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StartseiteCorsoPsychologin: "Narzissmus der kleinen Differenzen"27.09.2017

Neue Studie zur KörpermodifikationPsychologin: "Narzissmus der kleinen Differenzen"

Nasenring und Tribal sind längst gesellschaftsfähig und ein Massenphänomen. Dass der Trend sogar zunimmt, zeigt eine aktuelle Studie der Universität Leipzig. Psychologin Ada Borkenhagen hat die Studie mit initiiert. Menschen stellten sich heute mehr über den Körper als Kleidung dar, sagte sie im Dlf.

Ada Borkenhagen im Corsogespräch mit Juliane Reil

Ein Tätowierer bei der Arbeit. (picture-alliance / ZB / Arno Burgi)
Hier wird Farbe unter die Haut gebracht. (picture-alliance / ZB / Arno Burgi)
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Juliane Reil: Tätowierungen und Piercings – ursprünglich hat man das mit Matrosen und zwielichtigen Gestalten aus dem Rotlichtmilieu verbunden. Heute sind Nasenring und Tribal längst gesellschaftsfähig und ein Massenphänomen geworden. Wie schwer Tätowierungen und Piercings nach wie vor im Trend liegen, zeigt eine aktuelle Studie der Universität Leipzig. Ada Borkenhagen ist Psychologin und hat die Studie mit initiiert. Willkommen zum Corso-Gespräch, Frau Borkenhagen.

Ada Borkenhagen: Ja, vielen Dank.

Reil: Laut Ihrer Studie ist jeder fünfte Deutsche tätowiert. Dabei können sich vor allem Frauen für diesen Körperschmuck begeistern. Rund die Hälfte aller Frauen zwischen 25 und 34 Jahren sind tätowiert, konnte ich da nachlesen, 19 Prozent mehr als im Jahr 2009. Wie erklären Sie sich diesen Anstieg?

Borkenhagen: Ja. Zunächst kann man sagen, dass dieser Anstieg sicherlich ein Hinweis darauf ist, dass Körpermodifikationen und vor allen Dingen Tätowierungen weiter im Trend liegen und auch noch zunehmen, und das es vor allen Dingen auch für Frauen eine besondere Attraktion hat, sich tätowieren zu lassen.

Die Psychologin und Psychoanalytikerin Ada Borkenhagen. (picture alliance / dpa / Horst Galuschka)Die Psychologin und Psychoanalytikerin Ada Borkenhagen. (picture alliance / dpa / Horst Galuschka)

Reil: Warum glauben Sie das, dass das eine besondere Attraktion für Frauen ist?

Borkenhagen: Ich denke,  dass es zu einer legitimen und sehr akzeptierten Form des weiblichen Körperschmucks geworden ist, also der Form, den Körper auch schmücken zu können. Und die Selbstästhetisierung ist ja immer noch etwas, was stärker von Frauen in Anspruch genommen wird in unserer Kultur, als von Männern.

"Die Art der Tattoos hat sich geändert"

Reil: Das zeigt Ihre Studie ja auch, dass die Frauen da den Männern weit voraus sind. Also mehr Frauen lassen sich tätowieren, so dass man denkt, eigentlich, ja, das ist wirklich zum weiblichen Phänomen wird, was es ja zu Beginn der Geschichte von Tätowierungen, wenn man eben zurückschaut, Matrosen, Seefahrt et cetera nicht gewesen ist.

Borkenhagen: Ich denke, das hat auch etwas damit zu tun, dass sich innerhalb dieser Tätowierungsszene so etwas wie eine Kultur herausgebildet hat. Das heißt, wir haben ja auch eine Mode, die Art der Tattoos hat sich verändert. Heutzutage sind nicht mehr so stark Tribals In, sondern mehr Motiv-Tattoos, und es hat sich so eine ganze Mode entwickelt und ich denke, die Tattoos sind auch künstlerischer. Das ist etwas, was Sie zum einen in der Szene beobachten können. Wenn Sie mal Tattoostudios befragen, dann ist ganz deutlich, dass bestimmte Motive wirklich Out sind. Das berühmte 'Arschgeweih' ist sozusagen, was in den 90er Jahren ganz stark in Mode war, ist heute kaum noch gefragt.

Reil: Also Ursprünglich hat man sich ja tätowieren lassen - oder ich könnte es mir zumindest vorstellen, dass es eine Motivation ist - um stärker zu betonen, dass man individuell unterwegs ist. Aber mittlerweile ist es eine Massenbewegung. Heißt das, dass das individuelle Moment eigentlich obsolet geworden ist?

Borkenhagen: Das würde ich nicht sagen, sondern ein individuelles Tattoo eignet sich immer noch dazu, auch die eigene Individualität auszudrücken und zu unterstreichen. Ich denke, es geht hier mehr um den kleinen Unterschied sozusagen, den Narzissmus der kleinen Differenzen, was für ein Motiv ich mir auf die Haut aufbringen lasse.

"Die Modifikation des Körpers ist wichtiger geworden"

Reil: Passt dieser Narzissmus gut in unsere Zeit?

Borkenhagen: Würde ich sagen. Der Körper und die Modifikation des Körpers ist heutzutage wichtiger geworden. Überhaupt das Aussehen des Körpers ist bedeutender dafür, wie ich mich als Individuum fühle und wie ich mich als Individuum darstelle. Das tue ich heute sehr viel stärker über meinen Körper und das Aussehen meines Körpers, als in früherer Zeit durch bestimmte Kleidung oder einen bestimmten Habitus. Wir konnten gut sehen, dass die jungen Frauen sich ja stark tätowieren lassen, also das wirklich ein Modetrend für die geworden ist.

Reil: Aber das ist interessant, weil die Modetrends sind ja wirklich auch so ein Bäumchen wechsel dich. Das Schönheitsideal wechselt ständig, ein Schönheitsideal ist ja eigentlich auch die makellose Haut. Wie erklären Sie sich so einen aktuellen Trend - den ich für mich ausgemacht habe - dass es eigentlich zum großflächigen Tattoo hingeht.

Borkenhagen: Sie sagen ganz zurecht, wir haben sehr wohl als übergeordneten Trend die makellose Haut. Das heißt aber nicht, dass ich mir kein Tattoo machen lassen kann. Denn das Tattoo ist ja etwas gewolltes und die Makellosigkeit der Haut bezieht sich vor allen Dingen auf ungewollte Makel, zum Beispiel so was wie Falten oder Narben, die wirklich nicht gewollt sind, also keine Schmucknarben sind.

Reil: Das Tattoo hat ja schon längst den Bereich des Privaten im Prinzip verlassen, rein ins Museum und auch Kunstsammler interessieren sich für Tätowierungen. Es gibt ja diesen einen Fall dieses Schweizer Mannes, der seinen Rücken hat tätowieren lassen und den dann an einen Kunstsammler verkauft hat. Heißt das, dass das Tattoo jetzt wirklich gesellschaftsfähig ist?

Borkenhagen: Ich denke, es ist für breitere Bevölkerungsschichten wirklich gesellschaftsfähig.

Reil: Die Psychologin Ada Borkenhagen von der Universität Leipzig. Danke Ihnen.

Borkenhagen: Bitte.

Äußerungen unserer Gesprächspartner geben deren eigene Auffassungen wieder. Der Deutschlandfunk macht sich Äußerungen seiner Gesprächspartner in Interviews und Diskussionen nicht zu eigen.

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