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StartseiteDie neue PlatteDebüts der Formationen "Zafraan" und "hand werk"30.07.2017

Neue MusikDebüts der Formationen "Zafraan" und "hand werk"

Die Ensemble-Landschaft der neuen Musik lebt von ihrer Vielgestalt. Derzeit drängt die jüngste Generation auf den Tonträgermarkt. Die ersten CDs des Berliner "Zafraan Ensembles" und von "hand werk" aus Köln stehen dafür. Sie bieten neue Namen, verschiedene künstlerische Auffassungen.

Am Mikrofon: Hanno Ehrler

Eine CD liegt ausgepackt mit Cover und Booklets auf schwarzem Hintergrund (Deutschlandradio)
Entdeckenswert: das Label "bastille musique" und das Zafraan Ensemble (Deutschlandradio)

Die CD des Zafraan Ensembles trägt den Titel "Klangrede". Die andere Produktion nennt sich "Kurzwelle". Das Kölner Ensemble "hand werk" präsentiert hier vier Werke von Komponistinnen und Komponisten, die gerade mit ihrem Studium fertig geworden sind. Einer von diesen ist Matthias Krüger, der in New York, Paris und Köln studierte; sein Stück heißt "LAL (First Draft)".

MUSIK: Matthias Krüger - LAL (First Draft) - Ensemble hand werk

Die Idee zu dieser Komposition kam Matthias Krüger in Istanbul. Dort hatte er Straßenmusiker beobachtet und sich von den fremdartigen Klängen und dem ständigen Wechsel von einem Musiker zum anderen inspirieren lassen. Dementsprechend wechseln in seiner Musik die Klangfelder. Krüger beginnt mit einem impulsiven Schlagzeugsolo. Es folgt eine Passage, bei der die Flöte dominiert. Exotischen Charakter gewinnt die Musik durch mikrotonale Schwankungen, wie sie in orientalischer Musik vorkommen, und durch den Einsatz des Tulums, einer türkischen Form des Dudelsacks. Krüger fordert damit das Klanggespür der Musiker heraus. Feinsinnig erfassen die Instrumentalisten die fragilen mikrotonalen Schwankungen. Mit leichter Hand intonieren sie die filigranen Auszierungen der melodischen Motive. Und sie spielen Krügers Komposition mit einer improvisatorischen Note, die das Stück sehr lebendig wirken lässt.

In ähnlicher Weise wie Matthias Krügers Arbeit ist "Fragmente einer Erinnerung" von Elnaz Seyedi ein Stück aus Klangflächen. Die iranische Komponistin, die ihre Ausbildung in Teheran, Bremen, Essen und Basel absolvierte, beginnt mit einer dicht instrumentierten und sehr komplexen Verschränkung verschiedener Klangfarben. Nach kurzer Zeit löst sich das Ganze auf. Die Musik wirkt plötzlich luftig und offen, und Einzelnes tritt in den Vordergrund: kleine Motive, Töne und Klangsplitter. Es ist, als beleuchte die Komponistin die einzelnen Klänge mit einem präzise fokussierten Spot.

MUSIK: Elnaz Seyedi - Fragmente einer Erinnerung für Ensemble - Ensemble hand werk

Das Ensemble hand werk in der Reihe stehend hinter einem umgedrehten Fahrrad (Rainer Rauen)Das Kölner Ensemble hand werk (Rainer Rauen)

Die CD des Ensembles "hand werk" enthält neben den Werken von Matthias Krüger und Elnaz Seyedi auch Kompositionen von Francisco Goldschmidt und Max-Lukas Hundelshausen. Unter dem Titel "Kurzwelle" ist sie das Ergebnis eines Projektes von "ON", dem Netzwerk Neue Musik in Köln, das von der Kunststiftung Nordrhein-Westfalen und der Stadt Köln unterstützt wurde. Es dient der Förderung von Komponistinnen und Komponisten, die gerade mit ihrer Ausbildung fertig sind. Sie bekommen einen Kompositionsauftrag, die Werke werden in einem Konzert gespielt, und eine CD wird produziert.

Öffentlichkeit für die ganz Jungen

Das Ensemble "hand werk" besteht aus sechs jungen Musikerinnen und Musikern, die sich 2011 im Umkreis der Kölner Musikhochschule gefunden haben. Mit der Besetzung Violine, Violoncello, Flöte Klarinette, Klavier und Schlagzeug konzentriert es sich auf kammermusikalische Werke, die ohne Dirigenten aufgeführt werden können. Und es erweitert gerne sein Instrumentarium, indem es auf Alltagsgegenständen oder ungewöhnlichen Instrumenten spielt - wie bei Matthias Krügers Stück auf der türkischen Sackpfeife.

Ebenfalls junge Musikerinnen und Musikern bilden das 2009 in Berlin gegründete Ensemble Zafraan. Es hat zehn Mitglieder und möchte vor allem Werke von Komponisten spielen, die in etwa der gleichen Generation wie die Musiker angehören. Das spiegelt sich in ihrer CD-Produktion mit Stücken von Eres Holz, Johannes Boris Borowski und Stefan Keller, geboren 1977, 1979 und 1974. Man kenne sich noch aus Studienzeiten, sagt der Pianist des Ensembles, Clemens Hund-Göschel, und die Arbeit an der CD sei eine sehr persönliche Sache zwischen den Interpreten und den Komponisten gewesen. Denn das Ensemble legt großen Wert darauf, die Ideen und die Klangvisionen der Musik, die es spielt, zu verstehen und sie möglichst authentisch umzusetzen. Die Komponisten wiederum konnten besondere Qualitäten einzelner Musiker nutzen, sie zum Beispiel an ihre spieltechnischen Grenzen bringen.

Bei einigen Stücke ist das der Fall. Bei anderen klingt eine eher traditionelle Spielweise an, etwa beim 2009 komponierten "Quintett" von Eres Holz. Dieses Quintett hat sich ganz und gar des Themas der CD angenommen, der Klangrede - ein Begriff, den der Barockkomponist Johann Mattheson im 18. Jahrhundert geprägt hat. Er bezeichnet einen musikalischen Formverlauf, der den Regeln der sprachlichen Rhetorik folgt. Eres Holz folgt der Idee, Musik als Rhetorik, als Sprache zu verstehen. Er möchte mit ihr etwas auszudrücken und etwas vermitteln. Die Syntax seiner Sprache sind harmonische Abfolgen und ausdrucksbetonte melodische Gesten, wie in der klassisch-romantischen Musik. Eres Holz gelingt dabei eine ganz eigenständige, individuelle Formulierung dieser Syntax.

MUSIK: Eres Holz - Quintett - Zafraan Ensemble, Leitung: Titus Engel

Ganz anders als Eres Holz geht Johannes Boris Borowski das Thema Klangrede an. Sein Stück "Dex" beginnt - eigentlich ganz unmusikalisch - mit dem Ruf einer Vogellockpfeife. Dieser Ruf wird ständig wiederholt und gliedert das Stück in kurze Abschnitte. Diese füllt der Komponist mit kleinen Klangereignissen.

Körperlichkeit, Wechsel von Bewegung und Dichte 

Nach und nach packt Borowksi immer mehr Töne und Motive zwischen die Vogelrufe, sodass schließlich ein dichter und hektisch wirkender musikalischer Satz entsteht. Das hat mit dem Thema der Musik zu tun. Der Titel "Dex" ist eine Abkürzung des Medikamentennamens "Dexamethason", ein Dopingmittel, das stark aufputschend wirkt. Wenn man so will, schildert Borowskis Musik die Wirkung dieses Medikaments auf den menschlichen Körper. Es putscht ihn auf, und gegen Schluss lässt die Wirkung wieder nach. Die Musik endet so ausgedünnt, wie sie am Anfang des Stücks war.

MUSIK: Hans Boris Borowski - Dex - Zafraan Ensemble, Leitung: Titus Engel

"Rhythmus wird in der Neuen Musik nicht selten als eine Angelegenheit von Zeitdauern angesehen, aber Rhythmus ist etwas Körperliches und nicht zu trennen von der Körperlichkeit der Klänge", schreibt Stefan Keller im Covertext zur CD "Klangrede" vom Zafraan Ensemble. Um beides geht es dem Komponisten: um Rhythmus als eine musikalische Kategorie und um Körperlichkeit als eine fundamentale Erfahrung, die man bei Musikhören hat, und viel mehr noch beim Musikspielen.

Aber Konzerte klassischer und auch neuer Musik sind meistens eine ruhige Angelegenheit. Das Publikum sitzt unbeweglich auf seinen Stühlen und auch die Musiker sind auf ihre Plätze gebannt und machen nur Bewegungen, um die gewünschten Töne zu produzieren.

Im Ensemblestück "Hammer" allerdings fordert Stefan Keller sehr viel mehr Beweglichkeit vom Musiker. Er muss mit seinen Händen mehrere Rhythmen gleichzeitig realisieren. Die Bongotrommeln, die er spielt, werden mit Handballen oder Fingerkuppen angeschlagen, und die Hände beeinflussen sich gegenseitig. Sie führen Schläge aus und dämmen sie gleichzeitig ab.

MUSIK: Stefan Keller - Hammer - Zafraan Ensemble

Stefan Keller hört Musik körperlich. Er sagt, dass Konsonanzen, Dissonanzen oder unterschiedliche Dichteverhältnisse von Musik eine körperliche Empfindung auslösen. In seiner Musik versucht er, solche Effekte bewusst zu erzeugen. In diesem Sinn interpretiert das Ensemble Zafraan das Stück und spielt es mit einem jazzig anmutenden Impetus.

Die CD "Klangrede" des Ensembles Zafraan unter der Leitung von Titus Engel ist als vierte CD im Programm des kleinen Labels "bastille musique" erschienen. Die liebevoll und sorgfältig edierte Ausgabe enthält neben einem instruktiven Textheft auch Fotostrecken der Musiker und Komponisten.

Die CD Kurzwelle mit dem Ensemble "hand werk" erschien bei ON – Netzwerk Neue Musik in Köln. Sie ist auf dessen Internetseite dokumentiert und kann dort kostenlos bestellt werden.

CD "Kurzwelle" - Ensemble hand werk, ON – Neue Musik Köln, LC 24963

CD "Klangrede". Zafraan Ensemble, Leitung: Titus Engel. bastille musique bm4, LC 50532

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