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Neue Bezirksbürgermeisterin Giffey
"Neukölln ist mehr als die Summe seiner Probleme"

Sie ist mit 36 Jahren die jüngste Bürgermeisterin von Berlin und die erste Frau in diesem Amt in Neukölln: Franziska Giffey (SPD). Die Fußstapfen ihres Vorgängers Heinz Buschkowsky sind groß. Die Brandenburgerin Giffey setzt auf einen attraktiven Standort.

Von Kemal Hür | 16.04.2015
    Franziska Giffey, designierte Bezirksbürgermeisterin von Berlin-Neukölln
    Franziska Giffey, designierte Bezirksbürgermeisterin von Berlin-Neukölln (Matthias Horn / Deutschlandradio)
    Giffey nach ihrer Wahl:
    "Ja, ich nehme die Wahl an, und ich freue mich darüber! Vielen Dank!"
    Franziska Giffey, rotes Kleid, weißer Schal, steht vor der Neuköllner Bezirksflagge in denselben Farben und strahlt. Im Saal der Bezirksverordnetenversammlung wurde die Sozialdemokratin mit großer Mehrheit zur Nachfolgerin von Heinz Buschkowsky gewählt. Der wahrscheinlich bekannteste Bezirksbürgermeister Deutschlands hatte sein Amt aus gesundheitlichen Gründen zur Verfügung gestellt. Giffey, die von ihrem Vorgänger als Nachfolgerin vorgeschlagen wurde, ließ in ihrer Antrittsrede erkennen, dass sie einen anderen Weg einschlagen wird als der polarisierende Buschkowsky.
    Giffey bei ihrer Antrittsrede:
    "Mein Ziel ist, dass wir wegkommen vom Image des nur Problembezirks. Neukölln ist mehr als die Summe seiner Probleme. Und vor allem: Die Probleme, die wir haben, die haben viele andere auch."
    Vom Problem- zum Innovationsbezirk
    Giffey, die auch für den Bereich Wirtschaft zuständig sein wird, setzt auf den attraktiven Standort Neukölln.
    "Unser Bezirk ist inzwischen so begehrt, dass es bald kaum mehr freien Flächen für neue Wirtschaftsansiedlungen gibt. Und auch Kreative, Künstler, Architekten - sie alle kommen hierher, um hier zu arbeiten. Und das alles zeigt uns: Wir können uns entwickeln. Wir können uns wandeln. Vom Problembezirk hin zum Innovationsbezirk."
    Buschkowsky, der Neukölln als Problembezirk in der Republik bekannt gemacht hatte, erschien trotz offizieller Einladung nicht zur Wahl seiner Nachfolgerin.
    Franziska Giffey ist mit 36 Jahren die jüngste Bezirksbürgermeisterin in Berlin und die erste Frau in diesem Amt in Neukölln. Als gebürtige Brandenburgerin ist sie eine Zugewanderte:
    "Und so geht es mir wie vielen Neuköllnerinnen und Neuköllnern. Sie sind keine Ureinwohner. Sie sind nicht hier geboren und aufgewachsen. Aber sie sind jetzt hier. Und alle - alle können diese Stadt gestalten. Sie können sie zu dem machen, was sie jetzt ist. Aber viel wichtiger noch: zu dem, was sie sein wird."
    Bildung und Integration im Fokus
    In den letzten fünf Jahren verantwortete Giffey als Bezirksstadträtin den Bereich Schule, Bildung und Kultur. Auch als Bezirksbürgermeisterin will sie sich schwerpunktmäßig um die Themen Bildung und Integration kümmern.
    "Das sind die Hauptproblemlagen. Deshalb ist Bildung das große Thema. Und die muss viel früher anfangen und viel verbindlicher sein, damit wir das schaffen, dass die Kinder die hier geboren werden und hier aufwachsen, auch wirklich ihren Weg machen. Und das ist die große Aufgabe."
    Für diese Aufgabe, sagt Giffey, brauche der Bezirk Geld. Und das sei ein Grund, warum sie sich gegen einen kostenlosen Kitabesuch ausspreche.
    "Das heißt nicht, dass alle einen Beitrag leisten sollen, sondern dass man sich genau ansieht, wie sind die Einkommensverhältnisse, dass man die Familien, denen es schlecht geht, oder die nicht so viel Geld haben, entlastet dabei und ihnen hilft damit, ihre Kinder in die Krippe zu bringen. Aber ich finde, wer 5.000 Euro im Monat verdient, der kann auch einen Beitrag leisten für eine qualitativ gute Kitaausbildung."
    Damit folgt sie zwar nicht der Parteilinie. Aber vielleicht sind das ja die ersten Anzeichen, dass sie bereits angefangen hat, ihren eigenen Weg zu gehen - und dass sie sich entgegen der Kritik der Opposition im Bezirk auch von ihrem Wegbereiter Buschkowsky unterscheidet.
    "Ich bin ein anderer Mensch, ich bin ein anderer Typ. Ich habe eine andere Sprache. Allein dadurch, dass wir anderen Generationen angehören, sind die Dinge anders."