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StartseiteForschung aktuellStimulation von Zunge und Ohren hilft gegen Ohrgeräusche08.10.2020

Neue Therapie für TinnitusStimulation von Zunge und Ohren hilft gegen Ohrgeräusche

Über 300 000 Menschen erkranken in Deutschland jedes Jahr an einem Tinnitus. Sie nehmen quälende Geräusche wahr, die nur in ihrem Kopf existieren - und müssen mühsam lernen, sie zu ignorieren. Ein neuartiges Gerät, das an der Uni Regensburg getestet wurde, verspricht jetzt rasche Linderung.

Prof. Berthold Langguth im Gespräch mit Uli Blumenthal

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Uli Blumenthal: Tinnitus ist eine Störung der Hörfunktion, bei der Betroffene Geräusche wahrnehmen, die nicht auf ein äußeres Schallereignis zurückgehen: das berüchtigte Klingeln im Ohr. Das nervige Geräusch wird durch aktive Neuronen im Gehirn verursacht, obwohl objektiv kein Geräusch von außen vorhanden ist. Die Erkrankung tritt bei 10 bis 20 Prozent der Bevölkerung auf, so schätzen Fachleute. Das Fachmagazin Science Translational Medicine berichtet heute über eine Studie, bei der die Wirksamkeit eines nicht-invasives Stimulationsgerät bei der Behandlung von Tinnitus untersucht worden ist. Beteiligt an der Studie war Prof. Dr. Berthold Langguth, Klinik für Psychiatrie und Psychotherapie der Universität Regensburg, Leiter des Tinnituszentrums. Ich habe ihn zunächst gefragt: Worum handelt es sich bei diesem nicht-invasiven Stimulationsgerät und wie funktioniert es?

Berthold Langguth: Es handelt sich um ein Gerät, mit dem gleichzeitig Töne dargeboten werden und eine etwas ungewöhnliche Form der Behandlung, nämlich eine Elektrostimulation der Zunge. Das ist sehr neuartig, und die Idee ist, dass man damit diese Gehirnaktivität, die dem Tinnitus zugrunde liegt, so beeinflussen kann, dass der Tinnitus geringer wird, dass die Tinnitusbelastung geringer wird. Die Idee für diese ungewöhnliche Behandlung resultiert daraus, dass wir wissen, dass der Tinnitus in den allermeisten Fällen eine Folge der Hörstörung ist – also Menschen entwickeln eine Hörstörung, zum Beispiel eine altersbedingte Schwerhörigkeit. In der Folge ist es so, dass das Gehirn weniger Informationen vom Ohr bekommt, das Ohr ist nicht mehr in der Lage, zum Beispiel die hohen Töne wahrzunehmen und dem Gehirn weiterzuleiten.

Das Gehirn kompensiert fehlende Informationen

Das Gehirn versucht das auszugleichen, und so entsteht dieses Tinnitusgeräusch. Jetzt wissen wir aber, dass diese Zentren im Gehirn, in denen Töne wahrgenommen werden, nicht nur vom Ohr mit Informationen versorgt werdem, sondern da gibt es auch Informationen aus anderen Sinnesmodalitäten. Da weiß man eben, dass von dem Nerv, der das Gesicht versorgt, der die Zunge versorgt, ganz viele Nervenfasern auch zu dem Zentrum im Gehirn führen, wo die Hörwahrnehmung stattfindet. So war jetzt die Idee, dass man bei Menschen mit Tinnitus über diese Elektrostimulation der Zunge zusätzlich das Hörzentrum des Gehirns mit Informationen füttert und auf diese Weise die Tinnitusentstehung im Gehirn etwas runterreguliert wird.

Blumenthal: Wie muss ich mir das konkret vorstellen? Ich habe einen Kopfhörer auf und ich habe irgendetwas, was an meiner Zunge anliegt und elektrische Impulse ausstrahlt? Sieht so dieses nicht-invasive Simulationsgerät aus?

Langguth: Das ist genau richtig. Es ist tatsächlich ein Gerät, was so ein bisschen aussieht wie eine Zahnbürste, aber statt der Borsten sind da kleine Kontakte und das wird auf die Zunge gelegt. Das ist verbunden mit einem Kabel und dem Stimulationsgerät, das schaut aus wie so ein Handy, und von dort aus ist einerseits der Kopfhörer angeschlossen, wo eben Töne dargeboten werden, und dieses Elektrostimulationsgerät im Mund.

Blumenthal: Und wie muss ich mir die Therapie dann konkret vorstellen? Ist die auf einen bestimmten Zeitraum begrenzt oder dauerhaft?

Langguth: Im Rahmen dieser Studie erfolgte die Behandlung über zwölf Wochen täglich. Die Betroffenen waren angehalten, täglich eine Stunde lang diese Anwendung durchzuführen, eben diese Töne zu hören und dieses Gerät im Mund zu haben- und das eben über zwölf Wochen.

Tinnitus-Symptome wurden deutlich gelindert

Das sehr eindrucksvolle Ergebnis war, dass es eben nach zwölf Wochen eine deutliche Besserung des Tinnitus gab und dass diese Besserung auch über einen relativ langen Beobachtungszeitraum von einem Jahr angehalten hat.

Blumenthal: Was wird dadurch reduziert, durch diese Anwendung der Therapie? Es heißt in dem Paper, was Sie veröffentlicht haben: Es gibt eine erhebliche Reduzierung der Tinnitussymptome. Was muss man sich da vorstellen?

Langguth: Das ist jetzt gar nicht so einfach zu beantworten, weil es nicht einfach ist, den Tinnitus zu messen. Der Tinnitus ist die subjektive Wahrnehmung eines Geräusches, was aber gar nicht da ist. Also man kann eigentlich über den Tinnitus nur Auskunft bekommen von den Betroffenen, indem man die Betroffenen befragt. Da kann man sie jetzt auf verschiedene Weise befragen. Man kann zum Beispiel die Betroffenen darum bitten, dass sie die Lautstärke des Tinnitus auf einer Skala beurteilen, also von null bis zehn. Oder man kann Betroffene befragen, wie unangenehm der Tinnitus ist. So was kann man mit entsprechenden Fragebögen erfassen. Und solche Fragebögen wurden auch bei dieser Studie verwendet und da zeigt sich eben eine deutliche Verminderung dieser Fragebogenwerte.

Blumenthal: Sie haben gesagt, Tinnitus ist eine subjektive Erfahrung. Anders formuliert: Tinnitus ist nicht gleich Tinnitus. Gegen welchen Tinnitus hilft diese Behandlungsmethode?

Langguth: Das ist ein ganz wichtiger Punkt, dass es viele verschiedene Formen von Tinnitus gibt. Es gibt ja viele Menschen, die zum Beispiel dieses Ohrgeräusch hören und dadurch wenig belastet sind, sich leicht davon ablenken können. Andere Menschen wiederum sind durch dieses Ohrgeräusch massiv belastet. Dann gibt es große Unterschiede in der Art des Tones, der beschrieben wird: Ist es ein hoher Ton, ist es ein tiefer Ton, ist es ein Brummen, ist es ein hohes Pfeifen? Da gibt es tatsächlich sehr viele Unterschiede, und wir gehen auch davon aus, dass für unterschiedliche Tinnitusformen unterschiedliche Therapien besonders wirksam sind. 

Nicht alle Patienten profitieren gleichermaßen

Was man jetzt hier in dieser Studie gezeigt hat, war, dass Menschen, die zusätzlich zu dem Tinnitus auch eine Geräuschüberempfindlichkeit haben, in besonderer Weise von der Behandlung profitiert haben. Wir haben auch andere Dinge betrachtet: Ob zum Beispiel das Ausmaß der Hörstörungen eine Rolle spielt, ob das Alter eine Rolle spielt. Da zeigte sich aber kein Zusammenhang.

Blumenthal: Wie dauerhaft ist die Wirkung dieser nicht-invasiven Therapie?

Langguth: In dieser Studie wurden die Patienten über einen Zeitraum von einem Jahr nachbeobachtet. Und da war es tatsächlich so, dass die Wirkung über ein Jahr lang praktisch relativ stabilerweise nachweisbar war. Möglicherweise besteht es auch länger, aber das wissen wir einfach noch nicht. Wobei natürlich sich auch die Frage stellt, ob es nicht sinnvoll ist, noch länger als zwölf Wochen zu behandeln. In dieser Studie wurde mal zwölf Wochen behandelt, aber wir haben inzwischen weitere Studien durchgeführt, wo sich tatsächlich auch Hinweise dafür zeigen, dass es sinnvoll ist, dann auch noch weiterzubehandeln - eventuell auch mit etwas veränderten Tönen und etwas veränderter Form der Elektrostimulation.

Blumenthal: Kann man bei dieser Therapieform auch von möglichen Nebenwirkungen sprechen? Welche haben Sie in der Studie registriert?

Langguth: Jede Therapie hat natürlich mögliche Nebenwirkungen. Was man erwähnen muss, ist, dass zwar ein großer Teil der Patienten eine Besserung des Tinnitus verspürt hat, aber nicht alle. Es gab auch vorübergehend manchmal eine Zunahme des Tinnitus, das hatte sich aber dann in nahezu allen Fällen auch wieder gebessert, aber das wurde von den Patienten immer wieder mal berichtet. Es wurden auch von manchen Patienten Beschwerden an der Mundschleimhaut berichtet, dass es da zu einer Reizung der Mundschleimhaut gekommen war durch diese Elektrostimulation. Das war aber auch nur bei wenigen Betroffenen der Fall.

Äußerungen unserer Gesprächspartner geben deren eigene Auffassungen wieder. Der Deutschlandfunk macht sich Äußerungen seiner Gesprächspartner in Interviews und Diskussionen nicht zu eigen.

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