Mittwoch, 17. August 2022

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Neues Album der Beginner
"Hommage an tolle Musik"

In den 90ern haben die Absoluten Beginner deutsche Hip-Hop-Geschichte geschrieben. 13 Jahre nach dem letzten Album veröffentlichen sie nun als Beginner das Album "Advanced Chemistry". Die selbsternannten "Füchse" Jan Delay alias Eizi Eiz, Denyo und DJ Mad knüpfen inhaltlich an alte Themen an, sind aber hörbar älter geworden.

Von Axel Rahmlow | 27.08.2016

    Die Beginner sind zurück (Denyo, Jan Delay alias Eizi Eiz und DJ Mad)
    Die Beginner sind zurück (Denyo, Jan Delay alias Eizi Eiz und DJ Mad) (David Königsmann)
    Selten hat der erste Song eines Albums so die Grundhaltung einer Platte gespiegelt wie "Ahnma" auf "Advanced Chemistry". Die ersten Worte hat ein Urgestein des deutschen Hip-Hop, der Rapper Torch.
    "Yes. Advanced Chemistry."
    Seine alte Band "Advanced Chemistry" ist Namensgeber für das neue Album der Beginner.
    "Da gab es diesen Song 'Fremd im eigenen Land'. Das war unser Hit."
    Denyo von den Beginnern zitiert diesen Song in einem kurzen Halbsatz und bringt Torchs Frage aus den frühen 90ern in die Gegenwart: Wie lebt es sich als Migrantenkind in Deutschland?
    Die Antwort: man fühlt sich fremd. Ein politisches Mini-Statement, versteckt zwischen Wortspielen. Und der Blick ins Heute. Mit GZUZ, einem jüngeren, viel diskutierten Hamburger Rapper.
    Was los Digga Ahnma. Wie wir gucken wie wir labern. Jeder sagt Digga heutzutage. Wir packen Hamburg wieder auf die Karte.
    "Wir machen eine Hommage an tolle Musik, weil wir sind nach wie vor Fan."
    Kurze ernsthafte Momente
    Auf "Advanced Chemistry" feiern die Beginner die Vergangenheit und gleichzeitig das Hier und Jetzt. Jan Delay, der sich als Beginner wieder Eizi Eiz nennt, sorgt mit seiner nöligen Stimme immer noch für Tempo und Refrains. Denyo bleibt der stimmliche Ruhepol. DJ Mad hält weiter die Hip-Hop-Tradition des Scratchens hoch. In ihrer Lässigkeit sind die drei Hamburger noch immer eine Ausnahmeerscheinung. Das Ergebnis: Hits zum Mitrappen. Wie "Meine Posse".
    Genauso wie früher: Zwischen all der gekonnten hip-hop-typischen Selbstbeweihräucherung gibt es kurze ernsthafte Momente, versteckt in einer Sprache, die bewusst Raum für Interpretation lässt. Dann geht es ein paar Sekunden lang um autoritäre Regierungen oder Flüchtlinge, Integration und Toleranz. Gerade da sieht Denyo, selber Afro-Deutscher, wenig Unterschiede zur Zeit seines Idols Torch.
    "Wenn man sich das nach 20 Jahren jetzt mal ansieht, mit der AfD, mit diesem ganzen neuen Rechtsruck, das sind Dinge, die uns beschäftigen."
    Sie denken Schwarz-Weiß. Ich denke Regenbogen. Ich denke Einflüsse. Ich denke "klappt schon". Sie sagen abschotten. Wir sagen abholen.
    Trotz aller Leichtigkeit älter geworden
    Details, Analyse, Tiefe? Die haben auf dieser Platte keinen Platz. Eine ganz bewusste Entscheidung, sagt Eizi Eiz.
    "Wir sind Entertainer. Wir wollen uns und andere unterhalten. Also machen wir in erster Linie geiles Entertainment und dann aber hie und da auch geile Reime mit einem bestimmten kritischen Bezug. Das ist dann wie ein trojanisches Pferd. Aber wenn wir ganze Songs machen mit der Thematik, dann hören das sowieso nur Leute, die das eh schon wissen. Und die anderen interessiert das nicht.
    Eine Ausnahme gibt es, "Spam", eine Rundumkritik an der durchdigitalisierten Welt.
    Tinder statt Kinder. Die Geigen sind verstummt. Das Alleinsein macht uns krank doch wir googeln uns gesund. Und dass die Welt im Dreck versinkt, interessiert uns einen Scheiß. Wir teilen höchstens den Link und spenden dann ein Like.
    Manchmal zeigt es sich doch: Die junggebliebenen End-30er sind trotz aller Leichtigkeit älter geworden. Sie kennen noch eine Welt ohne Smartphone. Eizi Eiz nimmt das mit Humor.
    "Man merkt einfach gewisse Dingen, wo die virtuelle Welt die reale Welt übernimmt - auch bei einem selber und das ist nicht cool. Und jetzt merken wir, dass das Leute, die fünf Jahre jünger sind als wir, dass die das schon gar nicht mehr interessiert. Also was erzählen mir die Opas da vom gefährlichen Internet? Ist mir doch egal."
    "Eine gewisse kindliche Kraft ist im Rap wichtig"
    "Advanced Chemistry" ist kein perfektes Comeback. Das Lied "Rap und fette Bässe" etwa ist Überschussware, ein Angeber-Song zu viel. Nicht jedes Wortspiel zündet, etwa "die Beginner machen Johannes Rei-Bach". "Nach 50 Kurzen, ich geh auf Klo nochmal gründlich furzen" ist Humor auf Abifahrt-Niveau. Aber Denyo verteidigt das:
    "Gründlich furzen reimt sich einfach perfekt auf 50 Kurzen. Guck mal, wir sind jetzt alle Ende 30. Wir sind erwachsener, aber nicht ernster. So eine gewisse kindliche Kraft ist im Rap wichtig und man muss da Spaß haben."
    Humor bleibt Geschmackssache. Auch damit knüpfen die Beginner an ihre Vergangenheit an. Die alten Fans werden sich also nostalgisch an ihre Jugend erinnern können, dürfen sich aber trotzdem für zeitgemäß halten. Denn "Advanced Chemistry" ist kein Aufguss der Jahrtausendwende. Der Sound hat die musikalischen Entwicklungen der letzten 13 Jahre aufgenommen, ist schneller, vielseitiger, musikalisch experimenteller. Deswegen werden Denyo, Eizi Eiz und DJ Mad auch einige an neuen Fans dazu gewinnen.