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Neuer Feiertag in Berlin
Frauentag als Feiertag weiter umstritten

Die Berliner Bürgermeisterin und Wirtschaftssenatorin, Ramona Pop, sieht den Frauentag als gesetzlichen Feiertag in Berlin als wegweisenden Erfolg. Die Wirtschaft und der katholische Erzbischof in Berlin sind weniger begeistert vom neuen freien Tag.

Von Sebastian Engelbrecht | 08.03.2019

Der Internationale Frauentag am 8. März wird in Berlin erstmals 2019 arbeitsfreier gesetzlicher Feiertag.
In Russland, Turkmenistan, Moldau, Kuba, China und Afghanistan schon lange ein Feiertag - und jetzt auch in Berlin: der Frauentag (imago/Christian Ohde)
"Das ist eine Kampfansage, 8. März ist alle Tage"
Die Frauen, die vor einem Jahr am 8. März für ihre Rechte auf die Straße gingen, ahnten ihren politischen Sieg noch nicht. Erst im Januar beschloss der Berliner Senat, den Internationalen Frauentag zum gesetzlichen Feiertag zu erheben. Berlin hatte als einziges Bundesland nur neun Feiertage im Jahr. In Bayern ruht die Arbeit an 13 Tagen, in Baden-Württemberg an 12. Nun sollte es wenigstens ein Feiertag mehr für die Berliner werden. Welcher – das war umstritten. Der katholische Erzbischof von Berlin, Heiner Koch, wundert sich über das Verfahren.
"Ich hab noch nie erlebt, dass erst feststeht, dass es einen neuen staatlichen Feiertag geben wird und man erst danach überlegt, was man denn an diesem Tag eigentlich feiern oder bedenken will."
In Umfragen lagen andere Tage vorn, nicht der Frauentag. Er wurde schon in der DDR groß vom Staat gefeiert, war aber nicht arbeitsfrei. Bis heute ist er unter anderem in Russland, Turkmenistan, Moldau, Kuba, China und Afghanistan ein Feiertag.
"Dass in Umfragen sich die meisten Berlinerinnen und Berliner für das Reformationsfest oder den 9. November mit seinen so bedeutsamen und für uns alle wichtigen Erinnerungsinhalten als zusätzlichen Feiertag aussprachen, konnte die Regierungsparteien im Abgeordnetenhaus nicht umstimmen. So viel Basisdemokratie scheint wohl doch nicht gefragt, wenn sie gegen das eigene Wählerpotential steht."
Erzbischof Koch gehört zu den Verlierern der Debatte um den neuen Feiertag. Gewonnen haben die Frauen, die am Nachmittag zur Demonstration am "Frauenkampftag" in Berlin-Mitte aufrufen.
"Was machen die da schon wieder in Berlin?"
Die Berliner Bürgermeisterin und Wirtschaftssenatorin, Ramona Pop von den Grünen, sieht die Entscheidung des Senats für den Frauentag im gesamtdeutschen Kontext.
"Wir haben uns, glaube ich, alle ein bisschen beschäftigt in den letzten Wochen und Monaten, warum so oft Berlin auch aus anderen Teilen der Republik angefeindet wird oder so arrogant oder so herablassend oder höhnisch mit der Hauptstadt umgegangen wird. Der Feiertag, als wir den beschlossen haben, war ja auch so ein kleiner Aufschrei in anderen Teilen der Republik: Was machen die da schon wieder in Berlin?"
Ramona Pop meint, Berlin sei "Vorreiter" in vielen Bereichen. Das werde auch an der Einführung des Frauentages deutlich.
"Ich davon überzeugt, dass Berlin, so wie diese Stadt ist und lebt und sich ausdrückt in all ihrer Vielfalt und Weltoffenheit, eine Stadt, in der Frauen in Spitzenpositionen keine Seltenheit sind, von der IHK-Präsidentin bis zu der Chefin eines Nahverkehrsunternehmens, mit einem Senat, der zur Hälfte aus Frauen besteht – ich könnt’s aber auch anders durchdeklinieren, dass das eigentlich die Blaupause für das moderne Deutschland ist."
"Weniger Militär" im Stadtbild, dafür "mehr Frauen"
So wird die Berliner Grünen-Fraktion die Dircksenstraße in Berlin-Mitte heute umbenennen, allerdings nur symbolisch. Die Straße ist nach einem preußischen Eisenbahnplaner benannt uns soll für den 8. März in "Margarete-Poehlmann-Straße" umgetauft werden. Margarete Poehlmann war die erste Frau, die in der Preußischen Landesversammlung eine Rede hielt - nach dem Ersten Weltkrieg.
Die Kreuzberger Grünen betreiben darüber hinaus die Umbenennung von Straßen, die nach preußischen Generälen benannt sind. Sie sollen künftig nicht mehr "Gneisenaustraße", "Yorckstraße" und "Blücherstraße" heißen. "Weniger Militär" im Stadtbild, dafür "mehr Frauen" lautet die Devise, wie eine Sprecherin der Grünen-Fraktion im Abgeordnetenhaus erklärte.
In der Wirtschaft trifft der neue Feiertag kaum auf Begeisterung. Der Chef der Berliner Messe, Christian Göke, äußerte sich skeptisch. Denn am Frauentag läuft eine der größten Berliner Messen, die Internationale Tourismus-Börse.
"Natürlich ist es ein großer Vorteil für uns Messeveranstalter und Kongressveranstalter, wenn zu dem Zeitpunkt unserer Messen auch die gesamte Infrastruktur und das gesamte Angebot der Stadt zugänglich ist für unsere Gäste, und insofern stellt das für uns eine Schwierigkeit dar."
Ebenso kritisch untersuchte die Industrie- und Handelskammer die Kosten für den zusätzlichen arbeitsfreien Tag: Es sind 160 Millionen Euro – 0,3 Prozent des Berliner Bruttosozialprodukts.