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StartseiteMarkt und MedienArbeiten am Fernsehen der Zukunft19.07.2014

Neue Show-FormateArbeiten am Fernsehen der Zukunft

Eine junge Kölner Produktionsfirma mischt die deutsche Fernsehlandschaft auf. Bekannt wurde die "BildundTon-Fabrik" mit dem Anarcho-Talk "Roche und Böhmermann". Zuletzt sorgten die jungen Medienmacher mit dem "NeoMagazin" für Aufsehen. Möglicherweise entstehen hier Wegmarken für die Zukunft des Fernsehens.

Von Laura Gitschier

William Cohn als Ansager bei Roche & Böhmermann (Bild und Ton Fabrik)
William Cohn als Ansager bei Roche & Böhmermann (Bild und Ton Fabrik)
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Ein knappes Jahr lang war diese Melodie zu hören im deutschen Fernsehen, zu Beginn der Talkshow "Roche & Böhmermann" – im Nischensender ZDF Kultur, mit Mini-Quote, aber trotzdem großer Resonanz. Dafür verantwortlich: eine junge Kölner Produktionsfirma, bildundtonfabrik, kurz btf. Philipp Käßbohrer, 30 Jahre alt, ist einer der beiden Geschäftsführer der Firma.

"Als wir den Piloten von R&B gemacht haben, 2011, das war für uns eigentlich ein Projekt, wie wenn wir einen Kurzfilm gemacht hätten. Wir hatten relativ wenig Geld zur Verfügung, also haben wir alles in einen Topf geschmissen. Und als es dann wirklich hieß, wir gehen in 'ne Serie, war das tatsächlich für uns auch das erste Mal der Moment, zu denken, "okay, krass, dann müssen wir das tatsächlich öfter machen als nur einmal" und dann müssen wir das ganze wiederholen und dann wuchs erst so langsam dieser Gedanke, dass man da jetzt eigentlich auch ne echte Firma sein muss für."

Und diese Firma bescherte dem ZDF mal eben so eine der umjubeltsten Sendungen der letzten Jahre, mit Fernsehpreis und Grimme-Nominierung. Dabei widersetzen sich die jungen Produzenten den Mechanismen des Fernsehens: Käßbohrer, sein Kollege Matthias Schulz und ihr Team machen sich keine großen Gedanken über Marktlücken oder Quoten. Sie machen einfach Sendungen, die sie selbst gerne sehen würden.

"Tatsächlich haben wir damals so überhaupt gar kein Fernsehen geschaut. Es ist ganz ungelogen so, dass ich erst im Zusammenhang mit der Arbeit an R&B das allererste mal eine Talkshow von Markus Lanz gesehen habe und einfach bis dahin mich das überhaupt nicht interessiert hat."

Diese Arglosigkeit ist dann auch so ein bisschen ihr Geheimnis. Dazu kommt: Der Bildundtonfabrik gelingt es, alte Sehgewohnheiten und neue Netzaktivitäten zu verknüpfen – und so zeigt sie, ganz nebenbei, wie das Fernsehen der Zukunft für ihre Generation aussieht. Besonders eng arbeiten sie mit Moderator Jan Böhmermann zusammen.

"Es ist auch nicht so, dass wir dann dran sitzen und uns strategisch überlegen, was könnten wir tun um. - sondern wir denken immer noch ein bisschen so: Es wäre doch mega cool, wenn ..."

Die Ideen der über 20 jungen Kreativen, darunter einige Studenten der Kölner Kunsthochschule für Medien, entstehen in einem Hinterhof in Köln-Ehrenfeld. Hier rattern die Computer, Papierschnipsel flattern herum, auf großen Tafeln stehen Sendepläne: Trotz vermeintlich studentischer Atmosphäre geht es hier diszipliniert zu. Denn die btf macht nicht nur Fernsehen, sie dreht auch Kurzfilme und produziert Musikvideos. Bei einer solch hohen Taktung braucht es neben Kreativität, eben auch Disziplin – und Arbeit.

Roche und Böhmermann endete trotz der vielen Lobhudeleien recht abrupt. Doch für die btf war der Weg geebnet. Es folgte die Latenight-Sendung NeoMagazin. Im Herbst geht die Show in die dritte Staffel. Auch diese Sendung lebt von ihrer Unerschrockenheit.

Nicht jeder Gag sitzt. Immer noch macht es aber Spaß, Böhmermann und seinem btf-Orchester zuzusehen. Ob Hipster, Nerd oder Medienmann - alle werden sie hier auf die Schippe genommen. Allerdings lag der Marktanteil des Neomagazins in der letzten Staffel nur bei 0,4 Prozent – was die TV-Quoten anging. Im Netz regnete es dagegen hohe Klickzahlen. In der ZDF-Mediathek rangierte die Show oftmals weit oben. Und mit einer 90er-Jahre-Hymne landeten die Jungproduzenten einen großen Internet-Hit.

Über 500 000 mal wurde das Video angeklickt – aber den endgültigen Durchbruch für die Bildundtonfabrik brachte auch das nicht. Bislang sind die Kölner Kreativlinge, wie auch ihr Moderator Jan Böhmermann, vor allem in den Spartenkanälen herumgedümpelt.

"Ich glaube, wir wissen um die Vorteile der Nische. Wir wissen auch um die Faszination Hauptprogramm. Dass wir natürlich gerne viele Leute erreichen."

So langsam hat sich aber rumgesprochen, dass die Programmacher die jungen Wilden aus Köln nicht fürchten müssen – im Gegenteil. Der WDR hat bereits zugeschlagen. Er lässt die Produzenten derzeit eine Ensemble-Comedysendung mit frischen Gesichtern produzieren. Ende Juli ist es soweit – dann wird sich zeigen, ob sich die btf auch in anderen Zuschauerfeldern so gut zurechtfindet wie bislang.

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