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StartseiteCampus & Karriere„Fachkräftemangel in den Kitas zu stark“02.07.2020

Neue OECD-Studie„Fachkräftemangel in den Kitas zu stark“

In Deutschlands U3-Betreuungsplätzen für Kinder fehlen noch immer die pädagogischen Fachkräfte, so eine neue OECD-Studie. Der Personalmangel stresse die Fachkräfte, sagte die Pädagogin Susanne Viernickel, Mitautorin der Studie, dazu im Dlf. Es gelte, den Beruf gesellschaftlich aufzuwerten.

Susanne Viernickel im Gespräch mit Stephanie Gebert

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Kleine bunte Gummistiefel in der gut gefüllten Garderobe in der Kindertagesstätte - Die Hirtenkinder - der Medizinischen Hochschule Hannover.  (imago / Bernhard Classen)
Volles Haus: Knapp zwei Drittel der Leitungskräfte in Betreuungseinrichtungen klagen, dass die Arbeit unter dem Personalmangel leide (imago / Bernhard Classen)
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Die OECD (Organisation für wirtschaftliche Zusammenarbeit und Entwicklung) hat in einer Studie die Arbeitsbedingungen, Zufriedenheit und das Selbstverständnis des pädagogischen Betreuungspersonals in U3-Betreuungsplätzen für Kinder untersucht – in Deutschland, Dänemark, Norwegen und Israel. Laut der Studie hat sich die Zahl der betreuten Unter-Dreijährigen in Deutschland mehr als verdoppelt. Der Bedarf sei aber noch höher, berichteten die Leiter Betreuungseinrichtungen. Außerdem klagen von den Leitern knapp zwei Drittel, dass die Arbeit unter dem Personalmangel leide.

Susanne Viernickel ist Professorin für Pädagogik der frühen Kindheit an der Universität Leipzig und hat an der Studie mitgearbeitet. Mit ihr sprach der Deutschlandfunk über die Ergebnisse der Studie.

Stephanie Gebert: Ist das große Problem weiterhin der große Fachkräftemangel?

Susanne Viernickel: Was die Studie aussagt, ist eindeutig, dass es nach wie vor eine der größten Baustellen ist. Die Personaldecke ist zu dünn, das sagen sowohl die Fachkräfte – die sind dadurch sehr gestresst –, und auch die Leitungen sagen, dass sie nicht effektiv leiten können, weil Mitarbeiter nicht anwesend sein oder generell zu wenig pädagogische Fachkräfte vorhanden sind. Das liegt zum einen daran, dass wir nach wie vor die Stellen nicht in ausreichender Menge haben – das Stichwort Personalschlüssel –, und es liegt aber auch daran, dass wir die Fachkräfte, die wir gerne in den Krippen sehen würden, zurzeit nicht bekommen, dass der Fachkräftemangel zu stark ist.

"Bis vor Kurzem relativ unattraktive Ausbildungssituationen"

Gebert: Und das liegt daran, dass dieser Beruf nicht als attraktiv gilt bei den Schulabgängerinnen und -abgängern?

Viernickel: Das wurde in der Studie nicht ganz genau erfragt, allerdings weiß man, dass die gesellschaftliche Wertschätzung des Berufes in Deutschland zumindest aus der Sicht der Fachkräfte geringer ist als in den drei anderen Ländern, die einbezogen worden waren. Und wir hatten bis vor Kurzem eine relativ unattraktive Ausbildungssituationen, wo die jungen Menschen noch Geld mitbringen mussten, um diesen Beruf ergreifen zu können. Daran ändert sich gerade etwas – eine der Strategien des Familienministeriums.

Unter dem Motto "Unsere Kinder sind es wert" demonstrieren Kita-Erzieher und Eltern für bessere Bedingungen in Kitas und Horten. (picture alliance / Bernd Wüstneck) (picture alliance / Bernd Wüstneck)Bildungsforscher: - Kita-Beschäftigte "fühlen sich wenig wertgeschätzt"
Gut qualifiziert, aber schlecht bezahlt: Nur rund ein Viertel der befragten Kita-Fachkräfte in Deutschland sei mit dem eigenen Gehalt zufrieden, sagte der Leiter einer internationalen OECD-Vergleichsstudie, Arno Engel.

Gebert: Wäre denn die Akademisierung dieses Berufes eine Chance, wie sehen Sie das?

Viernickel: Die Akademisierung dieses Berufes wäre eine sehr große Chance, das wird ja auch seit 15 Jahren nun mittlerweile angeboten – natürlich immer noch mit einer relativ geringen Durchdringung, weil die Plätze an den Universitäten und Hochschulen fehlen. Aber das wäre eine starke Möglichkeit, den Beruf gesellschaftlich aufzuwerten und natürlich auf der anderen Seite auch die Qualität innerhalb der Kindertageseinrichtungen noch mal zu verbessern, weiterzuentwickeln.

Gebert: Jetzt sagen Kritiker aber gerade, diese Akademisierung birgt die Gefahr, dass wir den Praxisbezug nicht mehr so sehr haben, also dass die Leute in der Ausbildung zu wenig mit Kindern tatsächlich und mit denen, mit denen sie später zu tun haben, in Berührung kommen.

Viernickel: Die Ausbildungen sind so, wie ich sie kenne, darauf ausgelegt, mindestens zwei Praktika zu integrieren – die umfassen immerhin 800 Stunden. Ich gebe Ihnen aber recht, dass immer, wenn man anfängt, in einen neuen Beruf zu gehen – und das ist jetzt auch in der Kita nicht anders und bei den Kindheitspädagogen –, gibt es natürlich in der Praxis noch mal komplexere Situationen, die dann erst im Feld wirklich auch erlebt und bearbeitet werden können.

"In Israel und Nowegen Wertschätzung deutlich höher"

Gebert: Ist denn die Wertschätzung in den anderen Ländern durchaus besser, also so eine Erzieherin in Norwegen oder Israel hat durchaus ein höheres Ansehen in der Gesellschaft?

Die Frühpädagogik-Professorin Susanne Viernickel auf einem Foto vom 04.06.2013. (picture alliance / Alice Salomon Hochschule)Kinderbetreuerinnen und -betreuer in Deutschland würden eine geringe Wertschätzung ihrer Arbeit wahrnehmen, so Susanne Viernickel (picture alliance / Alice Salomon Hochschule)

Viernickel: Das sehen die Fachkräfte selber so. Hier ging es ja wirklich um die Stimme der Fachkräfte, und die haben ganz eindeutig ausgedrückt, wenn man sich jetzt die Zahlen ansieht, dass in Israel und Norwegen die Wertschätzung deutlich höher ist, der Gesellschaft im Allgemeinen, als in Deutschland. Jetzt kann man sich fragen – und das haben wir uns natürlich auch gefragt –, woran liegt das denn eigentlich. Hier ist es dann so, dass man mit so einer quantitativen Befragung etwas an Grenzen stößt. Die Gründe dürften sicher vielfältig sein. Vielleicht haben sie etwas mit der generellen Wertschätzung von Bildung und Bildungsinstitutionen beziehungsweise Lehrkräften generell zu tun, vielleicht aber auch mit den Arbeitsbedingungen, die in Norwegen zum Beispiel deutlich besser sind, und mit der Bezahlung. Darüber vermittelt sich ja auch Wertschätzung.

Gebert: Was wäre dann in den Arbeitsbedingungen, welche Stellschrauben ließen sich denn da noch drehen?

Viernickel: Personal, Personal, Personal.

Gebert: Okay, dann sind wir wieder am Anfang unseres Gesprächs.

Viernickel: Ja.

Positiv: "hohes, generelles Qualifikationsniveau"

Gebert: Zum Schluss wüsste ich aber ganz gerne noch von Ihnen, wenn Sie sagen, wir stehen in Deutschland so im Vergleich mit den anderen drei Ländern gar nicht so schlecht da: Wo können die anderen denn bei uns sich was abschauen, wo ist Deutschland Vorreiter in Sachen frühkindliche Pädagogik?

Viernickel: Wir haben wirklich ein relativ hohes generelles Qualifikationsniveau in der Breite, auch die Assistenzkräfte haben bei uns in aller Regel eine Erzieherinnen- oder Erzieherausbildung, das ist in anderen Ländern gar nicht so, da ist das wesentlich niedriger. Wir haben auch ein gewissermaßen egalitäres System: Die Erst- und Zweitkräfte haben eine vergleichbar gute Ausbildung, das haben wir allerdings nicht in der Kindertagespflege. Hier muss eben weiter investiert werden, und es sollten auf keinen Fall Standards abgesenkt werden. Wir haben auch viele fachliche Inhalte in der Ausbildung gut verankert. Es gibt trotz dieser geringer wahrgenommenen Wertschätzung eine sehr hohe generelle Berufszufriedenheit, also eine sehr hohe Identifikation der Fachkräfte mit ihrem Beruf, und sie bescheinigen sich auch selbst ein gutes Fähigkeitskonzept, das heißt, sie sagen von sich selber, die pädagogische professionelle Arbeit mit den Kindern, die Interaktionen mit den Kindern, die Angebote, die wir machen, die sind sehr gut.

Äußerungen unserer Gesprächspartner geben deren eigene Auffassungen wieder. Der Deutschlandfunk macht sich Äußerungen seiner Gesprächspartner in Interviews und Diskussionen nicht zu eigen.

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