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StartseiteDlf-Magazin "Neuer Nürburgring" gescheitert08.12.2011

"Neuer Nürburgring" gescheitert

Geplante Massenentlassungen am Freizeitzentrum

Das Freizeitzentrum am Nürburgring sollte die strukturschwache Eifel wirtschaftlich nach vorne bringen. Jetzt müssen über die Hälfte der Mitarbeiter entlassen werden.

Von Ludger Fittkau

Die Rennstrecke allein sorgt nicht für wirtschaftlichen Aufschwung in der Eifel. (dpa/Thomas Frey)
Die Rennstrecke allein sorgt nicht für wirtschaftlichen Aufschwung in der Eifel. (dpa/Thomas Frey)
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Am "Boulevard" gehen die Lichter aus

"Same weather as Washington – same here."

Weil sie es von zuhause kennen, kommen Andre und Diana Miller aus Seattle im US-Bundesstaat Washington mit dem nass-kalten Dezemberwetter am Nürburgring gut klar. Sie sind vom Rhein hoch an die 600 Meter hoch gelegene Rennstrecke in der Eifel gefahren:

"We just want to drive out to see it – we see it one videogame."

Die Autorennbahn und das Freizeitzentrum begeistern vielleicht im amerikanischen Videospiel – im rauen Eifelwinter funktioniert das vor zwei Jahren als "neuer Nürburgring" gefeierte 300 Millionen-Projekt nicht. Die Besucher, die in Massen angelockt werden sollten, kommen einfach nicht. Heute sind viele Türen geschlossen, stellen auch Andre und Diane Miller enttäuscht fest, die zu den wenigen gehören, die in diesen Tagen noch den Weg zum Ring finden. Als sie erfahren, dass der in der wirtschaftlichen Krise steckt und gerade 140 von 380 Mitarbeitern entlassen werden, sind die beiden überrascht:

"Das ist traurig, dass das jetzt so vereinsamt, sage ich jetzt mal."

Diese Frau, die ihren Namen nicht nennen will, ist eine der wenigen Beschäftigten im Areal des neuen Nürburgrings, die überhaupt mit der Presse redet. Sonst stößt man auf Schweigen - auch bei Mitarbeitern, die möglicherweise von den bevorstehenden Massenentlassungen betroffen sind. Der Betriebsrat am Nürburgring hatte in der Lokalzeitung deswegen Proteste angekündigt. Ein Interview will er jetzt nicht mehr dazu geben. Auch andere sind bei diesem Thema einsilbig:

"Wir wissen von keinen Protestaktionen, aber sie können sich gerne an die Pressestelle wenden, wenn sie Informationen haben wollen."

"Sagen sie doch einfach ihre persönliche Meinung…"

"Ne danke."

"Und sie?"

"Nein."

Julia Klöckner, die CDU-Oppositionsführerin im rheinland-pfälzischen Landtag, macht den Ministerpräsidenten Kurt Beck und seine Landesregierung für die Arbeitslosigkeit verantwortlich, die vielen Nürburgring-Mitarbeitern nun droht.

Dabei sollte der Bau des Freizeitzentrums gerade das Gegenteil bewirken: Auch im Winter, wenn die Rennbahn geschlossen ist, sollten Jobs in der strukturschwachen Eifel entstehen.
Zur Finanzierung versuchte die landeseigene Nürburgring GmbH sogar, über dubiose Finanzberater Geld an internationalen Finanzmärkten zu beschaffen. Das scheiterte, der verantwortliche Finanzminister und Manager am Ring mussten ihren Hut nehmen, die Ermittlungen der Staatsanwaltschaft laufen immer noch.

Um durch diesen Finanzskandal am Nürburgring nicht die nächste Landtagswahl zu verlieren, präsentierte Kurt Beck vor zwei Jahren den jetzigen privaten Betreiber, die Nürburgring Automotive GmbH – kurz NAG - um den Hotelier Jörg Lindner und den Düsseldorfer Geschäftsmann Kai Richter als Retter an der Rennbahn. Die NAG hatte die landeseigene Nürburgring GmbH als Betreiber der Autorennbahn und des Freizeitzentrums abgelöst und die Mitarbeiter des Staatsunternehmens übernommen. Julia Klöckner:

"Ihnen wurde ja versprochen, vom Land, dass, sollte irgendwas passieren, das Land sie immer wieder auffangen wird. Und diese Botschaft jetzt vor Weihnachten, dass der hoch gepriesene Herr Richter, gepriesen von Herrn Beck und Herrn Hering – das der sie jetzt fallen lässt, das ist wirklich ein starkes Stück. Und deswegen erwarte ich jetzt von der Landesregierung, dass sie jetzt hierzu Stellung beziehen und auch eine Perspektive aufzeigen."

Die Regierung sei sich zwar der sozialen Verantwortung für die Mitarbeiter bewusst, sagt der SPD-Politiker Hendrik Hering. Er handelte als Wirtschaftsminister vor zwei Jahren den Vertrag mit dem jetzigen Betreiber Kai Richter und seiner Firma aus. Aber die Entscheidung darüber, was wirtschaftlich sinnvoll ist am Nürburgring oder was nicht, die hätten nun einmal die privaten Betreiber zu treffen. Denn die müssten schließlich die Pacht erwirtschaften, die sie an das Land zu zahlen hätten, so Hendrik Hering, heute Fraktionsvorsitzender der SPD im Mainzer Landtag. Erpressen lassen wolle sich die Regierung vom privaten Betreiber nicht:

"Das sind betriebswirtschaftliche Entscheidungen, die vom Betreiber zu treffen sind. Er muss uns gegenüber seinen Vertrag einhalten."

In einer aktuellen Stunde zur Lage am Nürburgring gestern warfen die Regierungsparteien SPD und Grüne der CDU vor, nur "Krokodilstränen" zu vergießen und keine eigenen Konzepte vorzulegen. Dazu Oppositionsführerin Julia Klöckner:
"Wir haben vorgeschlagen als Oppositionsfraktion einen sogenannten Beirat einzurichten, wir haben aber gesagt, dass das nur mit externem Sachverstand funktionieren wird. (…) Das eben auch Fachleute von außen mit an den Tisch geholt werden, das scheut die Landesregierung, weil sie ja dann kontrolliert wird, welche Gelder sind wo geflossen, welche Verträge sind gemacht worden. Aber nur so geht es – zurück auf Stopp und gemeinsam in die Akten reinschauen".

"Schlimm."

"Und was die jetzt hier gemacht haben, das ist eine Katastrophe."

Walter und Dorothea Eberhardt leben als Rentner im kleinen Ort Nürburg direkt neben der Rennstrecke. Sie haben das Auf und Ab des Nürburgrings seit Jahrzehnten hautnah erlebt. Doch das Scheitern des hoch subventionierten Freizeitzentrums ist für sie das größte Drama, das je hier oben stattgefunden hat. Dorothea Eberhardt:

"Da ist meine Schwiegertochter, die arbeitet oben. Wir haben alle oben gearbeitet. Ich bin ja jahrelang oben putzen gegangen."

Doch trotz aller Möglichkeiten des Zuverdienstes, die das neue Freizeitzentrum am Nürburgring schon in der Bauphase in die strukturschwache Region gebracht hat: Dorothea Eberhardt erinnert daran, dass viele Kenner der Eifel die Politik vor dem Bau des 300 Millionen-Projektes gewarnt haben, für das jetzt der Steuerzahler gerade stehen muss:

"Aber die haben ja nicht gehört auf die Leute, die haben ja immer gesagt, das geht nicht! Hier ist den Winter durch nichts. Da können die machen was sie wollen, dann kommt hier nichts, ja."

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