größeren Übergänge ins Blut zu erwarten sind.

Wir nehmen in vielen Lebensbereichen Aluminium auf

Römermann: Null Prozent Aluminium wird aber wohl weiterhin noch eine Weile auf den Deos stehen. Macht es irgendeinen Sinn, deswegen jetzt auf Aluminium in Deos zu verzichten?

Tietz: Wenn Sie Ihre Gesamtaufnahmemenge – und das bleibt auch aus unserer Stellungnahme von 2019 bestehen, dass sie immer noch in einigen Bevölkerungsgruppen zu hoch sein kann, weil Sie ja aus vielen verschiedenen Quellen, insbesondere Lebensmitteln und Lebensmittel-Kontaktmaterialien wie Alufolien und aus bestimmten Medikamenten und sonstigen Dingen Aluminium aufnehmen können. In einigen Bevölkerungsgruppen kann diese Gesamtaufnahmemenge immer noch zu hoch sein. Bisher haben wir dann empfohlen, wenn man individuell seine Aufnahme senken möchte, kann man zum Beispiel auf Aluminium-haltige Antitranspirantien verzichten. Diese Empfehlung ist so jetzt nicht mehr gültig, da nach den neuen Studiendaten der Anteil, den die Aluminium-Aufnahme aus Antitranspirantien zur Gesamtaufnahme beiträgt, als sehr gering einzuschätzen ist.

Römermann: Aber Sie sagen trotzdem, Aluminium ist nicht harmlos? Im Alltag sollten Verbraucher vor allem an ein paar Stellen immer noch weiter darauf achten. Was sind denn die wichtigsten Punkte, wo man vielleicht schauen sollte?

Tietz: Die Hauptaufnahme, die wir jetzt sehen, sind immer noch die Lebensmittel. Da ist es allerdings so, dass es in sehr vielen Lebensmitteln breit gestreut vorkommt. Da kann man jetzt schlecht sagen, man soll auf dieses oder jenes verzichten. Da kann man einfach nur dazu raten – und dazu raten wir generell -, sich vielfältig zu ernähren, gelegentlich vielleicht auch mal die Marken zu wechseln und so weiter, damit man bestimmten, sehr hoch belasteten Lebensmitteln ausweicht. Und dann ist für uns immer sehr wichtig zu betonen, dass unbeschichtete Aluminium-Schalen oder Aluminium-Folie, oder auch Grillschalen oder Ähnliches nicht in Kontakt mit salzigen oder sauren Lebensmitteln kommt, was im Grunde genommen eigentlich fast alle Lebensmittel sind, ob das jetzt zitronengesäuerter Fisch oder Obst oder irgendwelche anderen Dinge sind. Man hat fast immer Salz oder Säure im Spiel und die sollten nicht mit unbeschichteten Aluminium-Folien oder Schalen oder Ähnlichem in Kontakt kommen oder gar erhitzt werden.

Äußerungen unserer Gesprächspartner geben deren eigene Auffassungen wieder. Der Deutschlandfunk macht sich Äußerungen seiner Gesprächspartner in Interviews und Diskussionen nicht zu eigen.

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