Dienstag, 17. Mai 2022

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Neue Bände von Hélène Cixous
Auf den Spuren des europäischen Traumas

Hélène Cixous galt Ende der 80er, Anfang der 90er-Jahre als Vorreiterin eines neuen feministischen Denkens der Differenz. Weniger im Blick hatte man die prägende Rolle ihrer algerischen Kindheit: Inwieweit sich die geschichtlichen Verwerfungen des 20. Jahrhunderts darin einschreiben, zeigen nun zwei neue Bände der Autorin: "Osnabrück" und "Aus Montaignes Koffer".

Von Claudia Kramatschek | 29.05.2017

Buchcover Hélène Cixous: Onsanabrück und Aus Montaignes Koffer
Buchcover Hélène Cixous: Onsanabrück und Aus Montaignes Koffer (Passagen Verlag / AFD/Fred Dufour)
Nichts erwies sich als so falsch wie die seinerzeit wirkmächtige These von Francis Fukuyama, der 1992 das "Ende der Geschichte" proklamierte. Tatsächlich kehrt die Geschichte mit großem G allenthalben mit ungeheurer Macht wider. Davon kann auch Frankreich ein Lied singen – das sich seiner kolonialen Vergangenheit noch immer nicht wirklich gestellt hat. Wie stark und wie lange die Mechanismen einer subkutanen Verdrängung wirkten, lässt sich vielleicht auch daran ablesen, dass selbst jene großen Philosophen wie Jaques Derrida, deren Denken unter den Gegebenheiten der kolonialen Unterdrückung Algeriens geformt worden war, diese Erfahrung in ihrem Werk nur selten, manchmal auch gar nicht explizit zum Thema machten.
Auch Hélène Cixous – die 1937 als Tochter aschkenasischer Juden in Oran zur Welt kommt – hat sich erst spät und allmählich in ihrem Schreiben den eigenen Ursprüngen und damit nicht nur den Fragen von Herkunft, Differenz und pluraler Identität zugewendet, sondern auch dem maßgeblichen Einfluss von Faschismus und Kolonialismus auf ihr Werk.
Literatur als Ort der Rettung
Just unter diesem Blickwinkel ermöglichen nun zwei neue – und einander bestens ergänzende – Bände auch Lesern, die bis dato noch nicht en detail vertraut sind mit dem Werk von Cixous, eine erste – oder erneute Annäherung an zentrale Fragen der Autorin. Tatsächlich liest sich die Geschichte ihrer Familie – vor allem die ihrer Mutter, die im Mittelpunkt des anrührend persönlichen Bandes "Osnabrück" steht – wie ein Familienroman, der Aufschluss gibt über die großen Verwerfungen, die das 20. Jahrhundert heimgesucht haben: hier der deutsche Antisemitismus, der die Mutter von Osnabrück über Paris nach Oran führt – dort der französische Kolonialismus, der Cixous bereits als Kind vor Augen führt, was es heißt, in einer Welt zu leben, in der es Unterdrücker und Unterdrückte gibt.
Die Literatur – so führt Cixous wiederum in einem der vier langen, so intimen wie konzisen Gespräche aus, die der Band "Aus Montaignes Koffer" umfasst und die hier erstmals ins Deutsche übertragen worden sind – wird ihr zum Ort der Rettung. Sie entdeckt Montaigne – und begreift, dass zu schreiben sich zu verorten heißt: sich zu verhalten zum Ursprung, zum Fremden, zum Anderen, zum Mensch. Cixous – die hier auch nochmals auf ihre so intensive wie außergewöhnliche Freundschaft mit Jaques Derrida zu sprechen kommt – ist insofern als eine zugleich sui generis politische Autorin zu entdecken, deren Werk in so sublimer wie poetischer Weise die Spur nicht nur des algerischen, sondern des europäischen Traumas nachzeichnet.
Hélène Cixous: "Osnabrück"
Herausgegeben von Peter Engelmann. Übersetzt von Esther von der Osten. Passagen Verlag 2017. 197 Seiten. € 24,60.
Hélène Cixous: "Aus Montaignes Koffer"
Passagen Gespräche. Herausgegeben von Peter Engelmann. Übersetzt von Claudia Simma. Passagen Verlag 2017. 180 Seiten. € 30,70.