Samstag, 04. Dezember 2021

Neue Vizechefin des US-WissenschaftsgremiumsWissen über die soziale Macht der Algorithmen

Alondra Nelson hat als Soziologin die Forschung zur Mensch-Computer-Interaktion maßgeblich bereichert. Als neue Vize-Chefin des US-Amtes für Wissenschafts- und Technik-Politik rückt sie die Macht der Algorithmen in den Blickpunkt - und ihre verinnerlichte Sozialstruktur, die viele Gruppen vernachlässigt.

Von Thomas Reintjes | 11.03.2021

16. Januar 2021, Wilmington, Delaware, USA: Dr. Alondra Nelson am Rednerpult nach ihrer Nominierung durch Joe Biden (Screenshot der TV-Übertragung)
Alondra Nelson bei ihrer Nominierung als Vizechefin des "Office of Science and Technology Policy" OSTP (imago / MediaPunch)
Joe Biden ist angetreten, um die US-amerikanische Gesellschaft zu vereinen. Alondra Nelson passt daher gut in sein Beraterteam, glaubt der Historiker Keith Wailoo von der Princeton University. Er hat mit ihr zusammen ein Buch herausgebracht, an dem viele verschiedene Autoren und Autorinnen beteiligt waren.
"Aus unserer wunderbaren Zusammenarbeit weiß ich, dass Alondra eine tolle Zuhörerin ist. Sie hat die außergewöhnliche Fähigkeit, verschiedene Sichtweisen anzuhören und die Menschen zusammen zu bringen. Zusammenarbeit funktioniert am besten, wenn Menschen einander zuhören, und das kann sie unzweifelhaft."
Das Zuhören hat Alondra Nelson offenbar als Kind gelernt. Sie wuchs in den 1970er-Jahren im Süden Kaliforniens auf, nicht weit von der mexikanischen Grenze. Die Mutter arbeitete in einer US-Bundesbehörde, der Vater bei der Navy.
"Schon als ich ein kleines Mädchen war, wurde klar, dass ich die Familiengeschichte bewahren würde. Wenn Onkel und Tanten zu Besuch waren, wollte ich immer so lange wie möglich dabei sein, um die Geschichten zu hören und aufzuschreiben."

Mit Gentests auf der Suche nach den eigenen Wurzeln

Ein Ausschnitt aus der Sendung "All Things Considered", des National Public Radio in den USA. Das Auseinandersetzen mit der eigenen Geschichte ließ Alondra Nelson offenbar nicht mehr los. Ab Anfang der 2000er-Jahre untersuchte sie, wie Menschen mit den zu dieser Zeit erstmals frei erhältlichen Gentests versuchten, mehr über ihre Herkunft zu erfahren. Insbesondere bei Afroamerikaner*innen sind diese Tests beliebt.
"Als ich mit dieser Forschung angefangen habe, habe ich mich ehrlich gesagt gefragt, warum man überhaupt einen Gentest machen sollte. Ich bin eine afroamerikanische Frau. Ich war mir immer ziemlich sicher, dass ich aus Afrika stamme. Aber dann merkte ich, dass viele Menschen, egal ob 25 oder 65 Jahre alt, ihr ganzes Leben damit verbracht hatten, herauszufinden, wo in Afrika ihre Vorfahren herkamen."
In den USA berufen sich viele Menschen auf ihre Herkunft. Meist heißt das: auf ihre europäische Herkunft. Auch wenn die Familie seit Generationen in Amerika lebt, ist es nichts Ungewöhnliches zu sagen: Ich bin Ire. Oder: Ich bin Deutscher. Doch der Sklavenhandel hat viele Afroamerikaner ihrer Geschichte beraubt. Auch Alondra Nelson hat letztlich erst durch einen Gentest erfahren, dass einige ihrer Vorfahren wohl einem Volk in Kamerun angehörten. Keith Wailoo:
"Wenn wir den Einfluss von Wissenschaft auf die Gesellschaft untersuchen, dann wird oft auf die Unternehmen geschaut, die aus Forschungsergebnissen kommerzielle Produkte machen. Das interessante an Alondras Arbeit ist, dass sie sich für die Auswirkungen auf die Anwender interessiert. In einer ungleichen Gesellschaft haben Menschen unterschiedliche Einstellungen zu Innovationen und deshalb wirken sich diese Innovationen unterschiedlich etwa auf die Gesundheit von Menschen aus."

Wissenschaft ist nur vermeintlich "objektiv"

Keith Wailoo will darauf hinaus, dass sich verschiedene Bevölkerungsgruppen aus verschiedenen Gründen etwa für oder gegen einen Test entscheiden können. Das kann ein Gentest sein, trifft aber genauso etwa auf einen Covid-19-Test zu. Oder eine Impfung. Schon heute zeigt sich, dass die Impfquote etwa unter Afroamerikaner*innen geringer ist als unter weißen Amerikaner*innen. Alondra Nelsons Expertise liegt genau an dieser Schnittstelle zwischen moderner Technologie und gesellschaftlichen Befindlichkeiten. Ali Alkhatib von der University of San Francisco:
"Wissenschaft wurde lange immer als objektiv betrachtet, als total neutrale Sichtweise. Jemand zu haben, der die sozialen, historischen und kulturellen Aspekte von Wissenschaft und Technik kennt, wird uns helfen, viel besser zu verstehen, was zu einer ungleichen Verteilung von Impfungen führt oder auch wie unterschiedlich der Schutz der Privatsphäre Menschen betrifft."
Ali Alkhatib kennt Alondra Nelson zwar nicht persönlich, aber er beruft sich auf ihre Arbeiten, wenn er die Auswirkungen von Künstlicher Intelligenz auf die Gesellschaft untersucht. Mit ihrer Forschung habe Alondra Nelson ihm das nötige Vokabular gegeben, um diese Probleme zu beschreiben:
"Sie hat die Informatik, die Forschung zur Mensch-Maschine-Kommunikation so bereichert, ich wüsste nicht, wo wir ohne sie wären."
Auf einem Notebook-Monitor ist eine Demonstration des biometrischen "FACES"- (Face Analysis Comparison and Examination) Systems zu sehen. Pinellas County Sheriff Office, Largo, Florida, USA
Subjektiver Input, fataler Output: Biometrie-Algorithmen verwechseln Gesichter von Schwarzen häufiger als die von Weißen. (imago / Zuma Wire / Douglas Clifford)

Auch Algorithmen können soziale Machtstrukturen abbilden

In ihrer Antrittsrede als stellvertretende Leiterin von Bidens Wissenschaftsgremium "Office of Science and Technology Policy" – übertragen unter anderem im US-Sender C-Span - wählte Alondra Nelson ebenfalls ein Beispiel aus der Computerwissenschaft und Künstlichen Intelligenz, um einen Ausblick darauf zu geben, was von ihr zu erwarten ist:
"Wenn wir Algorithmen Input geben, treffen wir als Menschen Entscheidungen. Entscheidungen, die unsere Sozialstruktur in sich tragen. Deswegen ist es wichtig, welche Menschen diese Entscheidungen treffen. Und wen sie im Sinn haben, wenn sie das tun. Deshalb habe ich in meiner Karriere immer versucht, die Perspektive der Menschen und sozialen Gruppen zu verstehen, die normalerweise nicht mit am Tisch sitzen, wenn diese Inputs gemacht werden. Die dann aber trotzdem mit den Outputs leben müssen. Als schwarze Forscherin ist mir überaus bewusst, wessen Plätze am Tisch leer sind. Es ist unsere Verantwortung dafür zu sorgen, dass unsere Wissenschaft und Technik uns alle als Gemeinschaft widerspiegelt."
Wohl durch Zufall geht Alondra Nelson besonders gut vorbereitet an die neue Aufgabe. Sie schreibt seit einiger Zeit an einem Buch über Ethik in der Wissenschaftspolitik des Weißen Hauses während der Obama-Ära.