Samstag, 24.08.2019
 
Seit 22:05 Uhr Atelier neuer Musik
StartseiteEssay und Diskurs"Jüdisches Leben ist auch immer prekär"16.06.2019

Neuer Antisemitismus (1/6)"Jüdisches Leben ist auch immer prekär"

Woher kommt Antisemitismus - und wie sollen wir darüber reden? Es gehe darum, offen zu diskutieren, sagt der Schriftsteller Doron Rabinovici, Mitherausgeber der Essaysammlung "Neuer Antisemitismus?". Er beschreibt grundlegende Zusammenhänge und Hürden in der Antisemitismusdebatte.

Doron Rabinovici im Gespräch mit Barbara Schäfer

Hören Sie unsere Beiträge in der Dlf Audiothek
Aufgenommen am 04.08.2009. Das Denkmal von Rachel Whitereads von 1999 soll an die Ermordung der 65.000 österreichischen Juden durch die Nationalsozialisten erinnern. Es soll die Auslöschung des "Volkes des Buches" symbolisieren. (picture alliance / dpa / Beate Schleep)
Das Holocaust-Denkmal von Rachel Whitereads auf dem Judenplatz in Wien (picture alliance / dpa / Beate Schleep)
Mehr zum Thema

Reihe: Neuer Antisemitismus? Befund, Analyse, Verstehen

Antisemitismus tritt in vielen Ländern verstärkt auf und das wirft zahlreiche Fragen auf. Die komplizierte Debatte zum Antisemitismus beginnt schon bei einer Definition desselben. In einer sechsteiligen multiperspektivischen Annäherung unter dem Titel "Neuer Antisemitismus? Befund, Analyse, Verstehen" versucht Essay und Diskurs, die Positionen einzuordnen.

Teil 1: Gespräch mit dem Schriftsteller und Historiker Doron Rabinovici in Wien. Der 1961 in Israel geborene Wiener Autor und zeitkritische Historiker veröffentlichte sein Prosadebut "Papirnik: Stories" 1994 im Suhrkamp Verlag. Seitdem sind zahlreiche Romane und Essays von ihm erschienen, deren Protagonisten immer wieder das Jüdischsein in Europa thematisieren. 2000 erschien "Instanzen der Ohnmacht", Rabinovicis Studie über die Arbeit des Wiener Judenrats von 1938 bis 1945.


Barbara Schäfer: Herr Rabinovici, gemeinsam mit dem in Israel lebenden Soziologen Natan Sznaider und mit dem Suhrkamp Lektor Christian Heilbronn haben Sie das Standardwerk "Neuer Antisemitismus?" aus dem Jahr 2004 in diesem Jahr neu herausgegeben.

Das Buch beschreibt die globale Debatte um den Gegenwarts-Antisemitismus in 18 Texten, besser, es versucht, die globale  Ausbreitung von Antisemitismus zu begreifen. Angesichts der Tatsache, dass Antisemitismus heute als globales Problem in seiner Existenz unbestreitbar ist, zunächst an Sie die Frage: Warum gibt es ein Fragezeichen hinter dem Begriff Neuer Antisemitismus im Titel des Buches?

Doron Rabinovici: Der Grund ist 2004 nicht derselbe wie 2019. 2004 gab es ja auch schon Antisemitismus und auch einen neuen Antisemitismus, aber der Begriff war noch höchst umstritten. Nicht, dass das jetzt nicht auch noch durchaus diskutiert wird, aber das ist an den Rand geraten. Die Frage, ob es überhaupt einen neuen Antisemitismus gibt, ob der so neu ist, ob dahinter sich nicht vielleicht doch etwas anderes verbirgt, das war 2004, würde ich sagen, die Hauptstoßrichtung der Debatte, wohingegen heute sich die Frage verschoben und gleichzeitig verschärft hat in die Richtung, was darunter zu verstehen ist. Und das geht so weit, dass einzelne Proponenten und Proponentinnen dieser Diskussion mehr oder weniger einander gegenseitig vorwerfen und unterstellen, Apologeten dieses Antisemitismus zu sein, also wir können sehr unterschiedlich darüber diskutieren.

Die Diskussion ist nicht leichter geworden. Und die Frage, warum dieser Antisemitismus überhaupt so hochkocht, was eigentlich hinter ihm steckt, wie wir darüber diskutieren sollen, wie wir sehen sollen, dass er eigentlich nicht nur, auch, aber nicht nur eine Aggression ist gegen die jüdischen Gemeinden und zwar auch eine mörderische Aggression gegen die jüdischen Gemeinden, sondern gleichzeitig auch ein Anzeichen für die Krise der liberalen Demokratie, in der wir stecken, das alles zu diskutieren brauchte es das Fragezeichen.

"Es gibt tatsächlich ein neues Antisemitismusproblem"

Schäfer: In Berlin gibt es eine Initiative für ein Volksbegehren, das darauf abzielt, Wohnen als ein Menschenrecht zu verankern und Wohnraum im Besitz von großen Wohnungsunternehmen zu vergesellschaften. Am 6. April 2019 äußerte der regierende Berliner Bürgermeister Michael Müller, der die Initiative ablehnt, laut dem "Tagesspiegel": "Ist die Initiative erfolgreich, werden jüdische Eigentümer in Deutschland möglicherweise zum zweiten Mal enteignet." Noch ein Beispiel, wenige Tage später, am 10. April 2019, titelte die "Frankfurter Rundschau Online" zum Wahlsieg Benjamin Netanjahus in Israel: "Der ewige Netanjahu" und wurde daraufhin sofort im Netz schwer angegriffen, die "FR" änderte den Titel umgehend in "Der unersetzliche Netanjahu" und entschuldigte sich für seine Geschichtsvergessenheit. Zwei ganz alltägliche Beispiele aus Deutschland 2019. Hat Deutschland ein neues Antisemitismusproblem?

Rabinovici: Es gibt tatsächlich ein neues Antisemitismusproblem, aber die zwei Beispiele zeigen etwas anderes, Grundsätzlicheres, und zwar – Dan Diner weist darauf hin in seinem Text: Nach der Schoah, nach der Massenvernichtung ist das Thema, die Beschäftigung mit dem Jüdischen, mit dem Antisemitismus ist dieses Thema nicht unschuldig. Das ist so wie nach einem Nuklearschlag, alles ist radioaktiv affiziert. Und man kann das nicht angreifen, als wäre das eine Materie, die nicht, ja, hochexplosiv ist einerseits und vergiftet. Das heißt, wer sich damit beschäftigt und vielleicht "Der ewige Netanjahu" schreibt, unter Umständen, weil er sich denkt, das ist eben ein Staatsmann, der jetzt schon so lange im Amt ist, der ist selbstvergessen, weil er nicht sieht, was er noch alles dabei aufrührt. Und deswegen hat sich die "Frankfurter Rundschau" danach entschuldigt und entschuldigen müssen. Das ist die eine Seite.

Die andere Frage war: Kocht gerade etwas auf? Ja, das tut es. Und wir sehen, dass in einer Gesellschaft, in der es dazugehört, dass politische Gruppierungen gegen Spracheinhegungen, gegen Hasseinhegungen die ganze Zeit revoltieren, dagegen verstoßen, dass ein rassistischer Populismus umhergeht, dass es andererseits auch tatsächlich islamistische Bewegungen gibt, alles, was auf die identitäre Politik hinzielt, dass da auch der Antisemitismus neu an Kraft gewinnt. Man sieht das auch natürlich im Netz, ja, wir haben ein Problem mit dem neuen Antisemitismus, keine Frage. Die Frage ist, woher kommt er, wie sollen wir darüber reden?

"Das ist letztlich der Hass gegen unsere eigene offene Gesellschaft"

Schäfer: Und worauf legt der Band in seiner Vielfalt in den 18 Textbeiträgen Wert, damit Ressentiments, Vorurteile, Gefühle, aber auch politische Instrumentalisierungen eingeordnet werden können? An wen richtet sich das Buch?

Rabinovici: Nun, zunächst einmal muss man sagen, wir beginnen unseren Textbeitrag, also den Beitrag von Natan Sznaider und von mir, beginnen wir mit einem witzigen Sprichwort oder Witzwort aus den USA, zugeschrieben Isaiah Berlin: "Antisemitismus bedeutet, die Juden mehr als absolut notwendig zu hassen." Das heißt, wir haben es hier zu tun mit eigentlich einem, ja, mit einem Konsens in weiten Teilen der Gesellschaft. Ich erinnere daran, dass Donald Trump vor AIPAC, der Lobby für Israel, aufgetreten ist im Wahlkampf und gesagt hat, Sie sind noch keinem Mann begegnet, der weniger antisemitisch ist als ich. Das heißt, es gibt so eine Art Grundlevel, von dem wir schon ausgehen durften. Das ist einmal das eine.

Das andere ist, es geht darum, offen darüber zu diskutieren, was das bedeutet in unserer Zeit, in unserer Gesellschaft, in einer Zeit, in der wir davon ausgehen, in einer globalisierten Ära, in einer multikulturellen, offenen Gesellschaft, dass jeder sich selber auch immer ein anderer ist. Das ist doch so eine Parole unserer Zeit, nicht wahr? Was bedeutet es da, den Hass gegen den anderen, gegen den sprichwörtlichen anderen, gegen den Juden, der ja immer der andere war im Abendland, wenn das wieder hochkocht? Das ist ja letztlich der Hass gegen unsere eigene offene Gesellschaft, gegen diese Moderne, gegen das Universelle und das Partikuläre unserer Zeit, des modernen Menschen. Und das zu diskutieren, das versuchen die Beiträge aus verschiedensten Richtungen. Sie diskutieren ja nicht nur das deutsche Phänomen, das gerade angesprochen worden ist, sondern sie diskutieren genauso auch die Situation in Ungarn, die Situation andererseits in England mit Labour, andererseits wiederum in Frankreich mit den verschiedenen Formen von Antisemitismus, denen wir entgegentreten müssen, wie zum Beispiel aufseiten der Muslime einerseits, auf der anderen Seite der Rechtspopulisten, dann, nachdem das Buch erschienen ist, im Zusammenhang mit den Gelbwesten, in Polen. Es ist ein wirklich vielseitiges Phänomen, das uns überall in unterschiedlicher Art und Weise entgegentritt und das auch Attentate zeigt. Es finden ja Attentate statt an Bethäusern, in Bethäusern. Ich erinnere an Pittsburgh, ich erinnere aber auch an das, was in Sri Lanka passiert ist oder in Christchurch.

Letztlich diskutieren wir über ein Phänomen, das uns zu Recht beschäftigen muss. Und es geht beim Antisemitismus um eine Weltverschwörungstheorie, es geht nicht einfach nur um einen Rassismus, sondern es geht ja in einer Zeit, in der es wirklich schwerfällt, zu begreifen, wie die Welt, wie die Gesellschaft, wie unsere Zivilisation funktioniert oder, besser gesagt, wie sie teilweise nicht funktioniert, dass es ganz einfache Erklärungsmuster gibt, nämlich, "die" sind schuld. Und dieses Bild, die sind schuld, und wenn die nicht da wären, dann wäre diese Welt endlich heil, das ist das Gefährliche des Antisemitismus. Es gibt ja wirklich Bewegungen, es gibt Regime auf dieser Welt, die mehr oder weniger sagen, dass, wenn es die Juden nicht gäbe, wenn es den Juden nicht gibt, dann wäre alles wieder gut.

"Wir hatten jahrelang ein Vermeiden des Hinschauens auf den Antisemitismus unter Muslimen und Musliminnen"

Schäfer: Ein hoher Anteil der Texte widmet sich dem Antisemitismus in europäischen Ländern, sie haben es eben gesagt, ganz unterschiedliche antisemitische Stimmungen und radikale Auswirkungen von Antisemitismus gibt es beispielsweise in Ungarn, Polen, England Frankreich,  Deutschland, Österreich, die meisten dieser Länder denen ist ein eigenes  Kapitel gewidmet -  schlimm genug -  welche Entwicklung nimmt das Ihrer Einschätzung nach? Gibt es denn auch im Gegenwartseuropa dokumentierte Vorkommen, wo Angriffe auf jüdisches Leben mit politischer Unterstützung geschehen oder rechnen können?

Rabinovici: Schauen Sie, wir haben jetzt hier in Österreich eine Studie gehabt, bestellt vom Nationalratspräsidenten, die einerseits einging auf die antisemitischen Vorurteile in der Mehrheitsbevölkerung und dann noch zwei Aufstockungsgruppen hatte, nämlich einerseits die Türkischsprachigen in den Blick nahm und andererseits arabischsprachige Menschen in Österreich. Und bei der Frage etwa, ob ohne Israel es Frieden gäbe im Nahen Osten, gab es viel mehr Zuspruch zu dieser Idee bei arabischsprachigen Menschen und türkischsprachigen Menschen, ein bisschen weniger, aber immer noch mehr als bei der österreichischen Gesamtbevölkerung. Das ist natürlich schlimm, weil es ein Unsinn ist natürlich, ohne Israel gäbe es sehr viele Konflikte noch weiterhin im Nahen Osten, aber es ist ganz klar, dass, wenn wir uns das anschauen, im Kontext, gibt es auch Gründe, warum es unter den Arabischsprachigen bei dieser Frage eine andere Antwort gibt, wir müssen uns immer den Kontext natürlich anschauen, wann welche Antwort gegeben wird. Und wenn ich zum Beispiel während des Deutsch-Französischen Krieges gefragt hätte in Frankreich, ob ohne Deutsche dieser Deutsch-Französische Krieg früher zu Ende wäre, dann wäre die Frage natürlich klar auf eine Art und Weise beantwortet worden. Und trotzdem schwingt da etwas mit, nämlich der Antisemitismus, sowohl bei der österreichischen Mehrheitsbevölkerung als auch bei der arabischsprachigen österreichischen Bevölkerung als auch bei der türkischsprachigen österreichischen Bevölkerung.

Aber das Interessante ist, dass es im Jahr 2012 ungefähr 40.000 arabischsprachige Menschen in Österreich gab, und es wird nicht wahnsinnig viel mehr heute geben, aber wir haben in Österreich 39 Prozent an Menschen, die sagen, dass die Juden zu viel Einfluss haben in der Wirtschaft. Also was wir bemerken können, ist, das sind immerhin, wenn wir das ausrechnen, 3,5 Millionen Menschen, das heißt, was ich bemerke ist, dass wir über die Phänomene nicht sprechen, sondern sie sehr oft zur Ablenkung verwenden. Was ich damit ausdrücken möchte, ist: Wir hatten jahrelang ein Vermeiden des Hinschauens auf den Antisemitismus unter Muslimen und Musliminnen, und das hatte auch Gründe, die kulturalistisch waren, und jetzt haben wir immer wieder das besondere Starren auf dieses Phänomen, um so zu tun, als wäre der Antisemitismus ein reiner Reimport. Aber was wir nicht haben und worum es ginge, wäre eine politische Auseinandersetzung mit dem Antisemitismus, dort, wo er auftritt, dort, wo er auftritt, ihm klar und deutlich entgegenzutreten, dort, wo er auftritt, ihn zu benennen. Und dafür, glaube ich, sind auch diese Auseinandersetzungen sehr wichtig, um nämlich darzustellen, wo wir ihm begegnen, bevor wir schon wissen, wie wir ihm begegnen sollen.

"Wir müssen immer wieder den Kontext anschauen"

Schäfer: Ja. 2004 und 2019, 15 Jahre liegen ja zwischen den beiden Veröffentlichungen von "Neuer Antisemitismus?" – Herr Rabinovici, in diesen 18 Textbeiträgen gibt es zum Beispiel die Studie von Sina Arnold, die über Antisemitismus in der Migrationsgesellschaft in Deutschland forscht und das Fallbeispiel Deutschland 2015 und die Folgenden vorstellt. Die wenigen empirischen Studien, die sich aber explizit mit den neu hinzugekommenen Mitgliedern der deutschen Gesellschaft beschäftigen, so Sina Arnold, berichten, dass judenfeindliche Einstellungen stark verbreitet sind. Brauchen wir mehr solche Studien, helfen die? Oder kommt es alleine auf eine politische Reaktion an, wenn wir auch darüber nachdenken, inwieweit erstarkende Rechte und rechtspopulistische politische Bewegungen daraus Profit schlagen könnten, dass es diese Migrationsgesellschaft jetzt gibt?

Rabinovici: Ich glaube, dass es sehr sinnvoll ist, wenn wir Studien haben, die uns helfen, das Bewusstsein zu heben. Ich sage, diese Studien sind auch immer eine Frage der Interpretation natürlich. Aber sie helfen uns, um dann zum nächsten Schritt zu kommen, und das ist natürlich die politische Auseinandersetzung damit. Gleichzeitig ist es aber auch zu bemerken, dass antisemitische Erscheinungen in unserer Gesellschaft teilweise verharmlost werden aus politischen Interessen. Und da gilt es, darauf hinzuweisen.

Schäfer: Es ist ja auch eine Frage der Begriffsklärung, eine Begriffsklärung zwischen Antisemitismus, Antisemitismusvorwurf, Rassismus, die müsste ja vielleicht in der Öffentlichkeit noch viel stärker stattfinden.

Rabinovici: Ja, also die Debatte müsste klarer stattfinden und die lässt sich bei Umfragen schwerer erheben, da haben Sie vollkommen recht, und das hat aber damit zu tun: Ich habe da schon einmal hingewiesen, dass es um den Kontext geht. Ich gebe Ihnen ein Beispiel. Als ein Außenminister der tschechischen Regierung 1968 nach dem Prager Frühling zum Verhör geholt wurde von einem stalinistischen Offizier, da sagte der: Geben Sie schon zu, dass Sie ein Zionist sind! Und der Mann sagte, nein, ich bin ja Genosse, so wie du. Ich bin Kommunist. Dann sagt der, nein, nein, nein, nein, nein, du bist Zionist. Dann sagt der, du meinst höchstwahrscheinlich, dass ich jüdischer Abstammung bin? Dann sagte er, nein, wir sind keine Antisemiten, auf keinen Fall, das möchte ich nicht gesagt haben. Da sagt der, doch, doch, ich bin Kommunist, ich bin nur jüdischer Abstammung, so wie es etwa auch Marx war. Da entfuhr es dem stalinistischen Verhöroffizier: Was, der war auch Zionist? Das heißt mit einem Wort, wir haben etwas, was das Gemeinte und das Gesagte nicht in Deckung bringt. Gleichzeitig ist es klar, dass wenn jemand in Gaza jetzt sagt, die Juden nehmen uns das Land weg, dann meint er den nationalen Konflikt. Das heißt, dass wir uns schon anschauen müssen immer wieder, was der Kontext ist.

Und was ich damit ausdrücken möchte, ist: Wir haben einen Diskurs des wechselseitigen Verdachts. Die eine Seite sagt der anderen, ihr kritisiert Israel, aber in Wirklichkeit stecken dahinter antisemitische Motive, und die andere Seite sagt, ihr tut so, als ginge es euch um den Antisemitismus, aber in Wirklichkeit wollt ihr nur jede Kritik an Israel delegitimieren. Beide Seiten haben zuweilen durchaus Recht. Und es gibt jetzt keine einfache Art und Weise, wie man darstellen kann, wo die Grenze überschritten wird. Aber man kann schon sagen, dort, wo die Kritik an Israel an alte antisemitische Stereotype anknüpft, dort, wo der Vergleich gezogen wird zum Nationalsozialismus und gesagt wird, die Juden sind ja auch nicht besser als die Nazis, also in Wirklichkeit eine Entschuldigung der Nazis durchgeführt wird, dort, wo auch die Juden in ihrem Existenzrecht und auch der Staat in seinem Existenzrecht an sich infrage gestellt wird, dort kann man schon hellhörig werden und sagen, da ist eine Grenze überschritten. Und was einem ja auch auffällt, ist die Leidenschaft, mit der diese Diskussion geführt wird, ganz anders, als wenn wir zum Beispiel diskutieren den indischen Hindu-Nationalismus, nicht wahr? Das heißt, es wird uns nicht erspart bleiben, diese Debatte eingehend zu führen und nicht zu sagen, das lässt sich eindeutig festlegen durch einen Lackmustest.

"Man kann nicht davon abstrahieren, dass es Boykottaufrufe gegen Juden in der Geschichte schon gab"

Schäfer: Die Philosophin Judith Butler nimmt in einem für diesen Band neu geschriebenen Text die Taktiken des BDS in Schutz, die Boykott fordern, Investitionsabzug und Sanktionen, nicht nur in wirtschaftlichen und staatlichen israelischen Zusammenhängen, auch gegen Künstler, Sportler oder Wissenschaftler aus Israel. Es seien gewaltfreie Maßnahmen, mit denen die Kritik an der Palästinapolitik des Staates Israel weltweit laut werde und werden könne. Ist die Unterstützung der BDS-Kampagne antisemitisch, was denken Sie?

Rabinovici: Ich glaube, dass die BDS-Kampagne in einem antisemitischen Diskurs agiert. Das glaube ich schon. Ich bin sehr froh, dass Judith Butler diesen Beitrag geschrieben hat und finde trotzdem, dass ihr Argument falsch ist. Es ist essenzialistisch und falsch, und es ist erstaunlich, dass Judith Butler in diese essenzialistische Falle gerät, denn was passiert? Wir versuchen ja, zu überlegen: Wie kann ein Konflikt, ein nationaler Konflikt gelöst werden, wie kann man Verständnis für beide Seiten gewinnen? Es ist ja kein Zufall, dass wir sehen, dass solche einseitigen Stellungnahmen bei anderen nationalen Konflikten nicht so ablaufen. Es ist nicht so, dass man zum Beispiel – und zu Recht – sagt, dass man iranische Künstler, iranische Wissenschaftler, die kritisch sind gegenüber der iranischen Politik, deswegen boykottieren sollte. Da käme niemand auf diese Idee. Dasselbe stimmt auch bei russischen Künstlern, im Gegenteil, man unterstützt diese Leute, oder bei chinesischen Wissenschaftlern, man unterstützt die kritischen Stimmen. Aber bei Israel wird so getan, als ginge es nicht um eine vielseitige Gesellschaft, als wäre das nicht eine Bevölkerung, sondern als wäre das ein Stützpunkt. Und das erinnert sehr stark an die Verschwörungstheorien, die von einer Zentrale ausgehen, die nicht vom Menschen ausgehen. Aber der entscheidende Punkt ist, das agiert ja nicht im luftleeren Raum. Man kann ja nicht davon abstrahieren, dass es eben Boykottaufrufe gegen Juden in der Geschichte schon gab. Und man kann, wenn man so etwas tut, nicht so unschuldig daherkommen, als gäbe es nicht Attentate in den Staaten, in denen wir leben, auch in den USA, gegen jüdische Einrichtungen.

Schäfer: Selbst Judith Butler räumt ein, freilich wäre es verständlich, dass Boykotte gegen Israel in Ländern wie Deutschland große Ängste hervorrufen, erinnerten sie doch an die Jahrhunderte antisemitischer Boykotte dort, soweit immerhin.

Rabinovici: Ich muss dazu sagen, wirklich mit allem Respekt, wirklich, ich gebe zu, dass, während ich argumentiere, dieser Respekt nicht durchscheint, aber mit allem Respekt gegenüber Judith Butler möchte ich schon da zu bedenken geben: Sie schreibt das kurz vor Pittsburgh, aber durchaus in einem Land, und ich schätze die USA und habe sie oft bereist, aber es ist nicht so, dass es keine Boykottmaßnahmen gegen Juden in den USA gab. Die gab es bis in die 50er-Jahre. Also das ist das, was auffällig ist. BDS hat sich noch nie zu diesen antisemitischen, islamistischen, dschihadistischen Attentaten, die wir in Europa hatten, geäußert. Das ist eine eindeutige Einseitigkeit. Insofern würde ich das ganz anders einschätzen.

"Jüdisches Leben ist in der Gegenwart und in der Geschichte auch immer prekär"

Schäfer: Herr Rabinovici, in Ihrem Roman "Die Außerirdischen" entwerfen Sie ein Szenario, in dem sich ein Kontinent wie Europa ins Monströse aufbläht und in seinen Ressentiments und Ängsten kenntlich wird. Die Welt dieses Romans taumelt in den Abgrund. Eine Kritik des Romans erwähnte, Sie schaffen die größte Katastrophendichte in der deutschsprachigen Literatur seit Langem. Das war 2017. Einen Historiker darf man nicht nach der Zukunft des europäischen Kontinents fragen, den in Dystopie geübten Schriftsteller auch nicht, aber den Herausgeber des Dokumentationsbandes "Neuer Antisemitismus?" schon. Da die Autorinnen und Autoren des Bandes wenig Anlass geben zur Entspannung – wie düster schätzen Sie persönlich die Entwicklung des Antisemitismus in unserer Gesellschaft in den nächsten Jahren ein, heißt, wann muss der jetzige Band auch wieder erweitert und überarbeitet werden?

Rabinovici: Sie müssen sich vorstellen, es gibt 15 Millionen Juden auf der Welt und es gibt Hunderte Millionen Menschen, die in Bewegungen umherlaufen mit "Tötet den Juden"-Parolen. Das ist ja eine Tatsache, das ist ja gar keine Frage, das ist ja eine Tatsache. Und wir leben in Europa und relativ dazu, muss man sagen, ist das eine großartige Gesellschaft. Und trotzdem ist es nie so, dass wir das Gefühl haben können, dass die Zivilisation gesichert ist, nicht wahr? Das ist, glaube ich, das, was unsere Diskussion so schwer macht.

Jüdisches Leben ist in der Gegenwart und in der Geschichte sicher auch immer prekär. Das ist nicht eine Sache, die jetzt in Europa allein ist, sondern wie wir sehen, ist das in anderen Erdteilen durchaus auch der Fall. Ich bin Israel sehr stark verbunden, auch schon durch meine Geburt, sehr stark verbunden. Aber wenn ich daran denke, was mich dazu bringen würde, in Israel leben zu wollen, dann ist das doch eher das, was für die israelische Kultur, was für Tel Aviv spricht, und nicht meine Angst. Wenn ich diese Entwicklungen sehe, über die wir jetzt gerade sprechen, dann ist es eher so, dass sie mich trotzig machen und hier auch kämpferisch.

Zugleich aber ist es doch so, dass wir in Europa mit einer viel sichereren Situation zu tun haben als in anderen Erdteilen. Wir haben starke jüdische Gemeinden in den europäischen Ländern, nicht in allen, aber in sehr vielen. Und es ist richtig, darauf hinzuschauen, es ist richtig, aufmerksam zu sein, es ist richtig, zu verstehen, dass das eine Bedrohung auch ist für unsere Integration, für unsere europäische Integration. Aber zugleich möchte ich nicht alles krank reden. Nein, es geht darum, die Gefahr zu erkennen und dagegen aufzutreten. Und in Europa sehe ich die Gefahr, dass politische Gruppierungen, populistische, autoritäre Gestalten gegen Europa Stimmung machen. Aber gleichzeitig ist es ja unglaublich, was seit '45 möglich war, aufzubauen. Und es wird nicht möglich sein, Mauern gegen die Zukunft zu errichten, es wird auch nicht möglich sein, das Mittelmeer gegen die Zukunft zu sperren. Wir müssen einfach uns mit der Zukunft auseinandersetzen. Wird es notwendig sein, einen neuen Band zu machen in ein paar Jahren? Ich nehme sehr stark an, dass die Zeit einfach weitergeht und dass wir nicht sehen, dass Antisemitismus übermorgen überwunden sein wird, leider nein.

Schäfer: Doron Rabinovici, vielen Dank für dieses Gespräch!

Rabinovici: Danke Ihnen!

Äußerungen unserer Gesprächspartner geben deren eigene Auffassungen wieder. Der Deutschlandfunk macht sich Äußerungen seiner Gesprächspartner in Interviews und Diskussionen nicht zu eigen.

Das könnte sie auch interessieren

Entdecken Sie den Deutschlandfunk