Donnerstag, 17.10.2019
 
Seit 12:10 Uhr Informationen am Mittag
StartseiteAus Kultur- und SozialwissenschaftenEinmal Hartz IV, immer Hartz IV?29.11.2018

Neue Generationen-StudieEinmal Hartz IV, immer Hartz IV?

Sind Kinder aus finanziell benachteiligten Familien später selber arm? Soziologen der Universität Duisburg-Essen haben dieses Klischee unter die Lupe genommen. In langen Gesprächen haben sie elf betroffene Familien zu ihrer Familiengeschichte befragt. Ein Ergebnis: Den typischen Hartz-IV-Empfänger gibt es nicht.

Von Isabel Fannrich-Lautenschläger

Stempel mit der Aufschrift "Hartz IV" (dpa / picture alliance / chromorange)
Die Universität Duisburg-Essen hat Hartz-IV-Familien befragt (dpa / picture alliance / chromorange)
Mehr zum Thema

Hartz IV auf dem Prüfstand Braucht das Land ein Grundeinkommen?

Hartz-IV reformieren Die Logik der Sozialschmarotzer über Bord werfen

Debatte um Hartz IV "Wir brauchen Fördern und Fordern"

Schneider (IZA): "Aus juristischer Sicht ist das ein Diskriminierungstatbestand"

"Wir haben zum Beispiel eine Familie gehabt, wo eine noch sehr junge Tochter immer wieder so Sticheleien während des Gesprächs gestartet hat, dass sie sich dann um Arbeit für ihre Mutter gekümmert hat und dass sie sich selbst auch um ihre Schullaufbahn gekümmert hat und dass sie auch nicht einverstanden ist, mit finanziellen binnenfamilialen Umverteilungen."

Beispiele wie dieses entsprechen nicht dem Klischee, dass Armut und der Bezug von Hartz IV von einer Generation zur nächsten weitergereicht werden.

Die kulturelle Einheit Familie muss sich mit einer gemeinsamen Perspektive erst herstellen, sagt auch Carsten Ullrich. Dieser Prozess gelinge unterschiedlich gut und unterliege einem Wandel, so der Duisburger Professor für Soziologie.

"Die Frage ist, wie sich armutsrelevante oder armutsbedeutsame Muster in Handlungen und in Wahrnehmung vererben – in Anführungsstrichen – vererben von den Eltern auf die Kinder, wie sie das erfahren, wie sie das gelernt haben. Und die Idee, dass da bestimmte Verhaltens- und Handlungsmuster gelernt worden sind, die dann auf dem Arbeitsmarkt oder in einer Bildungsinstitution nicht förderlich sind und die Wahrscheinlichkeit erhöhen, dass Kinder im weitesten Sinn in Armut leben oder entsprechende Sozialstaats-Erfahrungen machen müssen."

Die Forscher haben eine recht neue Untersuchungsmethode gewählt. Im sogenannten Familiengespräch ließen sie zwei Generationen über die Familiengeschichte reden, angefangen bei den Kindheitserinnerungen der Eltern über die Frage, wie die mittlerweile erwachsenen Kinder groß geworden sind und wie sie das bis hin zur heutigen Zeit erlebt haben.

Den typischen Hartz-IV-Empfänger gibt es nicht

Bei den elf Familien, die sie für ein gemeinsames Gespräch gewinnen konnten, handelte es sich meist um alleinerziehende Mütter mit ihren Töchtern und Söhnen im Alter zwischen 20 und 35 Jahren. Ihre Biografien sind nicht einfach, und die stundenlangen Gespräche liefen häufig emotional ab, erzählt Carsten Ullrich.

"Es gibt oft frühe Armutserfahrung, es gibt Gewalterfahrung im Elternhaushalt, im Großelternhaushalt, also von der ersten Generation, es gibt natürlich Arbeitslosigkeitserfahrung und entsprechende Schwierigkeit in der Lebensführung. Auch Partnerverluste, Patchwork-Familien, das ist ein bisschen sehr freundlich ausgedrückt, aber unvollständige Familienstrukturen, die häufiger wechseln. Da passiert relativ viel. Das sind relativ bewegte Lebensgeschichten."

Den typischen Hartz-IV-Empfänger und seine Familie gibt es nicht, sagen die Forscher und widersprechen der öffentlichen Wahrnehmung. Sie seien auf eine große Vielfalt unterschiedlicher Konstellationen gestoßen – von Familien mit verschmutzten Wohnungen und Elend, die den Klischees entsprechen bis hin zu solchen, die sich stärker an den üblichen Bildungs- und Leistungsnormen orientieren.

Bei den Kindern haben sie dennoch eine Gemeinsamkeit festgestellt: Die Armut, die in ihrer Kindheit herrschte, hätten sie häufig nicht wahrgenommen - oder nicht wahrnehmen wollen.

"Die Vorstellung, dass die Eltern teilweise noch oder die alleinerziehenden Mütter alles getan haben, um das einen nicht spüren zu lassen, dass sie in Armut aufwachsen, das ist fast durchgehend zu beobachten, dass eigentlich nichts gefehlt hätte, aber das widerspricht so ein bisschen der tatsächlichen Lebensweise: Jahrelang gab es keinen Urlaub oder es gab nicht mal einen Schreibtisch für das Kind, um Schularbeiten machen zu können. Das wird aber dann in der Wahrnehmung aber immer beiseitegeschoben. Unter dem Weihnachtsbaum war das dann doch immer reichlich."

Große Unterschiede im Umgang mit dem Verhalten der Eltern

Die Soziologen fanden in den elf Familien große Unterschiede bei den Kindern im Umgang mit dem Verhalten und den Werten der Eltern, der alleinerziehenden Mutter oder des Vaters.

Sie unterscheiden deshalb drei Beziehungstypen oder -muster. Daniela Schiek erzählt etwa vom 35jährigen Sohn, der bei seiner Mutter lebt, obwohl er eine eigene Wohnung hat. Beide sind langzeitarbeitslos.

"Wir haben ja so ein Muster feststellen können, wir haben es Symbiose genannt oder auch Mitleben, wo tatsächlich sich die Kinder von ihren Eltern oder auch umgekehrt die Eltern von den Kindern gar nicht distanzieren, wo man merkt, da wird das Leben von den jeweils anderen – in Anführungsstrichen – mit gelebt und es entwickelt sich keine eigenständige Perspektive auf die Familiengeschichte. Wo eine einheitliche Perspektive uns dargestellt wird."

Kooperieren und Hadern

Ganz anders ist die Dynamik in solchen Familien, in denen Konflikte immer wieder hochkochen. Im Forschungsprojekt heißt dieses Muster Bleibeverhandlung – oder Kooperieren und Hadern.

Die Eltern und Kinder nehmen die Familiengeschichte und die Lebensweise unterschiedlich wahr. Diese Dissonanzen benennen sie allerdings nur abstrakt und regeln sie durch Kompromisse.

"Das waren auch tatsächlich mehrere Fälle, in denen die Kinder durchaus und - wie wir den Eindruck hatten - zum ersten Mal formuliert haben, dass sie das nicht witzig fanden, als Kind mit einer suchtkranken Mutter zu leben oder auch bei der Oma oder zwischendurch auch in Heimen aufgewachsen zu sein. Und dann entstehen natürlich Situationen, wo dann entweder Geschwister zur Hilfe kommen und das Thema wieder auslaufen lassen und dann so eine Harmonisierung oder zumindest ein Abbügeln des Themas funktioniert. Oder dass das Gespräch unterbrochen werden muss."

Wenn die kulturelle Einheit Familie misslingt

Manchmal gelingt kein Kompromiss. In einem Fall brach der jüngste Sohn den Kontakt ab, weil er mit der Arbeitslosigkeit seiner Mutter und seines bereits mehrfach inhaftierten Bruders nichts mehr zu tun haben wollte. Er wandte sich dem Vater zu – und nahm nicht am Familiengespräch teil.

In Fällen wie diesen ist die kulturelle Einheit Familie nicht gelungen, stellt Daniela Schiek fest. Für denjenigen, der sich entfernt, scheint der Aufbruch aus der Armut allerdings leichter.

"Das ist auch etwas, was uns nicht so gut geschmeckt hat, aber man muss das schon sehen. Je mehr Distanz zumindest zu den Werthaltungen und zu der Perspektive auf die eigene Geschichte vorhanden ist, desto wahrscheinlicher ist, dass die Kinder aufsteigen. Und wir meinen mit Aufstiegen ja nicht, darauf konzentriert sich die Forschung leider immer sehr stark, dass jetzt alle studieren, dass die alle Akademiker werden, weil sie aus Nicht-Akademiker-Haushalten kommen. Die Eltern-Generation hat ja zum Teil auch keine abgeschlossene Berufsausbildung gehabt. Wenn das Kind eine Ausbildung hat und auch übernommen wird nach der Ausbildung, dann haben wir das schon als Aufstieg verzeichnet."

Alte Verhaltensmustern erschweren das Leben

Allerdings stellten die Wissenschaftler bei manchen Kindern aus Hartz-IV-Familien eine Ratlosigkeit fest, weil sie trotz guter Noten oder einer Ausbildung partiell gescheitert waren und zum Beispiel keine Arbeit fanden. Carsten Ullrich macht dafür keine genetischen Ursachen, Charakter oder Intelligenz verantwortlich.

Eine viel größere Rolle spielen seiner Meinung nach alte Verhaltensmuster, mangelnde Kenntnisse und Ressourcen. Wem es nicht gelinge, sich vom Elternhaus abzunabeln, könne beispielsweise in das alte Denkschema zurückfallen, sich nicht selbst um einen Arbeitsplatz kümmern zu müssen:

"Wenn ich formal, rein technisch, bestimmte Bedingungen erfülle, zur Schule gegangen bin, eine Ausbildung gemacht habe, vielleicht sogar Abitur gemacht habe. Wenn ich nicht merke und nicht lerne, dass ich mich anders verhalten muss, als das meine Eltern getan haben, wenn ich die gleichen Problemlösungsstrategien benutzen kann, wie das meine Eltern getan haben, dann wird das gefährlich bleiben – natürlich unter der Voraussetzung, dass wir strukturell bedingte Arbeitslosigkeit haben und nicht einen alles absorbierenden Arbeitsmarkt."

Auch im Erwachsenenalter ist noch ein Ausbruch aus Hartz-IV möglich

Manchmal bricht nur eines der Kinder aus den gewohnten Denk- und Verhaltensweisen der Familie aus. Das hängt häufig mit einem dritten Menschen zusammen, sagt Carsten Ullrich: Eine Lehrerin, ein Nachbar oder Onkel vermittelt eine neue Sichtweise und zeigt, wie man anders handeln kann. Daniela Schiek spricht von einem offenen Prozess:

"Dieser Ausgangspunkt, der in der Forschung immer gezeichnet wird, dass Familie eine kulturelle Einheit ist, in die man hineingeboren wird, für uns stellt sich das schon so dar, dass man das ein Stück weit aufbrechen kann. Also dass im Erwachsenenalter durchaus noch habituelle Fertigkeiten umgelernt werden können. Das ist auch noch einmal ein Unterschied zur bisherigen Forschung, die immer sehr deterministisch wirkt, als sei jetzt das Kind in der Kindheit in den Brunnen gefallen."

Das könnte sie auch interessieren

Entdecken Sie den Deutschlandfunk