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StartseiteInterviewNeue Liebe zum Vaterland03.10.2007

Neue Liebe zum Vaterland

Der Politikwissenschaftler Volker Kronenberg wirbt für Patriotismus

Der Politologe Volker Kronenberg begrüßt eine neue Haltung zum Patriotismus in Deutschland. Der emanzipatorisch und aufklärerisch begründete Patriotismus werde heute politisch wie gesellschaftlich breit akzeptiert, sagte Kronenberg. In der rechten Ecke habe er nichts zu suchen, die Nationalsozialisten hätten den Patriotismus-Begriff missbraucht.

Moderation: Ferdos Forudastan

Flaggenmeer bei der Fußball-Weltmeisterschaft 2006. (AP Archiv)
Flaggenmeer bei der Fußball-Weltmeisterschaft 2006. (AP Archiv)

Ferdos Forudastan: "Frieden in Afghanistan, Sicherheit für uns" - diesen Titel trägt eine Broschüre, mit der die Bundesregierung für den deutschen Militäreinsatz am Hindukusch wirbt. In Reden oder Interviews bemühen Koalitionspolitiker auch schon mal das Vaterland, das man schütze, wenn man weltweit mit Hilfe von Bundeswehrsoldaten gegen den Terror kämpfe. Um uns hier, unseren Frieden, unser Land wird es auch gehen, wenn der Bundestag Ende nächster Woche abstimmt, ob die Bundeswehr weiter in Afghanistan bleiben soll. Das er ja zur Verlängerung sagt, das gilt als sicher.

Professor Volker Kronenberg ist Privatdozent und Geschäftsführer des Instituts für Politische Wissenschaft und Soziologie an der Universität Bonn. Er hat das Buch "Patriotismus in Deutschland. Perspektiven für eine weltoffene Nation" geschrieben. Von ihm wollte ich wissen, woran liegt es, dass das Argument, der Einsatz diene auch dem Vaterland, anders als noch vor 15 Jahren kaum Kritik hervorruft. Haben wir ein anderes Verhältnis zu diesem Vaterland entwickelt?

Volker Kronenberg: Ich würde sagen eindeutig ja. Wenn man die Zeit zurückdreht, vor 10 Jahren oder vor 15 Jahren, nähme man auch die Koalition noch unter Bundeskanzler Kohl, also die schwarz-gelbe Koalition, und denke dann an Bundeswehreinsätze im Ausland - das hätte zu politischen Verwicklungen, zu gesellschaftlichen Protestbewegungen geführt. Unvorstellbar! Und heute ist die Situation eine ganz andere.

Es ist natürlich ein ganzer Strauß von Faktoren, der hier eine wichtige Rolle spielt, ich will einmal drei kurze Punkte nennen: Das eine ist natürlich die deutsche Einheit, die deutsche Einheit 1990, die Folgen, das Zusammenwachsen, ein neues Nationsbewusstsein, was sich vor allen Dingen in der jüngeren Generation ja herausbildet, das Bewusstsein der Teilung in der jungen Generation, das Bewusstsein der Existenz der Berliner Mauer verschwindet immer mehr. Das andere ist - gerade auch mit Blick auf die Auslandseinsätze - die internationale Konstellation, der 11. September 2001 ist natürlich hier die Zäsur. Und das verweist auch auf den dritten Faktor, den ich kurz nennen will, nämlich die rot-grüne Bundesregierung, die ja auch hier, denken wir an Kosovo, denken wir danach an Afghanistan als Folgen des 11. Septembers, hier das Ja gesagt hat zu diesen Einsätzen und, das ist dann auch im Grunde der Verweis zum heutigen Tag 3. Oktober und diesen neuen Patriotismus: Bundeskanzler Gerhard Schröder, der ja ganz bewusst auch einen Akzent auf den Patriotismus gesetzt hat, das war schon interessant, wenn man sich gerade auch an die Verwicklung der Sozialdemokratie 89/90 und die Schwierigkeit mit der deutschen Einheit erinnert und dann im Grunde ein Bekenntnis eines Großteils der Sozialdemokraten heute zum Patriotismus sieht. Da sind also ganz viele Dinge in Bewegung geraten, und das führt zu der Situation, in der wir uns heute befinden.

Ferdos Forudastan: Also Ihre These ist: Es gibt so etwas wie eine Renaissance des Patriotismus. Sie machen das unter anderem fest jetzt am 3. Oktober, am Umgang damit. Da möchte ich doch aber ein Fragezeichen setzen, weil: Wenn Sie sich angucken, wie die Mehrheit der Bevölkerung vor allen Dingen in Westdeutschland auf diesen Tag guckt, dann muss man doch sagen, für die allermeisten ist das ein freier Tag, mehr nicht. Also, dass jetzt da große Gefühle oder eine Liebe zum Vaterland, eine neu entdeckte, zum Ausdruck kommt, das kann man doch eigentlich nicht sagen. Und auch was den Bundeswehreinsatz in Afghanistan angeht: Bei den Menschen, die ja dazu sagen, die das richtig finden, auch die Verlängerung, da sind die wenigsten welche, die das mit dem Vaterland und dem Patriotismus begründen, sondern sie sagen einfach, wir haben eine Verantwortung dafür, dass es dort den Menschen Frieden bringt.

Kronenberg: Was den 3. Oktober angeht, da stimme ich Ihnen zu, in der Tat ist das ein Feiertag, der im Grunde nicht herhält, um patriotische Gefühle zu bekunden, weder in der Bevölkerung, noch bei den politisch Verantwortlichen. Aber wenn wir an die Begeisterung im vergangenen Jahr im Zuge der Fußball-Weltmeisterschaft denken, und die Fußball-Weltmeisterschaft wird ja heute mit einem neuen Patriotismus oder einer Renaissance in Verbindung gebracht, dann glaube ich schon, dass diese Fußball-Weltmeisterschaft ein Indikator doch war für ein neues Nationsbewusstsein, ein neues Verhältnis zum eigenen Land in einem ganz großen Teil der politischen Parteien, abgesehen jetzt von der Linkspartei, aber in der Sozialdemokratie, den Grünen. Also nicht der Patriotismus, der unter dem Rechtsverdacht der rechten Ecke stand, sondern der Patriotismus wird dort verortet, heute, wo er auch historisch hingehört und auch herkommt nämlich aus der bürgerlichen Mitte heraus. Im Grunde ist er emanzipatorisch, aufklärerisch, er hat im Grunde in dieser rechten Ecke auch nichts zu suchen, und er wird heute auch in dieser Mitte gesehen. Er wird also breit politisch, gesellschaftlich akzeptiert. Ich glaube, das ist durchaus eine Wandlung, die wir in dem vergangenen Jahr beobachten können.

3. Oktober in der Tat ist kein Tag, der hier besonders Anlass bietet, diese Bekundungen zu zeigen, hier würde ich aber auch ein großes Defizit sehen bei den politisch Verantwortlichen. Dieser Schwung, den wir im vergangenen Jahr hatten im Zuge dieser schwarz-rot-goldenen Begeisterung, die ja gerade auch im Ausland als sehr wohltuend und positiv, als im Grunde auch selbstverständlich angesehen wurde, dieser Schwung wurde von den politisch Verantwortlichen ganz bewusst nicht aufgenommen, sondern im Grunde eher wieder sehr stark zurückgefahren, eher gedämpft. Die Frage wäre auch, ob der 3. Oktober als Datum sich auch eignen würde, ob man nicht an andere Daten wie den 9. November, in der Ambivalenz durchaus auch dieses Datums, denken sollte. Der zweite Punkt, den Sie angesprochen haben mit Auslandseinsatz und hier einem Defizit an Begründung: Im Grunde ist es ein patriotischer Dienst, der dort geleistet wird, ich würde dies bejahen. Ja, es wird dort Patriotismus praktiziert, der Bürger in Uniform verteidigt dort die Interessen seines Landes, unseres Landes.

Forudastan: Sie sehen das so, aber ganz viele Menschen in der Bevölkerung, das zeigen auch Umfragen, sehen das anders. Sie sehen es eher so, dass dort Frieden und Sicherheit verteidigt werden und dass man seine Rolle in der internationalen Staatengemeinschaft so wahrnimmt, wie man sie wahrnehmen muss. Aber mit Patriotismus hat das aus Sicht vieler Menschen gar nichts zu tun.

Kronenberg: Einerseits richtig, es ist sicherlich an der Begründungsherausforderung der politisch Verantwortlichen deutlich zu machen, dass es in unserem nationalen Interesse liegt, denken Sie jetzt mal ganz konkret an das Weißbuch der Bundeswehr, was nun vom Verteidigungsminister vorgelegt wurde, was verabschiedet wurde. Auf den ersten vier Seiten finden wir sechsmal den Begriff des nationalen Interesses, auch das in den zurückliegenden Jahrzehnten undenkbar, dass nationale Interessen auch konkret in der Bundesrepublik formuliert werden. Aber Sie haben Recht: Die politische Begründung beziehungsweise dann auch die Sensibilisierung eines Großteils der Bevölkerung, also deutlich zu machen, dass wir unsere eigene Sicherheit, unsere Interessen der Bundesrepublik Deutschland, unsere Sicherheit, unsere Freiheit - nicht zuletzt auch die freie Weltwirtschaft, die ja in unserem nationalen Interesse durchaus liegt -, all dieses zu plausibilisieren mit den Auslandseinsätzen, mit dem Afghanistan-Einsatz, das muss noch in einem viel stärkeren Maße geleistet werden.

Ein anderer Punkt, den Sie ganz grundsätzlich gerade angesprochen haben, ist natürlich die Frage: Was meint denn Patriotismus? Und ich glaube, dass wir auch in den letzten Jahren, wo wir ein Aufbrechen ja auch und eine Neubelebung des Patriotismus erleben, dass da vielfach auch nicht wirklich klar definiert wird, was meint denn Patriotismus? Patriotismus meint nämlich nicht nur schwarz-rot-goldene Fähnchen schwenken oder bunte Tattoos tragen, sondern einen Dienst für das Vaterland - weniger hochtrabend formuliert für das eigene Land - zu leisten, und sei es als Bürger in Uniform im Ausland.

Forudastan: Warum muss das ein Dienst fürs Vaterland sein, Herr Kronenberg? Das ist doch etwas, was in Deutschland mit Blick auf die deutsche Geschichte problematisch sein kann, wo man eigentlich schon immer Angst haben muss, dass es an der einen oder anderen Stelle umschlägt nämlich von einem friedlichen oder harmlosen Patriotismus in einen gefährlichen Nationalismus oder aggressiven Chauvinismus. Selbst wenn das nicht unmittelbar bevorsteht oder es dafür im Moment keine Anzeichen gibt, aber es gibt immer noch Teile der Bevölkerung, die dafür empfänglich sind, anfällig sind, und es gibt im Ausland ja zum Teil auch die Angst, dass Deutschland wieder eine solche Entwicklung nehmen könnte.

Kronenberg: Ich glaube, wir müssen ganz klar machen: Was meint Patriotismus, und wie unterscheidet er sich? Er unterscheidet sich ganz signifikant von Nationalismus, von Chauvinismus, Rassismus, all den Phänomenen, die wir mit dem Nationalsozialismus in Verbindung bringen, die den Nationalsozialismus geprägt haben. Patriotismus ist missbraucht worden. In der Tat ist Patriotismus natürlich ein schwieriges Wort und eine schwierige, politische Tugend, wenn wir an '33 bis '45 denken, aber wir dürfen nicht den Fehler machen in meinen Augen und mit dieser totalitären Erfahrung des Nationalsozialismus den Patriotismus - als eine ganz selbstverständliche politische Tugend in allen anderen Ländern, ob in Europa, in den Vereinigten Staaten oder wo auch immer -, ihn im Grunde zu desavouieren. Die Nationalsozialisten waren keine Patrioten, der Patriotismus hat immer, das ist ganz wichtig in dem Kontext zu sehen, hat immer eine freiheitliche, eine aufklärerische Komponente, er meint solidarisches Gemeinwohlhandeln der Bürger, er meint eine sowohl emotionale, eine gefühlsmäßige Identifikation, sei es mit einem Vaterland oder sagen wir weniger hochgegriffen mit der eigenen Nation, mit dem eigenen Gemeinwesen, aber nicht nur die emotionale, die symbolische Identifikation, sondern auch das tätige Eintreten, das Handeln für das Gemeinwohl. Das ist Patriotismus, so wie ich ihn verstehe und wie er, glaube ich, auch im internationalen Kontext gesehen wird und auch mit Blick auf das heutige Deutschland als ganz notwendig und selbstverständlich angesehen wird.

Forudastan: Brechen wir es noch einmal herunter, für Frieden, für Freiheit, für Menschenrechte, für Demokratie, für Europa, für eine solidarische Staatengemeinschaft kann ich mich doch auch einsetzen, ohne dabei eine Patriotin zu sein.

Kronenberg: Ja. Aber all das, wofür Sie sich einsetzen, muss ja einen ganz klaren Bezugspunkt haben.

Forudastan: Zum Beispiel meine Verfassung.

Kronenberg: Gut, aber die Verfassung bezieht sich ja auf wiederum ein bestehendes, politisches Gemeinwesen, ob wir das nun Vaterland nennen oder ob wir das Verfassungsstaat nennen oder ob wir es Nationalstaat nennen.

Forudastan: Aber sie ist eine inhaltliche Orientierung, das ist das Vaterland nicht.

Kronenberg: Das Vaterland, weniger geografisch verstanden, auch geografisch verstanden, aber selbstverständlich auch wertbezogen. Patriotismus steht für bestimmte Werte, für allgemeine Werte, die natürlich Grenzen überschreiten, die aber umgesetzt werden müssen, tagtäglich, von jedem von uns, von den Bürgern in Uniform, im Auslandseinsatz, von den politisch Verantwortlichen in einem konkreten politischen Gemeinwesen. Und das, so meine These, bleibt bis auf Weiteres der aufgeklärte Verfassungsstaat, bleibt die Bundesrepublik Deutschland. Und insofern ist auch ein deutscher Patriotismus in meinen Augen notwendig und sehr sinnvoll. Ohne ihn stehen wir vor diesem Dilemma, das in diesem berühmten Paradoxon zum Ausdruck kommt, dass nämlich der freiheitliche, moderne Verfassungsstaat auf Voraussetzungen beruht, die er selbst nicht zu garantieren vermag, die die Verfassung nicht zu garantieren vermag. Das können nur wir als Bürger, und das ist für mich tagtäglich praktizierter Patriotismus.

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