Neue Streaming-PlattformBach from home

Die drei großen Bachfestivals in Ostdeutschland starten ein gemeinsames Projekt: Auf einer Online-Plattform streamen sie Konzerte von historischen Bachorten. Das Vorhaben hat gute Chancen, sich auch in der Zeit nach der Pandemie zu bewähren.

Von Claus Fischer | 24.05.2021

Auszug aus einer idealisierten Illustration, auf der Bach mit Perücke am Cembalo spielend zu sehen ist.
Die Konzerte auf der Plattform werden aus Bachs Heimat- und Wirkungsorten gestreamt. (imago images / United Archives)
Das Bachfest Leipzig, die Thüringer Bachwochen und die Bachfesttage in Köthen – bis zum November 2019 gab es zwischen ihnen offiziell keine Verbindung. Damals richteten die drei Intendanten erstmals eine gemeinsame Online-Präsentation aus, bei der sie ihre künstlerischen Konzepte und Programme vorstellten und auch Kooperationen ankündigten. Christoph Drescher, Intendant der Thüringer Bachwochen, bringt auf den Punkt, was die drei Festivals verbindet.

Musik an authentischen Bach-Orten

"Unser Alleinstellungsmerkmal der historischen Bach-Orte, an denen wir unsere Konzerte präsentieren. Das ist nicht für alle Menschen möglich, diese Konzerte live vor Ort zu besuchen, vielleicht aus Zeitgründen, aus Distancegründen, auch aus Gründen des Klimaschutzes. Und deshalb haben wir immer wieder diskutiert: Welche Lösungen können wir finden, damit man es trotzdem erleben kann, wie es ist, Bach dort zu hören, wo er als Organist oder als Kantor oder als Hofmusikdirektor gewirkt hat."
Die Corona-Pandemie hat zwar vieles erst einmal ausgebremst. Aber die Idee, gemeinsam Musik an den authentischen Bach-Orten weltweit im Netz zu präsentieren, gewann durch sie Auftrieb. Die Nachfrage, stellt der Intendant des Bachfestes Leipzig, Michael Maul, fest, ist tatsächlich riesig.
"Wenn es eine Community gibt, die in der klassischen Musik funktioniert, dann ist es die Bach-Community!"
Marktplatz Eisenach mit Georgenkirche und Georgenbrunnen
In der Georgenkirche in Eisenach wurde Johann Sebastian Bach getauft. (imago/INSADCO)
Dass diese weltweite Familie nun im wahrsten Wortsinn weiter vernetzt wird, scheint logisch. Und auch, betont Initiator Christoph Drescher, dass die authentischen Orte dafür sozusagen den roten Faden bilden.
"Ich erinnere mich sehr lebendig an ein Konzert in der Eisenacher Georgenkirche – am Taufstein Johann Sebastian Bachs – vor zwei Jahren, als wir das letzte Mal die Thüringer Bachwochen live veranstaltet haben und mir der Dirigent nach dem Konzert sagte: Es war für ihn fast unmöglich, das Konzert zu Ende zu führen, weil es ihn so bewegt hat, an diesem Taufstein zu sein. Was für ein Glück wir haben, dass dieses kleine Baby überhaupt überlebt hat in der damaligen Zeit!"
Musiker in einem Saal des Schlosses in Köthen.
Die Geigerin Isabelle Faust trat im Köthener Schloss auf. (Deutschlandradio / Claus Fischer)
Köthener Bachfesttage 2020 Trotz Corona-Pandemie konnten die Köthener Bachfesttage im vergangenen Jahr stattfinden. Die Veranstalter hatten dafür Konzepte für sichere Konzert-Aufführungen entwickelt, die großes Potenzial für die Zukunft haben – und trotz Abstandsregeln viel Nähe herstellten.
Damit solche Erlebnisse jetzt weltweit möglich werden, hat man eine digitale Infrastruktur geschaffen, die – betont der Intendant der Köthener Bachfesttage Folkert Uhde – nicht nur eingleisig funktioniert.
"Es ist eine unglaubliche Chance, sich mit Menschen zu verabreden, die auf verschiedenen Erdteilen wohnen, die gleichzeitig ein Konzert gemeinsam anschauen können, gemeinsam sich austauschen können, kommentieren können live während des Konzerts. Also wir haben da völlig neue Möglichkeiten, die wir alle, glaube ich, gemeinsam gelernt haben in dieser Notsituation der Pandemie, aber die weit über diese Notsituation hinausweisen!"

Konzert vor dem Cranach-Altar

Die ersten Konzerte unter dem Label "Bachfromhome" werden in den nächsten Wochen gestreamt. Das allererste, am kommenden Donnerstag, wird ein Kantatenprogramm aus Weimar sein mit dem Tenor Christoph Prégardien und dem französischen Barockensemble Le Concert Lorrain. Dabei, so Christoph Drescher, hat man die Gelegenheit…
"…die Stadtkirche St. Peter und Paul zu erleben mit dem unglaublich beeindruckenden Cranach-Altar hinter dem Ensemble, mit dem Taufstein, an dem Bach seine Kinder getauft hat, unter anderem Carl Philipp Emanuel und Wilhelm Friedemann. Das sind für uns manchmal fast zu alltägliche Schätze, die aber natürlich trotzdem gar nicht hoch genug zu würdigen sind!"
Ein Mann in blauem Anzug lacht in die Kamera.
Dr. Michael Maul ist Intendant des Bachfestes Leipzig. (Bach-Archiv / Gert Mothes)
Ab dem 11. Juni kann man auf der Plattform die Konzerte der Notausgabe des Bachfestes Leipzig verfolgen. Statt der ursprünglich geplanten rund 100 gibt es zwölf Konzerte. Sie waren als Höhepunkt des Festivals gedacht und stehen, so Intendant Michael Maul, unter dem Motto "Bachs Messias".
"Die Lebensgeschichte von Jesus von Nazareth in 33 Bach-Kantaten, den drei Oratorien und der Matthäuspassion, das wird ein toller Zyklus!"
Beteiligt an "Bachs Messias" sind unter anderem der Thomanerchor, das Amsterdamer Barockorchester unter Ton Koopman, das Collegium 1704 aus Prag und die Gaechinger Cantorey. Die meisten Konzerte werden aus der Leipziger Thomaskirche kommen. Wichtig, so der Initiator der Plattform Christoph Drescher, ist, dass die Konzerte für die Internetnutzer nicht kostenlos sind.

Ticketkauf als Bekenntnis zu Bach

"Kunst ist nicht umsonst, Künstlerinnen und Künstler verdienen ein Honorar, egal, ob wir ihnen online oder offline lauschen! Und deswegen haben wir entschieden, dass diese Konzerte 14 Euro kosten, in aller Regel. B+A+C+H ist 14, insofern ist es ein Bekenntnis zu Bach, wenn Sie ein Ticket für eines der Konzerte erwerben"
Für diesen Betrag bekommt man nicht nur die Musik, sondern auch einen Mehrwert.
"Üblicherweise ist es so, dass wir eine halbe Stunde vor Konzertbeginn online gehen, sodass Sie auf jeden Fall auch sicher sind, dass Sie keine technischen Tücken zu befürchten haben. Und dann werden wir auch ein kleines Vorprogramm in aller Regel haben mit Interviews mit den Künstlern, kurzen Informationen zum Veranstaltungsort..."
Eine Skulptur von Johan Sebastian Bach steht in der Leipziger Nikolaikirche.
Die Nikolaikirche in Leipzig war eine wichtige Wirkungsstätte von Johann Sebastian Bach. (imago images / Stefan Noebel-Heise)
Das Live-Angebot von "Bachfromhome" wird ergänzt durch eine Mediathek, die in Zukunft stetig erweitert werden soll. Hier findet man auch kostenlose Konzerte der drei Festivals, zum Beispiel ein Programm mit Musik, die Bach zuhause in der Familie aufgeführt hat. Zu erleben in der Leipziger Nikolaikirche sind dabei der Bass Klaus Mertens und Ton Koopman am Cembalo.

Neue Ideen für Plattform

Die Bachfesttage im sachsen-anhaltischen Köthen finden in diesem Jahr turnusgemäß nicht statt, die nächste Saison wird 2022 über die Bühne gehen. Intendant Folkert Uhde hat aber bereits jetzt schon Ideen für die neue Streamingplattform.
"Wir machen eine ganze Woche lang jeden Morgen um neun, zusammen mit dem Musikjournalisten Bernhard Schrammek eine kleine Talkshow, sozusagen einen kleinen Salon. Wir werden sehr viele Künstlerinnen und Künstler vor Ort haben, die die ganze Woche da sind, das heißt, wir werden mit denen sprechen, woran sie gerade arbeiten, wie es ihnen heute geht, wie es dem Instrument geht – das ist ja immer vom Wetter abhängig – was auch immer!"

"Potenzial für die Bach-Region"

Die Köthener Bachfesttage sind gemessen am Etat und der Zahl der Veranstaltungen das kleinerste der drei großen mitteldeutschen Bachfestivals. Umso wichtiger ist Intendant Folkert Uhde, auf der neuen Plattform präsent zu sein.
"Das ist eine riesige Chance kleiner Orte wie Köthen oder Arnstadt, auch den Reiz dieser Orte darzustellen."
Hier wäre zu ergänzen, dass es neben den großen Drei noch einige weitere kleinere Bachfestivals in Ostdeutschland gibt, zum Beispiel in Arnstadt und Eisenach in Thüringen oder an der Dresdner Frauenkirche. Es wäre sicher sinnvoll, auch sie langfristig in die Plattform mit einzubinden, da von ihrer Seite gelegentlich Befürchtungen laut werden, die Großen wollten sie schlucken. Auf jeden Fall bietet das jetzt aufgesetzte Streaming-Portal noch viel Potenzial für die Bach-Region in Ostdeutschland.