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StartseiteCorsoPolitik und alte Meister05.05.2020

Neue Indie-GamesPolitik und alte Meister

In „Help Will Come Tomorrow“ kämpfen Aristokraten und Kommunisten während der russischen Revolution gemeinsam ums Überleben, „The Flower Collectors“ blickt auf die Franco-Diktatur in Spanien – und in „The Procession To Calvary“ werden die Gemälde alter Meister zu Spielzeug.

Von Tim Baumann

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Vier Spielefiguren sitzen im düsteren Wald um ein Lagerfeuer herum. Im Zelt schläft eine 5.Person (Arclight Creations.)
Kälte trotz Feuer - ein Ausschnitt aus dem Spiel "Help will Come Tomorrow" (Arclight Creations.)
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Ruhig und friedlich liegt das Obertor der sächsischen Stadt Pirna in der Landschaft. Aber was ist das? Da, wo der Landschaftsmaler Bernardo Bellotto eigentlich die Marienkirche in Öl verewigt hatte, ragt hier der florentinische Palazzo Vecchio mit seinem markanten Arnolfo-Turm in die Höhe. Und der bewaldete Hügel links im Bild, das stammt doch auch aus einem anderen Gemälde?

Die Überlegungen werden jäh unterbrochen, als Rembrandts "Bellona", eine pummelige Dame in Ritterrüstung mit wallendem Haar ins Bild reitet. Als Sozius auf einem Esel. Vor ihr: Die Jungfrau Maria mitsamt Baby-Jesus. Da fällt das Barockorchester, das in der Krone eines Baums Vivaldi spielt, kaum mehr auf.

Der Wahnsinn hat einen Namen

Der Wahnsinn hat einen Namen: "The Procession To Calvary". Den hat der britische Spieleschöpfer Joe Richardson einem Gemälde von Pieter Brueghel dem Älteren entnommen. Und nicht nur den Namen: Alle Figuren, Hintergründe und Requisiten stammen aus Hunderten von Renaissance-Gemälden. Durch wildes Ausschneiden und Kombinieren schafft Richardson so eine Welt, die skurriler und spannender kaum sein könnte. Die Animationen sind grobschnittig und erinnern stark an den Stil von Monty Python-Komiker Terry Gilliam.

Per Mausklick steuern die Spieler die Kriegsgöttin Bellona durch diese Gemäldelandschaft. Ihr Ziel: Den Tyrann eines benachbarten Königreichs einen Kopf kürzer zu machen. Das ist aber gar nicht so einfach, denn um ihr Ziel zu erreichen, muss die blutrünstige Heldin viele Rätsel lösen. Hierfür müssen verschiedene Objekte in der Spielwelt eingesammelt oder getauscht und dann korrekt kombiniert werden. Wer für die Rätsel keine Geduld hat, kann das Spiel allerdings auch in etwa fünf Minuten bewältigen, indem er Bellona mit ihrem Schwert auf einen Amoklauf durch die Gemäldewelt schickt und alles und jeden niedermetzelt.

Die englischsprachigen Dialoge versprühen das selbe Python-Flair wie die Optik des Spiels. Nonsens trifft auf Hochkultur. Damit spricht "The Procession To Calvary" zwar nur ein Nischenpublikum an – ein Hauch von Genialität durchweht das Werk aber allemal. 

"The Procession To Calvary" ist für PC/Mac/Linux sowie für Android und iOS Smartphones verfügbar.

Sibirien, 1917 – ein Zug wird von Partisanen überfallen, ein paar Überlebende flüchten sich in einen nahegelegenen Wald. Und während in St. Petersburg und Moskau die Oktoberrevolution tobt, muss die zusammengewürfelte Gruppe aus Bolschewiken, Kulaken, Adligen und zarentreuen Offizieren zusammenarbeiten, um zu überleben. So das Ausgangsszenario von "Help Will Come Tomorrow", dem ersten Titel der polnischen Entwickler von Arclight Creations.

Die Spieler übernehmen die Kontrolle über die Gruppe und teilen die Charaktere per Mausklick verschiedenen Aufgaben zu: Das Lagerfeuer braucht Nahrung, die Werkbank muss vom nächtlichen Schnee befreit und ein neuer Zaun gebaut werden. Zudem können Gruppenmitglieder auf Expeditionen ins Umland geschickt werden, um Pilze und Kräuter zu sammeln, Wild zu jagen oder im Wrack des Zuges nach Überlebenden und Ausrüstung zu suchen. Jeder Charakter hat eine begrenzte Ausdauer. Erschöpfung, Hunger und Verletzungen sind tägliche Begleiter der Gruppe und im Wald lauern die Partisanen.

Knackiger Schwierigkeitsgrad

In vielen der kleinen Management Aspekten des Überlebens ähnelt das Spiel stark dem Erfolgstitel "This War Of Mine". Grafisch kommt "Help Will Come Tomorrow" aber leider nicht ans Vorbild heran, die Figuren sind zwar in hübschem Comic-Stil gezeichnet, aber nicht animiert.

Dafür setzt das Spiel stärker auf die Beziehungen der Charaktere untereinander. Vor allem in abendlichen Gesprächen am Lagerfeuer können die Spieler zwischen Dialogoptionen wählen. So richtig ans Herz wachsen wollen einem die Figuren aber leider nicht. Keine Lagerfeuerrunde kann darüber hinwegtäuschen, dass sie in einem Ressourcenmanager letztlich nur Humankapital sind. Da der Schwierigkeitsgrad allerdings recht knackig ist, bietet "Help Will Come Tomorrow" zumindest für Genrefans eine Menge Spielspaß.

"Help Will Come Tomorrow" ist für PC, Playstation 4, Xbox One und Nintendo Switch verfügbar.

Politisch geht es auch in "The Flower Collectors" zu: Das Krimi-Noir-Spiel des österreichischen Mi'Pu'Mi-Studios versetzt die Spieler in das Spanien der Post-Franco-Ära. Der Diktator ist tot und das Land steht kurz vor seiner ersten demokratischen Wahl seit dem Bürgerkrieg. Da geschieht ein brisanter Mord – direkt unter dem Balkon des Ex-Cops Jorge. "A Shot – He's down!"

Klar, dass er sich sofort an die Ermittlungen macht. Das Problem: Jorge sitzt im Rollstuhl, sein Haus hat keinen Lift. Er muss das Verbrechen also mittels Fernglas, Kamera und Skizzenblock von seinem Balkon aus auflösen. Zum Glück trifft er auf die Journalistin Mel.

Spannende Story und hervorragendes Voice-Acting

"What the hell happened?" - "I was about to meet this guy." - "The guy who got shot?"

Per Walkie-Talkie lotst Jorge Mel durch das Viertel, späht Gefahren und Gelegenheiten aus und sammelt so gemeinsam mit ihr das nötige Beweismaterial. Dabei lebt "The Flower Collectors" vor allem von der seiner spannenden Story und hervorragendem Voice-Acting, die leider im starken Kontrast zur laienhaften Animation der Charaktere stehen: Die Bewegungen wirken durchweg unnatürlich, Türen öffnen sich von selbst, Figuren sprechen ins Nichts.

Mit Maus und Tastatur steuern die Spieler Jorge durch seine Wohnung, spähen in Egoperspektive aus Fenstern und interagieren mit Gegenständen. Herausforderungen bietet das Gameplay allerdings nicht: Als Jorge haben die Spieler nichts zu tun als zu beobachten und vom Spiel als interessant markierte Interaktionen einzuleiten, das allabendliche Kombinieren der Hinweise auf der Pinnwand ist lächerlich einfach.

Dennoch wirft "The Flower Collectors" einen hierzulande seltenen Blick auf die Nachwehen des Franco-Regimes. Kombiniert mit der packenden Story ist der Titel also durchaus einen Blick wert.

"The Flower Collectors" ist für den PC verfügbar.

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