Informationen am Morgen 21.11.2019

Neue Hochmoselbrücke Größtes Brückenbauprojekt Europas fertiggestelltVon Ludger Fittkau

Beitrag hören Luftaufnahme der Hochmoselbrücke. (dpa /  Thomas Frey)160 Meter hoch, 1,7 Kilometer lang und umstritten. Deutschlands zweithöchste Brücke ist fertig. (dpa / Thomas Frey)

Am Donnerstag wird das zur Zeit größte Brückenbauprojekt Europas für den Verkehr freigegeben: die neue Hochmoselbrücke bei Zeltingen-Rachtig in Rheinland-Pfalz. Damit geht vorerst auch eine lange, kontroverse Debatte über Sinn und Unsinn des Brückenbaus zu Ende.

Am Moselufer in Zeltingen-Rachtig sieht es so aus, als ob die neue Brücke nur knapp über den Dächern des Dorfes gebaut worden sei. Doch die Perspektive täuscht: 160 Meter hoch ist der neue Hochmoselübergang, die zweithöchste Brücke Deutschlands. In Zeltingen-Rachtig sind die Meinungen zum neuen Bauwerk über den Köpfen der Anwohner geteilt:

"Schön hässlich."

"Ich finde das super", sagt hingegen der 50 Jahre alte Martin Thiel, der mit zwei Hunden am Moselufer spazieren geht. Ihn stört der Anblick der Brücke nicht – sondern er findet sie sehr praktisch:

"Ganz einfach, weil dann die Verkehrsanbindung rüber nach Frankfurt einfach da ist. Weil ich öfters darüber muss. Und ich muss bisher immer über den Hunsbuckel fahren und das ist eine Gurkerei, wie verrückt."

Bessere Anbindung ans Rhein-Main-Gebiet

Hunsbuckel – so nennen die Moselaner die weitläufige Hügelkette, die südlich von Bernkastel-Kues Richtung Hunsrück-Höhenstraße das Tal mit dem Mittelgebirge verbindet. Der Hunsbuckel ist bisher hier von der Mosel aus nur in engen Serpentinen-Straßen zu überwinden.

Martin Thiel: "Ja, das ist schwierig zu fahren. Auch für die LKW-Fahrer ist es echt ein blöder Umweg und ich finde das richtig gut, dass sie das gemacht haben."

Durch die Hochmoselbrücke wird die Anbindung der Eifel ans Rhein-Main-Gebiet deutlich besser. (Deutschlandradio / Ludger Fittkau)Durch die Hochmoselbrücke wird die Anbindung der Eifel ans Rhein-Main-Gebiet deutlich besser. (Deutschlandradio / Ludger Fittkau)

Das Moselland bei Bernkastel-Kues mit dem anderen Flussufer und die Eifel bei Wittlich besser mit dem Rhein-Main-Gebiet zu verbinden - das war ein Ziel des gigantischen Brückenbauprojektes, das am Ende beinahe eine halbe Milliarde Euro verschlungen haben wird. Nicht nur für das Brückenbauwerk selbst, sondern auch für kilometerlange Zufahrtsstraßen und Auffahrten.

Auch aufwändige Sicherungen der Moselhänge waren nötig, um am Ende die notwendige Standsicherheit der Brücke zu gewährleisten. Winzer und Umweltschützer hatten vor gut einem Jahrzehnt vor den Umweltfolgen des zurzeit größten Brückenbauprojektes in Europa gewarnt. Sie befürchteten etwa Qualitätsverluste bei den Weinen, die unter der Brücke wachsen oder Auswirkungen auf den Grundwasserspeicher im Bodenbereich um an den Betonpfeilern.

Wolfgang Hauser aus Bernkastel schüttelt den Kopf: "Quatsch! Und die Brücke holt auch keine Sonne weg für die Weinberge. Die Sonne wandert. Das ist Quatsch, ist das."

Fernlastverkehr muss sich nicht mehr durch die Orte quälen

Wolfgang Hauser und viele andere Bewohnerinnen und Bewohner des Moseltals zwischen Bernkastel-Kues und Traben-Trarbach sehen den entscheidenden Vorteil der neuen Moselbrücke darin, dass der Fernlastverkehr zwischen Benelux und Rhein-Main sich nun nicht mehr beim Moselort Mülheim durchs Flusstal und die Stadt Bernkastel quälen muss:

"Einwandfrei ist das! Die ganzen LKW's vom Hunsrück, die kommen über Mülheim hier durch. Und das entlastet die Stadt schon. Der ganze Schwerlastverkehr geht aus der Stadt raus. Ich finde das in Ordnung."

Nach rund acht Jahren Bauzeit ist die riesige Hochmoselbrücke bei Zeltingen-Rachtig am 21. November 2019 für den Verkehr freigegeben worden.  (Deutschlandradio / Ludger Fittkau)Nach rund acht Jahren Bauzeit ist die riesige Hochmoselbrücke bei Zeltingen-Rachtig fertig. (Deutschlandradio / Ludger Fittkau)

"Der LKW-Verkehr, denke ich mal, geht von der Autobahn direkt zügig rüber", sagt auch Cilly Poesken am Moselufer von Bernkastel. Sie ist mit ihrem Mann Heinrich vor vier Jahren aus dem westlichen Ruhrgebiet an die Mosel gezogen, um näher bei Tochter und Enkelkind zu leben.

"Und das war natürlich für uns beeindruckend, dann zu sehen, wie so eine Brücke entsteht. Wir kommen auch genauso da aus der Region, dass wir immer dran vorbei fahren. Und haben manches Mal gedacht: Boah, wieder ein Stückchen und noch ein Stück dran, war schon spannend".

"Das ist doll! Ich finde es doll, wie es aussieht."

"Beindruckend. Die Höhe. Es ist ja glaube ich die zweithöchste Brücke in Deutschland?"

Blick auf die schon bestehenden Pfeiler der Hochmoselbrücke - ein umstrittenes Bauprojekt (aufgenommen am 20. Mai 2015) (Deutschlandradio - Anke Petermann )Die Hochmoselbrücke im Bau. Ein Bild aus dem Jahr 2015. (Deutschlandradio - Anke Petermann )

Kontroverse Diskussionen um neue Brücke

Stimmt, aber das Paar hat auch die kontroversen Diskussionen um die neue Brücke intensiv verfolgt. Bei der Begehung des Bauwerks vor der heutigen Eröffnung für die Autos waren die Pöskens jedoch nicht dabei:

"Wir waren zwar nicht da oben, das war uns zu voll an dem Tag, da ballte sich ja alles. Aber ansonsten, denke ich mal, ist es ein Gewinn für die Region hier. Es gibt auch andere Stimmen. Es gibt auch Leute, die nicht glücklich damit sind."

Vor allem aus ästhetischen Gründen. Viele Menschen in der Region erleben die Brücke noch als schwerwiegenden Eingriff in das Landschaftsbild.

Volocopter fliegt über den Flughafen (dpa/Andreas Meinhardt) Flugtaxi "Volocopter" am Frankfurter Flughafen (dpa/Andreas Meinhardt)Verkehrswende - An Ideen fehlt es nicht
Die Bundesregierung will, dass mehr Menschen E-Autos fahren. Daneben gibt es weitere Möglichkeiten, nachhaltige Mobilität zu fördern: einen gut ausgebauten ÖPNV zum Beispiel. Ideen gibt der Mobilitätsatlas vom Verkehrsclub Deutschland und der Heinrich-Böll-Stiftung.

Heinrich Pösken ist aus dem Ruhrgebiet anderes gewohnt. Er freut sich nun darauf, dass er über die Brücke nun noch schneller wieder ins Revier zurückfahren kann, wenn er will:

"Schnelle Verbindung und ruck zuck, sind wir wieder zuhause."

Auch für den Tourismus ein Gewinn

Auch für den Tourismus an der Mosel sehen die Menschen hier durch die neue Brücke mehr Vor- als Nachteile. Mehr Ruhe am Ufer durch weniger LKW - aber vor allem eine einfachere Verbindung zu den Ballungsräumen Rhein-Main, dem Rheinland und dem Raum Lüttich und Aachen. Viele Touristen an der Mosel kommen auch aus den Niederlanden:

"Für den Fremdenverkehr eher noch besser, weil man kommt ja auch besser hier hin."

"Wenn ich nach Belgien fahren will oder nach Holland, geht doch viel schneller."

"Ich denke, an den Anblick gewöhnt man sich. Brücken gibt es überall."

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