Freitag, 30. September 2022

Archiv

Neue Show von René Sydow
Politisches Kabarett und wortgewandte Kalauer

René Sydow ist Kabarettist - und zwar so erfolgreich, dass sein erstes Solo-Programm "Gedanken! Los!" mit elf Preisen ausgezeichnet wurde. Nun ist er zurück und präsentierte im Stuttgarter Renitenztheater sein Folgewerk: "Warnung vor dem Munde" - eine rasante Bühnenshow.

Von Helga Spannhake | 18.04.2016

    Leider liegt für dieses Bild keine Bildbeschreibung vor
    "Seine starke Stimme erlaubt es ihm, ein hohes Tempo vorzulegen": der Kabarettist René Sydow (agentur neidig)
    "Und dann sitzt der Kabarettist hinter der Bühne und fragt sich, was ist denn heute alles so passiert. Gut, in den Talkshows wird darüber diskutiert, was Satire alles darf und was nicht. Und unterdessen sind drei Tierarten ausgerottet worden, 70.000 Hektar Regenwald wurden vernichtet, 100.000 Menschen sind verhungert. Und dann denkt er sich, das kann man ja nicht so stehen lassen. Da muss man ja irgendwas sagen, irgendwas tun."
    "Er ist einer der Kabarettisten in den letzten Jahren, die mir einfach nicht mehr aus den Gedächtnis gingen. Er hat eine Haltung, er ist ein Wortakrobat. Er ist auch ein Schauspieler, wie er mit der der Sprache umgeht, das hat mich fasziniert." Politisches Kabarett – für Sebastian Weingarten, Stuttgarter Renitenztheater-Chef, eine langjährige Tradition.
    Vorbild Dieter Hildebrandt
    "Wir wollen ja immer mehr, mehr. Gut, wir könnten auch verzichten, aber verzichten, da schreit doch die deutsche Volksseele auf. Was verzichten auf meine Currywurst, meinen Hackbraten, meine Maultaschen, nein."
    René Sydow nennt als sein Vorbild Dieter Hildebrandt, aber zum Kabarett kam er eher auf Umwegen:
    "Ich hab als freier Schauspieler angefangen, war dann plötzlich mal am Staatstheater Stuttgart. Dann Film studieren, festzustellen, Film ist wohl eine sehr einseitige Liebe – zumindest der deutsche Film und ich - und dann festzustellen: Okay, ich probiere jetzt mal Romane, Lyrik, Poetry Slam. Und irgendwann landete ich auf einer Kabarettbühne, und die Leute fanden es gut. Und dann kristallisierte sich heraus: Okay, das ist es wohl."
    "Aber bitte, verzichten geht ja auch nicht. Das würden ja ganze Branchen zusammenbrechen. Die Werbebranche zum Beispiel. Werbeleute, kennen sie? Keinen Beruf gelernt, aber viel Gel im Haar. Emo ergo sum – ich kaufe, also bin ich - und das einzige, wovon wir am Ende tatsächlich mehr haben, ist Müll."
    Dem Kabarettfan kommt dieser Programmbeginn allerdings bekannt vor – aus der SWR-Satiresendung "Spätschicht". Denn René Sydows Programm besteht aus einer Mischung von Einzeltexten...
    "... die man für eine Fernsehsendung, für eine Mixed-Show, für irgendwelche Auftritte schreibt. Die verändert man solange, bis man selber damit zufrieden ist und bis das Publikum natürlich zufrieden ist. Und dann gibt es immer wirklich Texte, die erst entstehen für das Programm. Und das Schwierigste ist immer, wenn man Einzeltexte hat, irgendwie einen roten Faden ... dass es nicht ganz so zerklüftet ist. Also, bei mir ist es schon sehr sprunghaft, das ist auch ein bisschen Konzept, aber ich versuche es in einen Guss irgendwie zu führen."
    "Warnung vor dem Munde" ist ein kurzweiliges Programm mit einem weit ausholenden Themenspektrum: vom sogenannten Islamischen Staat bis zur AfD und den stärker werdenden Rechtsradikalen, von der Flüchtlingskrise und lügenden Politikern bis hin zu Lifestyle-Themen wie Schönheits-OPs, Essgewohnheiten und dem Älterwerden. Ernsthaftes politisches Kabarett gemixt mit wortgewandten Kalauern:
    "Ich könnte jetzt noch etwas über Hunde sagen, aber ich und Hunde, da prallen Welpen aufeinander. Aber was wir jetzt denn noch? Ist ja gleich Pause... ah! Wir könnten jetzt noch zusammen eine Runde drehen – aber wo kriegen wir jetzt eine dicke Frau her?"
    "So schrecklich alles ist, wir dürfen den Humor nicht verlieren"
    "Ich glaube, das muss man machen. Also, wenn ich jetzt wirklich nur die ganz harten Klopper aufsage, dann gehen die Leute ganz elend raus. Also: Man muss trotzdem darüber lachen. Also, was ich auch sage, man muss weiterlachen. Wir müssen einfach irgendwie unseren Humor behalten, ich glaube, das ist immer so das Zentrum, dass man sagt: So schrecklich das alles ist, was ich da erzähle, wir dürfen den Humor nicht verlieren, sonst verlieren wir die Hoffnung."
    Gesamtkunstwerk René Sydow: Er beherrscht sein Metier, überzeugt inhaltlich, besitzt eine starke Bühnenpräsenz. Und seine Stimme ist so beredt wie ausdrucksstark, was ihm erlaubt, ein Tempo vorzulegen, dass man als Zuhörer genau hinhören muss:
    "Es gibt Politiker, die erfinden Tatsachen, die sie dann für die Wahrheit halten. Aber die Politiker lügen nicht. Ja, okay, Angela Merkel hat gelogen, als sie sagte, sie hätte den Amerikanern ein No-Spy-Abkommen abgerungen, aber Frau Merkel leidet schon seit Jahren unter Schwindelanfällen."
    Ein Programm als intellektuelle Melange der Gegensätze, aber stets dem Denken verpflichtet, denn Denken ist für ihn:
    "Ja, enorm wichtig, ich verdiene damit mein Geld: Denken und Schreiben, und manchmal tut es echt weh – beides."
    "Einen Reim zu finden, das macht richtig Spaß"
    So ereilen ihn seine sinnigen Wortschöpfungen auch schon mal, während er an einer Ampel steht:
    "Zeitunglesen, Analysieren und so, das ist ja nicht der Spaß. Das ist so das Handwerk, und Spaß macht es, über Sprache nachzudenken und eine Doppeldeutigkeit herauszusehen, einen Reim zu finden. Das macht richtig Spaß."
    "Unlängst wurde ich aus der Kirche rausgeworfen, weil ich immer die Sätze des Pfarrers zu Ende gesprochen habe. Liebe Brüder und Schwestern, denket daran: Einer trage des Anderen Last. Rief ich: 'Insofern er ein Sherpa ist.' Und denket daran: In der Kirche geht Inzucht mitnichten. 'Und Neffen rief ich, und Neffen.'"
    Die Premiere gestern Abend war ein voller Erfolg, und auch dem Stuttgarter Renitenztheater bleibt er nun noch länger verbunden, denn Sebastian Weingarten hat ihn erneut engagiert:
    "Weil: Das war immer ein großer Wunsch von mir, einen Kabarettisten zu finden, der ein Stück schreibt für unser Haus, weil: Wir machen ja auch Eigenproduktionen. Er schreibt jetzt mit einem Kollegen ein kabarettistisches Stück und das wird am 8. Dezember hier Premiere haben."