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Neues Album von Dirty Projectors
Klingt so Post Racial Pop?

Für die New Yorker Band Dirty Projectors um Dave Longstreth heißt es: Zurück auf eins. Im Zuge einiger Umstellungen ist sie zum Ein-Mann-Projekt geschrumpft. Auf dem neuen Album verarbeitet Longstreth diese Bandgeschichte und reiht sich damit ein in die Tradition der Trennungsalben von Bob Dylan über Fleetwood Mac bis Marvin Gaye.

Von Klaus Walter | 23.02.2017
    Jetzt ist er solo unterwegs: David Longstreth bei einem Konzert der "Dirty Projectors" 2013
    Jetzt ist er solo unterwegs: David Longstreth bei einem Konzert der "Dirty Projectors" 2013 (Imago)
    "Ich weiß nicht, warum du mich verlassen hast, du warst meine Seele und mein Partner." Singt Dave Longstreth nachdem die Kirchenglocken verhallt sind. Der verlassene Liebende in neuer Tonlage: Bariton. Später croont er wie Sinatra, wechselt ins Falsett, in eine Art Rap und ins Melismatische - mithilfe von Autotune, der Stimmmanipulations-Technologie. Dave Longstreth, der vielseitige Musiker, singt in vielen Stimmen.
    "Die Dinge sind sehr kompliziert. Das gilt auch für meine Musik. Die entzieht sich jeder Kategorisierung", sagt Dave Longstreth in einem Interview. Die Dinge sind tatsächlich kompliziert. Dirty Projectors war mal der Name einer New Yorker Band, die seit 15 Jahren einzigartige und oft rätselhafte Platten vorlegt. Dann kommt es zu Trennungen, die dazu führen, dass Dirty Projectors heute keine Band mehr sind, sondern ein Projekt von Dave Longstreth. Und sein erstes Album als Ein-Mann Projekt heißt: "Dirty Projectors." Die Dinge sind kompliziert. "Dirty Projectors" ist ein Trennungsalbum, sagt Dave Longstreth. Aber kein einfaches.
    Es ist kompliziert
    "Ich will Geschichten erzählen, die persönlich klingen, aber es ist kein Tagebuch. Und definitiv keine Zeitung. Es ist eher ein Kaleidoskop, eine seltsam schattige Wolke aus Details und Gefühlen und meine Beobachtungen von der Welt um mich herum."
    "Wir haben eine Zeitlang in unserer eigenen Blase gelebt", singt Dave Longstreth. Eine doppelte Blase: hier das Liebespaar, dort die Band. Seine Freundin Amber Coffman hat Longstreth verlassen und die Dirty Projectors gleich mit. In der Band war Amber Coffman die markante Frauenstimme, charakteristisch für den multivokalen, dialogischen Sound der Dirty Projectors. Jetzt ist sie gegangen und Dave Longstreth beklagt das Ende der Liebe und das Ende einer Band. Und er tut das nicht mit den Mitteln der guten alten Rockband:
    "Auf eine verrückte Art ist das meine kollaborativste Platte. Ich habe die unterschiedlichsten Leute kontaktiert und sie haben die unterschiedlichsten Beiträge geliefert. Das ist eine ganz neue Erfahrung für mich."
    Longstreth hat das Bandmodell hinter sich gelassen. Zugunsten einer moderneren Arbeitsweise, er spricht vom "kollaborativen Pop": temporäre Strukturen mit unterschiedlichsten Leuten, die sich in wechselnden Konstellationen zusammenfinden. So kam schon 2010 ein Mini-Album der Dirty Projectors mit Björk zustande. Die isländische Sängerin ist ja ihrerseits eine Pionierin dieser kollaborativen Methode. Dave Longstreth agiert wie ein Kurator oder Regisseur: Er besetzt Rollen. Den trennungsbedingten Verlust der markanten Frauenstimmen kompensiert Longstreth durch seine eigene Mehrstimmigkeit. Und durch das Gastspiel dieser tollen Sängerin.
    Eintrittskarte in die Post Racial Society?
    Dave Longstreth im Dialog mit der afroamerikanischen Sängerin Dawn Richard. Auch Solange gastiert, die Schwester von Beyoncé revanchiert sich für Longstreths Beitrag zu ihrem eigenen gefeierten Album von 2016.
    Dave Longstreth ist ein weißer Musiker mit klassischer Indie-Rock-Vergangenheit. Der arbeitet plötzlich mit schwarzen Künstlerinnen zusammen, auch mit Rihanna oder Kanye West? Ist im Pop der Traum von der sogenannten Post Racial Society Realität geworden, von dem Barack Obama sprach? Eine Gesellschaft, in der die Hautfarbe keine Rolle mehr spielt?
    Rihanna, Beyoncé, Solange, sie gehören zur Pop-Elite, die im Weißen Haus bei den Obamas ein und aus gegangen ist. Dort oben schien der Rassismus überwunden, aber inzwischen wohnt ein anderer Mann im Weißen Haus und der verdankt seinen Erfolg auch seinen Hasstiraden gegen das angebliche Establishment und die abgehobenen Eliten. Und bei den Grammys gibt es eine neue Rassismus-Debatte. Afroamerikanische Musiker kritisieren, dass die wichtigsten Preise - die für das beste Album und für den besten Song - an Adele gegangen sind - eine weiße Britin. Und dass Beyoncé nur die Trophäen in den Randsparten abgekriegt hat. R&B zum Beispiel, bis heute eine mehr oder weniger taktvolle Umschreibung für Musik von Schwarzen. Und was hat das mit "Dirty Projectors" zu tun?
    Postgenre Pop
    "Wir leben in einer Zeit, in der Genres nicht mehr greifen. Was ist Rock? Was ist elektronische Musik?", sagt Dave Longstreth und ist damit weiter als das schwerfällige Musik-Business. Das hält weiter fest an den alten Kategorien und Zuordnungslogiken. Pop ist weiß, R&B ist schwarz, Hiphop sowieso. Diese Kategorien sind überholt, aber wir sind trotzdem darin gefangen. Zumal die neue "Dirty Projectors" ja eigentlich ein lupenreines R&B-Album ist. Eigentlich. Aber es braucht keine Lupe, um zu sehen, dass Longstreth weiß ist, und Weiße machen ja keinen R&B. Es bleibt kompliziert.