Montag, 27.01.2020
 
StartseiteEuropa heuteLatein und Klavier, aber kein Fernseher09.03.2018

Neue niederländische RechteLatein und Klavier, aber kein Fernseher

Geert Wilders hatte den rechten Rand in den Niederlanden bisher beherrscht. Mit Thierry Baudet hat er nun aber Konkurrenz bekommen. Mit seiner Partei "Forum für Demokratie" ist er an Wilders vorbei gezogen, Baudet spricht allerdings andere Schichten an und er pflegt einen deutlich anderen Stil.

Von Malte Pieper

16. Januar 2018 Amsterdam, Niederlande. Thierry Baudet, Leiter des Forum voor Democratie (FvD) (imago stock&people)
Politisch sitzt Thierry Baudet eindeutig am rechten Rand, den er mittlerweile allerdings dem bisherigen Platzhirsch, Geert Wilders, streitig macht. (imago stock&people)
Mehr zum Thema

Niederlande Neue Protestparteien konkurrieren am rechten Rand

Europäische Union Populisten wieder im Aufwind

Sein erster großer Auftritt im niederländischen Parlament ist jetzt knapp ein Jahr her. Betont lässig tänzelte der Mittdreißiger damals im perfekt geschnittenen Anzug Richtung Rednerpult, legte seine dunkle Haartolle noch einmal öffentlichkeitswirksam zurecht und sprach dann zu den Abgeordneten: "Quousque tandem…", worauf die meisten seiner Kollegen nur irritiert von ihren Papieren aufblickten.

Erst die Parlamentspräsidentin konnte damals Baudets Vortrag auf Latein stoppen mit dem Hinweis, Umgangssprache sei hier in Den Haag immer noch Niederländisch.

"Baudet ist einfach ein richtiger Snob!", lacht der Politikwissenschaftler Koen Vossen von der Universität Nimwegen: "Er ist ein Mann, der gerne den Eindruck erwecken will, ein Bildungsbürger zu sein. Er hat zum Beispiel keinen Fernseher, er spielt Klavier …"

Aus der Zeit gefallen

Und er betont gerne, dass er lieber Mitte des 19. Jahrhunderts leben würde als heute. Mit solchen Sätzen und mit seinem Latein hat es der Montessori-Schüler Thierry Baudet in alle Zeitungen, in alle wichtigen Talkshows gebracht. Er ist gerade einmal 35, gilt als hochintelligent. Baudet ist studierter Jurist und Historiker. Politisch sitzt er eindeutig am rechten Rand, den er mittlerweile allerdings dem bisherigen Platzhirsch, Geert Wilders, streitig macht. Über dessen Partei, sagt Baudet:

"Ich denke, dass Wilders PVV in wichtigen Punkten Recht hat: etwa bei 'Kontrolle der Einwanderung' oder 'Raus aus der EU'. Ich denke nur, dass Wilders übers Ziel hinausschießt, wenn er den Koran verbieten oder Moscheen schließen will. Das ist einfach nicht realistisch!"

Thierry Baudet dagegen übertrifft Wilders eindeutig in der Kunst der Provokation. Mal streut er, dass Frauen von ihrem Sexualpartner "nicht mit Respekt behandelt", sondern "übermannt" werden wollten. Dann wiederum warnt er vor einer "homöopathischen Verdünnung des niederländischen Volkes" durch Zuwanderer oder er trifft er sich demonstrativ mit US-amerikanischen Rassisten, die von der Überlegenheit der Weißen fabulieren.

Baudets wahrer Kern

Bei einer Diskussion in Amsterdam ging kürzlich der Chef der niederländischen Linksliberalen D66, Alexander Pechtold, deshalb Thierry Baudet frontal an:

"In den vergangenen Jahren hatten sie viel Aufmerksamkeit durch ihr Klavierspielen, wegen ihres Lateinsprechens. Aber bei Geert Wilders, weiß ich wenigstens, wen ich vor mir habe. Kampf gegen den Islam, das ist sein Programm. Aber Sie, Herr Baudet, legen noch etwas oben drauf: Sie diskriminieren Menschen wegen ihres Geschlechts, ihrer sexuellen Orientierung oder ihrer Rasse. Diese Zitate habe ich alle da!"

"Was für Lügen" reagiert Baudet nur mit hochrotem Kopf. "Na ja", antwortet Politikwissenschaftler Koen Vossen: "Er hat mal gesagt: Eigentlich möchte ich ein Europa, in dem die weiße Rasse noch dominant ist. Also es gibt - auf Englisch würde man sagen: viel circumstancial evidence." Sprich: Es gebe zumindest viele Indizien.

In Amsterdam jedenfalls musste erst vor wenigen Tagen einer seiner führenden Funktionäre zurücktreten, weil er erklärt hatte, Schwarze seien schlicht weniger intelligent als Weiße. Trotzdem: Baudet hat einen unglaublichen Lauf in den Niederlanden. Nach nicht mal zwei Jahren hat seine Partei "Forum für Demokratie" umgerechnet bereits mehr Mitglieder als FDP, Grüne oder Linke bei uns.

Erfolg, auch bei Studenten

Und das schlimmste, seufzt etwa Philippe Remarque, der Chefredakteur der renommierten Tageszeitung "De Volkskrant". Während Wilders vor allem in den unteren Schichten seine Stimmen hole, mache sich Baudet bei denen breit, die man eigentlich für immun hielt, was rechte Sprüche angeht. Studenten zum Beispiel:

"Das ist schockierend, weil offenbar ein Teil der Elite bei uns jetzt auch schon so denkt wie Baudet. Also gegen Europa ist und die Grenzen schließen will. Das gab es bislang nicht!"

Das könnte sie auch interessieren

Entdecken Sie den Deutschlandfunk