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StartseiteCorsoDer dünne Boden der Realität 30.04.2019

Neue Filme Der dünne Boden der Realität

Ein Kriegs-Veteran, der Säufer und Fischer geworden ist, kämpft in „Im Netz der Versuchung“ mit den Dämonen seiner Vergangenheit. Sven Taddickens neuer Film „Das schönste Paar“ schildert das Leben nach einem Verbrechen. Von einem iranischen Sturkopf und Widerstandsgeist handelt „A Man of Integrity“.

Von Hartwig Tegeler

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Eine einen Brief lesende, schwarz gekleidete Frau wird von einem Mann durch ein Fenster beobachtet (imago stock&people)
Filmszene aus "A Man of Integrity" von Mohammad Rasoulof (imago stock&people)
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Als cooler Noir-Thriller beginnt "Im Netz der Versuchung": Matthew McConaughey spielt einen Irakkrieg-Veteranen, nun Fischer auf einer einsamen tropischen Insel; Baker säuft wie ein Loch und jagt jeden Tag "dem" Fisch, dem einzigen, dem größten, hinterher. Dass er dabei manchmal die zahlenden Gäste auf seinem Boot vernachlässigt, gehört zum Spiel. Dann steht eines Tages seine Ex Karen – Anne Hathaway als verführerische Femme fatale – am Bootssteg. Mit einem genretypischen Plan:

"Ich möchte, dass du ihn ins Meer wirfst, als Futter für die Haie. Dafür gebe ich Dir 10 Millionen Dollar."

 Doch Bakers Dämonen der Vergangenheit, die ja gerade loswerden wollte auf der Insel, kriechen hoch. Und – gemäß der Gesetze des Noir-Films – werden viele Geheimnisse sichtbar, die sich hinter Fassaden verbergen. Nichts ist so, wie es scheint auf dieser Insel … und in diesem Thriller.

"Du weißt doch, dass man in Plymouth gerne sagt, der jeder alles weiß. Aber wär´s nicht witzig, wenn in Wahrheit niemand irgendwas weiß?"

Spezialist für abgründige Plots

Steven Knight hat 2013 mit seinem wunderbaren Film "No Turning Back" gezeigt, dass er Spezialist für abgründige Plots ist. Auch in seinem neuen Film "Im Netz der Versuchung" durchbricht Steven Knight den dünnen Boden der Realität dieser Insel; auf ihr der Mann mit seiner traumatischen Vergangenheit. Und wir – mehr darf nicht verraten werden -, wir dürfen uns fragen: Ist die Welt ein Traum? Träumen wir nur unsere Realität? Aber wer ist es dann, der träumt? Im Traum jedenfalls ist jede überraschende Wendung einer Geschichte keine Überraschung mehr! So auch hier: Bald geht es dann nicht mehr um den Riesenfisch, den dieser Mann besessen jagt, auch nicht um den brutalen Ehemann seiner Ex sondern um Schicksalsschläge, um Trauer oder vielleicht noch besser: um die Unfähigkeit zu trauern. Und um die Frage:

"Wo in aller Welt sind wir?"

"Im Netz der Versuchung" von Steven Knight – empfehlenswert.

"Malte hat nichts falsch gemacht. Ich habe nichts falsch gemacht. Scheiße, passiert. So erschreckend einfach ist das."

Malte und Liv, das junge Lehrerehepaar in Sven Taddickens Film "Das schönste Paar", wird während eines Inselurlaubs überfallen, misshandelt. Liv wird vergewaltigt. Monate später scheinen die beiden einen Weg gefunden zu haben, wieder zu leben. Trotz Gewaltverbrechens. Doch dann, zufällig, trifft Malte den Vergewaltiger auf der Straße. Mit dessen Freundin:

"Ich habe mit seiner Freundin gesprochen. Ich kann nicht so tun, als wäre nichts passiert. Ich kann das nicht."

Zersetzungsprozess zwischen Mann und Frau 

Beklemmend wie intensiv zeigen Sven Taddicken und seine beiden großartigen Hauptdarsteller Luise Heyer und Maximilian Brückner, wie die zivilisatorische Hülle aufbricht und archaische Gefühle sich Bahn brechen. Malte nämlich sinnt auf Rache, während Liv zu deeskalieren sucht. Zumindest scheint dies die Rollenverteilung zu sein. Sven Taddicken zeigt den Zersetzungsprozess, der zwischen dem Mann und der Frau allmählich, aber unaufhörlich stattfindet. Ob der final ist, ob die beiden wieder zueinander finden werden, bleibt offen. Aber was es wirklich bedeutet, vor der traumatischen Erfahrung davon zu laufen, ...

"Ich laufe vor nichts davon."
"Doch, tust du."

... oder sich ihr zu stellen, das erweist sich als komplexes psychoemotionales Verfahren. Am Ende gibt es einen nicht tödlichen Messerstich, und zwei zertrümmen ihre Wohnung. Im Kino hilft so etwas.

"Das schönste Paar" von Sven Taddicken – herausragend.

Ein düsteres Bild seiner Heimat zeichnet Mohammad Rasoulof in seinem Film "A Man of Integrity", 2017 in Cannes ausgezeichnet. Reza hat sich aus Teheran zurückgezogen und lebt nun mit Frau Hadis und seinem Sohn auf einer Fischfarm in der Provinz. Doch die Kreditgeber wollen ihr Geld, und mit Gewalt, Lügen und Intrigen versuchen sie Reza sein Land abzujagen. Gemeinsame Sache macht diese Mafia mit den Behörden und Politikern. Reza – stur, auch furchtlos - will aber weder bestechen noch intrigieren.

Gnadenlos gegenüber sich und seinen Gegnern

"Wenn du sie nicht bestichst, hast du keine Chance", erklärt ihr Bruder Rezas Frau. Der iranische Filmemacher Mohammad Rasoulof zeigt dies als Realität seines Landes. Reza wehrt sich, er ist aufrecht - "a man of integrity", so ja der Filmtitel -, aber als sein Haus abgebrannt wird, schlägt er zurück. Nicht im Sinne eines Mannes, der "rot sieht", sondern verschlagen, hinterhältig agiert er. Er wird zu einer Figur wie Michael Kohlhaas: gnadenlos gegenüber sich und seinen Gegnern. Wenn das nicht allein schon böse genug ist, dann sie noch diese Pointe verraten: Am Ende hat Reza, der seine Rache bekommt, die Seiten gewechselt. Hoffnung auf moralische Integrität? Die gibt es in diesem gesellschaftlichen Kosmos nicht. Übrigens: Der iranische Filmemacher Rasoulof darf zurzeit den Iran übrigens nicht verlassen.

"A Man of Integrity" von Mohammad Rasoulof, bei uns im Original mit deutschen Untertiteln, im Kino – herausragend.

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